Mobbing im Schulalltag – Interview mit einer Lehrerin

Sascha Schmidt

„Mobbing geschieht oft im Verborgenen.“

Das Thema Mobbing spielt an so gut wieder jeder Schule eine Rolle. Digitale Medien dienen dabei teils als Plattformen für Mobbingprozesse. Doch wie erleben Lehrkräfte solche Prozesse und welche Maßnahmen ergreifen Schulen? Wir haben mit einer Lehrerin an einem Gymnasium im Ostalbkreis gesprochen.

Inwiefern erleben Sie Mobbing im schulischen Alltag?

Für uns Lehrkräfte geschieht Mobbing unter den Schülerinnen und Schülern oft im Verborgenen. Häufig können wir entsprechende Prozesse erst dann wahrnehmen, wenn sich Beteiligte oder Beobachter vertrauensvoll an uns wenden. Oder aber die Mobbingprozesse sind schon so weit fortgeschritten, dass entsprechende Verhaltensweisen unter den Beteiligten auch in den Unterrichtsstunden oder Pausen sichtbar werden. Leider spielt das Thema Mobbing heutzutage in nahezu jeder Schule und Klasse eine Rolle, mal weniger und mal stärker ausgeprägt. Häufig sind es auch sehr enge Freunde, die sich plötzlich verstreiten. Anschließend können sich hier typische Täter-Opfer-Konstellationen bilden.

Welche Rolle spielen digitale Medien hierbei?

Digitale Medien spielen definitiv eine große Rolle. Dies liegt daran, dass die Hemmschwelle für verletzende Äußerungen in sozialen Medien wesentlich geringer ist als im direkten Umgang. Direkte Reaktionen der Opfer auf Mobbingattacken sind für die Täter hier weniger sichtbar als im realen Miteinander. Zudem haben die Schüler/-innen teils Online-Identitäten, die von ihrem schulischen Auftreten abweichen. So können beispielsweise Heranwachsende, die im Schulalltag eher unauffällig erscheinen, online dennoch sehr aktive Täter sein.

Als besonders akut erleben wir Mobbing über WhatsApp. Hier spielen Gruppenchats eine wichtige Rolle. Schüler/-innen schließen sich teils zu Gruppen zusammen, um dort gezielt gegen die Opfer zu hetzen. Darüber hinaus nutzen unsere Schüler/-innen aktuell gern Tellonym. Dies ist eine Plattform, über die man andere Personen anonym bewerten kann. Hier stoßen wir häufig auf extrem verletzende Äußerungen, die aufgrund der Anonymität meist nicht nachverfolgt werden können. Generell machen es soziale Medien und Messenger-Dienste für uns schwer, Prozesse und Rollenkonstellationen in Mobbingfällen richtig zu greifen. Vieles geschieht im Verborgenen. Wer Täter und Opfer sind, ist oft nur schwer einsehbar. Auch wer als stiller Beobachter agiert und nichts unternimmt, kann unter dem Deckmantel von Gruppenchats und Plattformen wie Tellonym nur schwer nachverfolgt werden.

Das Thema Sexting spielt an unserer Schule ebenfalls eine Rolle. Es ist teils erschreckend, wie unbedacht die Schüler/-innen mit intimen Fotos umgehen. Diese werden heute vielleicht nur an die Partnerin oder den Partner geschickt, doch was passiert, wenn die Beziehung zu Ende geht? Wo landen diese Bilder überall? Die virale Verbreitung solcher intimen Fotos läuft heutzutage wirklich erschreckend rasant.

„Viele Entscheidungen treffen wir im Alltag aus dem Bauchgefühl.“

Welche Maßnahmen der Präventionsarbeit gibt es an Ihrer Schule?

Unsere Schule arbeitet mit externen Fachkräften aus der Präventionsarbeit zusammen. Diese führen regelmäßig Workshops in Klassen durch, wo wir als Lehrkräfte mit unserer pädagogischen Arbeit möglicherweise nicht mehr weiterkommen. Darüber hinaus gibt es an unserer Schule Klassenlehrerstunden, in denen das Thema Mobbing und Cybermobbing behandelt wird. Wenn die Themen besprochen werden, zeigen sich die Schüler/-innen auch meist einsichtig. Was jedoch außerhalb des Unterrichts geschieht, können wir schlichtweg nicht nachprüfen. Generell halte ich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Schüler/-innen und Lehrkraft für wichtig. Nur wenn dieses vorhanden ist, besteht die Chance, dass sich Heranwachsende öffnen und sich mit ihren Anliegen an uns wenden.

Weitere präventive Maßnahmen an unserer Schule sind erlebnispädagogische Tage. An diesen Tagen nehmen unsere Schüler/-innen an Teamtrainings teil, zum Beispiel im Klettergarten. Es ist wichtig, dass die Heranwachsenden erkennen, dass sie jede einzelne Person im Team benötigen, um ans Ziel zu gelangen. In akuten Fällen gibt es an unserer Schule zudem ein Krisenteam bestehend aus Schulleitung und Lehrkräften. Dieses kann mit seiner Erfahrung auf einen Fundus an Interventionsmaßnahmen zurückgreifen.

Fühlen Sie sich bei den Themen Mobbing und Gewaltprävention ausreichend unterstützt?

Ich muss zugeben, dass diese Themen in meinem Studium leider nahezu gar nicht aufgegriffen wurden. Erst während des Referendariats gab es vereinzelt Veranstaltungen oder inhaltliche Einheiten hierzu. Dennoch ist jede Situation anders und ein Allgemeinrezept gegen Mobbing gibt es nicht. Zumal während meiner Ausbildung Themen wie WhatsApp Gruppenchats oder Tellonym noch gar keine Rolle spielten. Viele Entscheidungen treffen wir im Alltag aus dem Bauchgefühl, weil es schlichtweg keine vorgefertigten Handlungsanleitungen für jede Situation gibt.

Aus Erfahrung kann ich berichten, dass es leider auch Eltern gibt, welche in akuten Fällen das Hinzuziehen einer Beratungsstelle oder der Polizei ablehnen. Dies ist sehr schade und das sind die Fälle, in denen wir mit unserer pädagogischen Arbeit an unsere Grenzen geraten. Hier wären regelmäßige Fortbildungsmaßnahmen für das gesamte Kollegium sicherlich sinnvoll.

Herzlichen Dank für das Interview.

Bei Fragen zum Thema Cybermobbing können Sie sich an unsere medienpädagogische Beratungsstelle wenden. Weitere Informationen rund um das Thema (Cyber-)Mobbing finden Sie hier.

Sascha Schmidt

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