„Die Industrie braucht das Smart Home mehr als wir.“ – Big Data im Rahmen der IDEepolis-Tagung 2018

Sascha Schmidt
Smart Home

Auch Smart Homes sammeln ständig Daten. | Unsplash.com/Bence Boros | Unsplash license

20 Jahre Google = 20 Jahre Datensammlung

Der Internetriese Google feiert in diesem Jahr sein 20. Jubiläum. 20 Jahre Google – das bedeutet zum einen 20 Jahre bequeme Online-Suche, zum anderen aber auch 20 Jahre Datensammlung in mittlerweile unvorstellbarem Umfang. Was einst als einfacher Suchalgorithmus angelegt war, ist heute eine der größten Datenkraken unserer Zeit. Doch Google ist nur ein Beispiel für den immer größer werdenden Datenhunger bekannter Online-Dienste. Konzeptkünstler Florian Mehnert und Dr. Stefan Brink, Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit des Landes Baden-Württemberg, diskutierten im Rahmen der IDEepolis Tagung am 5. Dezember 2018 an der Hochschule der Medien Stuttgart über das Thema Big Data in der heutigen Gesellschaft.

Daten im Austausch für Service

Das menschliche Verhalten als Rohstoff: So oder so ähnlich könnte man wohl die Unmengen an Daten beschreiben, die täglich nahezu alle Online-Dienste über unser Verhalten sammeln. Mussten Unternehmen früher noch mit Stift und Zettel Interviews führen, um werberelevante Persönlichkeitsprofile zu erstellen, so geschieht heute fast alles automatisiert und digital. Zu den für Unternehmen wertvollsten Daten zählen heutzutage beispielsweise gesuchte Begriffe im Internet, besuchte Websites, Kommunikationsverläufe, getätigte Einkäufe, verteilte Likes, Gesundheitsdaten und Bewegungsprofile. Diese und viele weitere Daten ergeben zusammen das Persönlichkeitsprofil eines jeden einzelnen Nutzers, welches die Unternehmen vor allem für personalisierte Werbung nutzen.

Was mit den gesammelten Daten seitens der Unternehmen darüber hinaus geschieht, das können wir nur erahnen. Sicher ist, dass mehr als 90 Prozent der Apps im Google Play Store persönliche Daten an Drittanbieter weitergeben. Als Beispiel für jene Drittanbieter nannte Konzeptkünstler Mehnert das Unternehmen GroundTruth, das sich darauf spezialisiert hat, Daten zu sammeln, um auf deren Basis das Verhalten von Menschen zuverlässig vorhersagen zu können. Diese Verhaltensvorhersagen gehen sogar soweit, dass von Individuen aufgesuchte Einkaufsmöglichkeiten abhängig von verschiedenen Wetterszenarien prognostiziert werden sollen. Ein bizarres Szenario, welches dadurch zustande kommt, dass wir generell äußerst großzügig mit unseren Daten umgehen. Doch wie kommt es überhaupt dazu? Für Mehnert und den Landesdatenschutzbeauftragten Dr. Brink liegt die Antwort klar auf der Hand: Wir erhalten für unsere Daten eine Gegenleistung von den Unternehmen. Sei es die Stauinfo in Echtzeit von Google Maps, Einkaufsrabatte bei Payback oder die Möglichkeit der Kommunikation über Social Media. Mehnert sieht ein grundsätzliches Problem darin, dass die meisten jener Services für uns auf den ersten Blick nichts kosten. Aus seiner Sicht wäre es erstrebenswert, dass wir für die genutzten Dienste lieber mit Geld als mit unseren persönlichen Daten bezahlen. Doch für ein solches Umdenken sei die Bequemlichkeit bei der kostenfreien Nutzung all jener Angebote bereits zu weit fortgeschritten. Für die meisten Menschen, die in der digitalisierten Welt aufwachsen, ist die Nutzung jener Dienste selbstverständlich und auch die Preisgabe persönlicher Daten als Gegenleistung wird häufig nicht (mehr) kritisch hinterfragt.

 

Was Pokémon und Alexa gemeinsam haben

Die nach wie vor beliebte Augmented-Reality-App Pokémon GO sei laut Mehnert ein Paradebeispiel für die Datensammelwut und auch die dahinter steckenden Werbemechanismen vieler Online-Dienste. So sammelt die App sensible Daten wie Bewegungsprofile und Kontakte, sie darf Dokumente in Google Drive einsehen, E-Mails auf den Endgeräten lesen und theoretisch sogar selbst E-Mails über das jeweils genutzte Endgerät versenden. Unternehmen können sich inzwischen sogar bei Pokémon GO einkaufen, sodass die App besonders seltene Pokémon beispielsweise in Restaurants und Einkaufsgeschäften platziert und somit potentielle Kunden lockt.

Auch den Bereich des Smart Homes betrachten Mehnert und Brink äußerst kritisch. Man müsse sich vor Augen führen, dass Sprachassistenten wie Alexa oder andere mit dem Netz verbundene Haushaltsgeräte nicht in erster Linie dazu entwickelt wurden, das Leben der Konsumenten besser zu machen, sondern um noch mehr Daten abzugreifen. „Schlussendlich benötigt die Industrie Smart Home Geräte mehr, als wir sie brauchen“, resümiert Mehnert. „Wenn wir heute einen Blick auf die Komplexität der Datensammlungsprozesse werfen, so ist das Inkrafttreten der europäischen Datenschutzgrundverordnung im Mai 2018 definitiv ein Schritt in die richtige Richtung“, ergänzt der Landesdatenschutzbeauftragte. Nutzer/-innen müssen die Möglichkeit haben, einzusehen, was mit ihren Daten passiert. Nur so können sie ein Verständnis dafür aufbauen, warum jene Daten für Unternehmen so wertvoll sind und aus Sicht der Nutzer/-innen schützenswert sein sollten.

Mehr zum Thema Big Data erfahren Sie hier.

 

Sascha Schmidt

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