Digitales Klassenbuch in der Praxis: Das sagen Lehrkräfte

Sascha Schmidt
Tablet im Bücherregal

GettyImages/baona

Die DSGVO in der Schule

Mit Inkrafttreten der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) im Mai 2018 stehen auch Schulen vor neuen Herausforderungen hinsichtlich des Umgangs mit personenbezogenen Daten. Eine zentrale Rolle im schulischen Alltag spielt hierbei das Klassenbuch. Aus Sicht des Datenschutzes dürfte dieses nämlich nicht unbeaufsichtigt im Klassenraum zugänglich sein, da Schülerinnen und Schüler auf diese Weise Einsicht in die dort enthaltenen sensiblen Daten nehmen könnten. Deshalb setzen immer mehr Schulen ein digitales Klassenbuch ein. Allerdings gibt es noch keine eindeutige Regelung, wie digitale Klassenbücher in Baden-Württemberg genutzt werden dürfen. Aktuell tolertiert das Kultusministerium Baden-Württemberg das digitale Klassenbuch, wenn parallel ein analoges Klassenbuch geführt wird und die Lehrkräfte die Daten regelmäßig in Papierform archivieren.

Doch wie stehen Lehrkräfte zum digitalen Klassenbuch? Wir haben mit drei Lehrkräften gesprochen, die das digitale Klassenbuch an ihrer Schule bereits einsetzen und die uns von Vorteilen, aber auch von neuen Herausforderungen in der täglichen Arbeit berichteten.

Viele Funktionen bieten Erleichterung in der täglichen Arbeit

Genutzt wird das digitale Klassenbuch bei allen Lehrkräften sowohl auf dem Schulcomputer als auch auf dem Heimcomputer sowie dem privaten Smartphone. Vorteile des digitalen Klassenbuchs sehen die Lehrkräfte vor allem in der ständigen Verfügbarkeit: „Man kann notfalls auch von zu Hause auf das Klassenbuch zugreifen und Einträge vornehmen, die man möglicherweise im Unterricht vergessen hat.”, so eine befragte Lehrkraft. Darüber hinaus wurde die einfache Handhabung betont. Mit nur wenigen Klicks seien Funktionen nutzbar, welche die schulische Arbeit erleichtern und einige analoge Arbeitsschritte ersparen.

Als eine der nützlichsten Funktionen nannten die Lehrkräfte den schnellen und jederzeit verfügbaren Überblick über geplante Klassenarbeiten von Kolleginnen und Kollegen. Auf diese Weise können sie die eigenen Termine für Klassenarbeiten besser planen und in Abstimmung mit denen anderer Fächer koordinieren. Auch Vertretungsstunden können sie über das digitale Klassenbuch einsehen. Insbesondere zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichts biete das digitale Klassenbuch Vorteile, da der Stoffverteilungsplan jederzeit einsehbar ist und die Lehrkraft schnell und einfach nachsehen kann, welche Themeneinheiten in den letzten Stunden behandelt wurden. Beispielsweise können gehaltene Stunden eines bestimmten Fachs gefiltert angezeigt werden, was somit die aufwendige Suche im gesamten Tagebuch erspart. Aus Schulleitungssicht können Tagebuchkontrollen einfacher und flexibler vorgenommen werden. Beim analogen Tagebuch ist es häufig schwierig, zwischen Schulleitung und Lehrkräften abzustimmen, wann das Tagebuch für die Kontrolle zu entbehren ist. Im ungeschicktesten Fall müssen Lehrkräfte Unterrichtsstunden, die während der Kontrollzeit des Klassenbuchs gehalten wurden, zu einem späteren Zeitpunkt nachtragen.

Digitales Endgerät muss stets griffbereit sein

Neben Vorteilen sehen die befragten Lehrkräfte aber auch Herausforderungen in der Nutzung des digitalen Klassenbuchs. Insbesondere für nicht-medienaffine Lehrkräfte sei es nicht immer einfach, sich an die nun digitalisierten Arbeitsprozesse zu gewöhnen und sich in diese einzuarbeiten. Auch ältere Lehrkräfte, die Jahrzehnte mit analogen Klassenbüchern gearbeitet haben, stünden in der Einführungsphase teils vor großen Schwierigkeiten. Eine weitere Problematik sehen die befragten Lehrkräfte in der Voraussetzung, dass stets ein digitales Endgerät vorhanden sein muss, um das digitale Klassenbuch zu nutzen. „Nicht jedes Klassenzimmer und nicht jeder Fachraum verfügt über einen schnellen Computer mit Internetzugang und auch das eigene Smartphone hat man nicht immer griffbereit.”, so eine der befragten Lehrkräfte. Entsprechend müssten Stunden oder Vermerke nachgetragen werden. Schwierigkeiten können insbesondere dann auftreten, wenn es sich um eilige Vermerke handelt wie zum Beispiel Krankmeldungen, wichtige Vorkommnisse oder entlassene Schülerinnen und Schüler. Wenn diese Einträge durch fehlende Technik nicht im Klassenbuch hinterlegt sind, können andere Lehrkräfte, die in der Klasse unterrichten, nicht auf diese Informationen zurückgreifen und möglicherweise nicht angemessen auf unterrichtliche Situationen reagieren. Darüber hinaus sei nach Aussage einer Lehrkraft in der genutzten Software bei den eingetragenen Klassenarbeiten nicht hinterlegt, wann die Termine erstellt wurden. Die Kolleginnen und Kollegen können somit nicht nachprüfen, welche Lehrkraft die jeweilige Klassenarbeit zuerst eingetragen hat, was bei der Jahresplanung durchaus zu Missstimmungen im Kollegium führen kann.

Datenschutzrechtlich besonders kritisch ist, wenn Lehrkräfte mit privaten Endgeräten auf das Klassenbuch zugreifen. Schließlich werden in diesem Moment dienstliche Daten auf privaten Endgeräten verarbeitet. Dies bedarf somit klarer Regelungen und sicherheitstechnischer Maßnahmen bei der Einrichtung der privaten Geräte. Ob diese Maßnahmen im schulischen Alltag eingehalten werden, lässt sich jedoch nur schwer regelmäßig überprüfen.

Insgesamt zeigt sich, dass das digitale Klassenbuch eine ausgewogene Mischung aus Vorteilen und Herausforderungen mit sich bringt. Insbesondere ist es notwendig, den Lehrkräften durch Schulungen den Einstieg in die Arbeit mit dem digitalen Klassenbuch zu erleichtern und sich bei der Nutzung von privaten Endgeräten durch Vereinbarungen und Sicherheitsmaßnahmen abzusichern. Auch die technische Infrastruktur einer Schule spielt eine wichtige Rolle. Gerade im ländlichen Raum mit teils lückenhaften Mobilfunknetzen haben Lehrkräfte es schwer, auf das digitale Klassenbuch zuzugreifen, wenn kein WLAN oder leistungsfähige Computer in den Unterrichtsräumen zur Verfügung stehen. Ungeachtet der Vor- und Nachteile kann nach aktuellem Stand auf das analoge Tagebuch nicht gänzlich verzichtet werden, da die Daten nach wie vor auch in Papierform archiviert werden müssen.

 

Sascha Schmidt

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