„Momo“ und der Kettenbrief-Mythos

Timo Bister

Kettenbrief goes Web 4.0

Im Grunde genommen ist „Momo“ zunächst nichts Weiteres als einer von vielen Kettenbriefen, in denen die übliche Kettenbriefstory geschrieben steht. „Ich bin XYZ und mir ist vor A Jahren B passiert. Wenn du diese Nachricht nicht in X Tagen an Y Personen schickst, werde ich dich heimsuchen.“ Hin und wieder findet man noch diverse Beispiele, was passieren würde, wenn man den Kettenbrief nicht an genügend Personen weiterleitet und in ganz seltenen Fällen Beispiele für den Fall, wenn die Bedingungen erfüllt werden. Meist sind diese gespickt mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Der „Momo“-Kettenbrief wurde nach dem gleichen Schema geschrieben:
„Hallo ich bin Momo und bin vor 3 Jahren verstorben ich wurde von einem Auto angefahren und wenn du nicht möchtest das ich heute Abend um 00:00 Uhr in deinem Zimmer stehe und dir beim schlafen zuschaue dann sende diese Nachricht an 15 Kontakte weiter.“

Bei der Geschichte um „Momo“ erreicht das seit Jahrzehnten bekannte Kettenbrief-Phänomen eine neue Dimension. Aus dem eigentlich harmlosen Kettenbrief wurde ein medialer Hype erschaffen, der Millionen von jungen Zuschauerinnen und Zuschauern erreichte, denn die Möglichkeiten des Instant-Messengers WhatsApp wurden im Fall „Momo“ ausgereizt. Es kursieren diverse Handynummern im Internet, unter denen man „Momo“ gezielt erreichen kann, bis diese von WhatsApp oder vom Mobilfunkanbieter gesperrt werden. Man kann mit „Momo“ schreiben, Sprachnachrichten senden und empfangen und auch anrufen oder von „Momo“ selbst angerufen werden. Meist handelt es sich dabei um schlecht mittels Google-Translator übersetzte Nachrichten auf Japanisch oder Sprachnachrichten und Anrufe, in denen man nur das Scharren von festen Gegenständen auf hölzernen Unterlagen hört. Alles dient dazu, den Gruselfaktor zu verstärken.

Panikmache oder doch ernsthafte Gefahr?

Es wurde inzwischen mehrfach berichtet, dass es unter Androhung von Gewalt oder massiven psychischen Druck zur Erpressungen von Bankdaten und Anschriften, also persönlichen Daten gekommen sein soll. Während das im Bereich des Möglichen liegt, tauchen auch Berichte auf, die unter die Kategorie Panikmache fallen. So wurde von der Boulevard-Presse berichtet, dass es in Südamerika durch das „Momo“ -Phänomen zu Selbstmorden innerhalb einer sogenannten „Suizid-Challenge“ gekommen sein soll, wofür die ortsansässige Polizei nach eigener Aussage nur Vermutungen habe und es keinen konkreten Zusammenhang gäbe. Etwas Ähnliches wurde auch in den letzten Monaten über die „Blue Whale Challenge“ berichtet, freilich ohne Belege.

Eine Interpretation eines Ubume von Toriyama Sekien (1712-1788)

Eine Interpretation eines Ubume von Toriyama Sekien (1712-1788) | Wikimedia Commons/Shikino | Public Domain

Fakten-Check

„Momo“ ist eines definitiv: Ein Fake. Das Foto erinnert an eine groteske Mischung aus einer jungen Frau und einem Vogel. Das ursprüngliche Bild stammte aus Japan und dort konnte man „Momo“ das erste Mal ausmachen. Nicht als Kettenbrief-Avatar, sondern als Skulptur eines Visual Artist aus Japan. Keisuke Aiso ist sein Name und seine Skulptur ist an ein Yonkai, genauer gesagt an die Unterart Ubume angelehnt. Dies sind mythologische Wesen aus der japanischen Folklore und gerade Ubume sind in der Mythologie Japans ein Gruselmärchen. Je nach Quelle sollen diese Wesen Nachwuchs hervorbringen, die wie Steine vom Himmel fallen und Menschen erschlagen oder in dunkler Stunde Kinder entführen. Die Skulptur selbst entstand für die Gothic-Ausstellung „Vanilla Gallery“ und tauchte im Juli 2018 zum ersten Mal im Internet auf dem Portal „Reddit“ auf. Der Künstler hat allerdings bis auf die gestaltgebende Figur nichts mit dem Phänomen zu tun. Es deutet darauf hin, dass der Kettenbrief zunächst als harmloser Spaß in Japan begann, um Freunde oder Fremde zu erschrecken. Allerdings verbreitete sich das Phänomen sehr schnell. Zunächst war nur eine Nummer aus Japan auf Facebook und WhatsApp zu finden. Aber schnell kamen Nummern aus Spanien, Kolumbien und Mexiko hinzu.

Ein Stern am YouTube-Himmel und sein Name ist Momo

Auf YouTube kam es zu einem regelrechten Hype um „Momo“. Diverse YouTuber fingen an, teilweise mehrmals in der Woche über die Geschehnisse rund um „Momo“ zu berichten, aber vor allem auch selbst mit „Momo“ in Kontakt traten und dazu inszenatorisch subjektiv schlechte aber offensichtlich wirksame Videos produzierten, welche teilweise eine Klickanzahl im Millionenbereich generierten, etwa PrankBrosTV oder Rebekah Wing. So mancher YouTube-Kanal orientiert sich nun am Thema „Momo“ und die Betreiber ernennen sich selbst zu „Momo-Experten“. Dabei geht die thematische Bandbreite der Videos vom Chatten und Telefonieren mit „Momo“ bis hin zur Aufzeichnung von „Stalker-ähnlichen Verhalten“ von „Momo“. Hierbei fordere die Schreckfigur Menschen dazu auf, nach draußen zu gehen und „Geschenke“ von sich anzunehmen. Mal schickt „Momo“ japanische Nudelsuppen und manchmal auch Puppen. In den Videos lässt sich durch die nächtliche Dunkelheit, der schlechten Straßenbeleuchtung und die verwackelten Kamerabilder kaum bis gar nichts erkennen. Die WhatsApp Chats, die in manchen Videos eingeblendet werden, lassen sich auch kaum auf ihre Echtheit überprüfen, da es mittlerweile genügend Online-Anbieter gibt, die sich darauf spezialisiert haben, WhatsApp-Chats so originalgetreu wie möglich zu faken. Zusammen vermischen sich die Videos zu einem nicht immer harmlosen Cocktail, so dass Kinder und Jugendliche Angst bekommen können und durch diese mediale Aufbereitung das Phänomen noch bekannter wird. Oft werden sogar einige der vielen im Netz kursierenden Nummern im Video selber klar erkennbar gezeigt. Das lädt zum Nachmachen bei Heranwachsenden ein. So warnen unter anderem Polizeibehörden in Spanien, Mexiko und Deutschland davor, besagte Nummern einzuspeichern und zu kontaktieren.

Das Ende vom Lied

„Momo“ ist am Ende nichts weiteres als ein medial aufgeblähter Kettenbrief, der Nutzer/-innen einen Schrecken einjagen soll und für diverse andere Taten missbraucht werden kann. Es greift wie bei vielen anderen Kettenbriefen dieselbe Regel: Es wird nichts geschehen, wenn man den Kettenbrief nicht weiterleitet. Gerade bei Jüngeren ist es wichtig, dass man vor allem die Angst nimmt und auch ein Bewusstsein dafür schafft. Die Beispiele in Kettenbriefen sind oftmals brutal beschrieben, was zu Angstzuständen führen kann, vor allem wenn Kinder diese zugeschickt bekommen. Entsprechend muss man über das Thema Kettenbrief reden und erklären, dass Mythen nicht real sind und auch nicht real werden und solche Nachrichten grundsätzlich ignoriert werden sollten. Sollten unbekannte Nummern behaupten, dass diese „Momo“ seien, sollten diese blockiert und gemeldet werden. WhatsApp geht in der Regel dagegen vor und sperrt diese Nummern für die weitere Nutzung.

Timo Bister

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