Kurt Tucholsky zum 125. Geburtstag

Anja Lochner, Jiří Hönes, Henriette Carle
Kurt Tucholsky und Lisa Matthias im schwedischen Läggesta

Kurt Tucholsky und Lisa Matthias im schwedischen Läggesta, 1929 | Wikimedia Commons/Sonja Thomassen | CC BY-SA 3.0

Kurt Tucholsky war viele

Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel – Kurt Tucholsky war viele. Unter all diesen Pseudonymen schrieb und publizierte der gesellschaftskritische, antimilitaristische und politisch engagierte Journalist und Schriftsteller, Satiriker und Lyriker, Kabarettautor und Kritiker, der am 9. Januar vor 125 Jahren das Licht dieser Welt erblickte. Grund genug für uns, Bilder, Texte, Töne, Filme und Quellen für Sie zusammenzustellen. Am 21. Dezember 2015 wird sich Tucholskys Todestag zum 80. Mal jähren.

Online verfügbare Texte und Quellen

Seit dem 1. Januar 2006 sind die Werke Tucholskys gemeinfrei: 70 Jahre nach dem Todesjahr des Autors und Publizisten läuft nach dem deutschem Urheberrecht die Schutzfrist ab. Mittlerweile sind zahlreiche seiner Texte online zu finden, allerdings in unterschiedlicher Qualität.

Lyrik und Kurzprosa bei Wikisource

Hohe Standards hinsichtlich der Zitierfähigkeit bietet Wikisource, die freie Quellensammlung der Wikimedia-Stiftung. Hier wird alles exakt so wiedergegeben, wie es in der Originalquelle zu finden ist: Einrückungen und Umbrüche werden dargestellt, ja sogar Satzfehler finden sich originalgetreu wieder. Zudem lässt sich alles verifizieren, da stets ein Scan der jeweiligen Originalseite verfügbar ist. Tucholskys berühmte Erzählungen Rheinsberg: „Ein Bilderbuch für Verliebte“ (1912) und „Schloß Gripsholm“ (1931) fehlen hier noch, doch sind seine Lyrik- und Kurzprosasammlungen „Fromme Gesänge“ (1919), „Mit 5 PS“ (1928), „Das Lächeln der Mona Lisa“ (1929) und „Lerne lachen ohne zu weinen“ (1931) komplett enthalten.

Und darin lässt sich so manches Schmuckstück finden: In „Die ausgezogene Frau“ aus „Lerne lachen ohne zu weinen“ sinnierte er über die zeitgenössische Pornografie und bemerkte, „diese Bilder-Industrie“ fange an, ihm „erheblich langweilig zu werden“. Die Badeschönheiten in den Unterständen der Weltkriegssoldaten könne er ja noch verstehen: „Es war Ersatz.“ Angesichts der unzähligen Magazine, welche damals schon auf dem Markt waren, fragte er sich dennoch: „Was fangen aber nur heute die Kerls mit diesen vielen zuckersüßen Bildern an, während doch die sicherlich reizenderen, weil nicht so glatten Originale um sie herumlaufen?“
 

Fromme Gesänge (1919)

Mit 5 PS

Das Lächeln der Mona Lisa

Lerne lachen ohne zu weinen

Was darf die Satire?

Neben diesen Sammelbänden haben die fleißigen Mitarbeiter/-innen von Wikisource auch schon eine große Zahl an Einzelveröffentlichungen Tucholskys aus den Zeitschriften Ulk, Vorwärts, dem Prager Tagblatt und der Schau- beziehungsweise Weltbühne eingestellt. Traurige Aktualität besitzt sein 1919 im Berliner Tagblatt erschienener Text „Was darf die Satire?“. Darin teilte er der deutschen Nation die Schelte aus, sie sei zur Satire unfähig – produktiv wie rezeptiv: „Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.“ Die Einstellung gegenüber der Satire mag sich in dem Jahrhundert, das seither beinahe Vergangen ist, geändert haben, die Eingangsfrage ist so aktuell wie damals. Tucholsky hatte eine Antwort parat:

„Was darf die Satire?

Alles.“

Was darf die Satire?

Deutschland, Deutschland über alles

Einen weiteren Schatz birgt das ehrenwerte Internet Archive, nämlich das 1929 erschienene „Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch von Kurt Tucholsky“ und vielen Fotografen. Das gesellschaftskritische Werk ist eine bis heute spannende Verbindung von Dokumentarfotografie und Kommentaren in Prosa und Lyrik. Es richtete sich gegen die Missstände der Gesellschaft in der Weimarer Republik, gegen Militarismus und wachsende soziale Ungerechtigkeit. In kulturkritischen Essays beschäftigte er sich mit heute noch aktuellen Themen wie Verkehr oder Architektur. Das Buch schließt mit dem Essay Heimat, in dem Tucholsky nach über 200 Seiten bissiger Kritik bekennt: „Ja, wir lieben dieses Land.“ Er will Deutschland nicht den Nationalisten und Militaristen, den „nationalen Eseln“ überlassen: „Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich ‚national‘ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. [...] Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. [...] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.“

Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch von Kurt Tucholsky

Rheinsberg und Schloß Gripsholm bei der bibliotheca Augustana

Die schönsten Online-Ausgaben der beiden Erzählungen Rheinsberg: „Ein Bilderbuch für Verliebte“ und „Schloß Gripsholm“ sind unserer Meinung nach diejenigen der bibliotheca Augustana der Hochschule Augsburg. Hier finden sich zudem weitere Texte, etwa Tucholskys Rezension zu Kafkas Der Prozeß. Zu Rheinsberg gibt es auf YouTube nette Erläuterungen des Kurt Tucholsky Literaturmuseums Schloss Rheinsberg.

bibliotheca Augustana

Rheinsberg ein Bilderbuch für Verliebte (YouTube)

Tucholsky vertont

Zahlreiche Gedichte von Tucholsky wurden vertont und als Chansons von der Weimarer Republik bis heute eingesungen. Hanns Eisler zum Beispiel hat alleine 40 Lieder nach Texten von Tucholsky komponiert, wie zum Beispiel das Anna-Luise-Lied nach dem Gedicht Wenn die Igel in der Abendstunde von 1928. Wer sich für die Entstehungsgeschichte der Komposition interessiert, kann sie bei Hanns Eisler und Kurt Tucholsky von Christine Hellweg nachlesen. Drei Gedichte und ihre Vertonungen haben wir für Sie herausgesucht.

Wenn die Igel in der Abenstunde (1928) / Anna-Luise

Text (Wikisource)

Gesungen von Reinhard Mey: „Anna-Luise“ (1985, YouTube)

Augen der Großstadt

Text (Wikisource)

Gesungen von Udo Lindenberg (Live in Koblenz 1987, YouTube)

Sie, zu ihm

Text (textlog.de)

Gesungen von Jasmin Tabatabai (2000, YouTube)

Tucholsky verfilmt

In den 1960er Jahren wurden unter anderem die Erzählungen Rheinsberg und Schloss Gripsholm verfilmt.

Aus dem Jahr 2000 stammt der Film Gripsholm von Xavier Koller, der die Handlung von  Schloss Gripsholm mit Szenen aus der Biografie Tucholskys mischt. In einigen Medienzentren kann dieser Film als DVD oder über die SESAM-Mediathek ausgeliehen werden.

SESAM-Mediathek

Anja Lochner, Jiří Hönes, Henriette Carle

Diese Seite teilen:

Weitere Informationen

Kategorien: