Die Erste E-Mail Deutschlands

Susanne Onnen
@-Zeichen aus Holz vor weißem Hintergrund

GettyImages/Pachai-Leknettip

Die Erste Internet E-Mail Deutschlands ging in einem Keller in Karlsruhe ein

Alles begann mit einem „Pling“ in einem Keller in Karlsruhe, genauer: im Keller des Hauptgebäudes für den Fachbereich Informatik an der Universität Karlsruhe (TH), dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dort befand sich ein eigens für den Mailempfang eingerichteter Computer. Das Gerät VAX 11/750, das in etwa die Größe eines Kühlschranks hatte, war mit dem UNIX-Betriebssystem BSD in einer neuen Version mit Unterstützung für die Internet-Protokolle TCP/IP ausgestattet.

In eben jenem Keller ging am 3. August 1984 um 10:14 Uhr die erste E-Mail in Deutschland ein. Erhalten haben diese Professor Werner Zornund sein Mitarbeiter Michael Rotert von der TH. Absender war Laura Breeden vom Administrationsbüro des Internetvorläufers CSNET (Computer Science Net) bei Bolt Beranek & Newmann (BNN) in Boston, Massachusetts.

"Michael, this is your official welcome to CSNET", lautete die Nachricht an Rotert und Zorn. “We are glad to have you aboard”.

Mit dieser Mail bestätigte Breeden am 2. August 1984, 12:35 Uhr US-amerikanischer Zeit, dass die Informatiker der Universität Karlsruhe als Erste in Deutschland nun offiziell am grenzübergreifenden Wissenschaftsnetzwerk CSNET angeschlossen waren.

Was die zeitliche Differenz des Postausgangs bzw. Posteingangs betrifft, so resultierte sie aus der Tatsache, dass Breedens E-Mail über mehrere Server weitergeleitet wurde und mehr als 24 Stunden benötigte, bis sie schließlich im sogenannten CSNET-Relay landete. Dort wurden die Mails gesammelt und dann von Karlsruhe aus quasi abgeholt. 

Michael Rotert, der Empfänger der Mail, erinnert sich in einem Gespräch mit der Zeitung „Die Welt“: „Weil ich darauf gewartet habe, bin ich sonntags extra ins Büro gefahren, um mir die Mail zu holen. Die Mailadressen waren damals noch nicht normiert, jedes System hatte sein eigenes Adressformat. Das galt es, rauszufinden und zu interpretieren, sodass man spätere Mails, die reinkamen, in Deutschland verteilen konnte.“

Die Voraussetzungen

Bereits Ende 1982 hatte Werner Zorn den Projektantrag „Interkonnexion von Netzen“ eingereicht, indem er dem Bundesforschungsministerium (BMFT) vorschlug, das geplante Deutsche Forschungsnetz (DFN) an das US-amerikanische Computer Science Net (CSNET) anzubinden. Das amerikanische CSNET, welches 1981 als akademisches Computernetz gegründet und von der National Science Association (NSF) gefördert wurde, war ein Zusammenschluss mehrerer Hochschulen in den USA. Es sollte über das militärisch finanzierte ARPANET hinaus und dadurch die interuniversitäre Kommunikation national und international vereinfachen. Daher wird das CSNET auch als „Erstes Internet“ bezeichnet. Es war das erste System, das die Kommunikationsprotokolle nutzte, die denen des Internet entsprechen.

In seiner 2014 verfassten Festschrift anlässlich des 30. Jahrestags der „1. Deutschen Internet-E-Mail“ beschreibt Zorn, welch begeisterte Aufbruchsstimmung die Mail von Laura Breeden bei seinem Projektteam hervorrief: Schließlich waren die Karlsruher Informatiker die ersten internationalen Partner der US-Unis und wollten ihren Netzanschluss daher so schnell wie möglich zum Erfolg führen. „Wir haben das aus Entdeckerfreude gemacht und nicht ans Geld gedacht. Zwar haben Zeitungen damals darüber berichtet, aber es lief eher unter dem Label ‚Exotenwissenschaft‘.“ Die Informatiker waren hochmotiviert und hätten einfach Freude daran gehabt, am Aufbau einer schönen neuen Welt der offenen Kommunikation selbst aktiv und gestaltend mitwirken zu können.

Nach dem Startschuss in Karlsruhe verlief alles ganz schnell: Schon bald gingen die Universitäten in Kaiserslautern und Saarbrücken mit Forschungsschwerpunkten zur Künstlichen Intelligenz ans Netz. Deutschland und Israel waren die ersten Nationen, die bereits 1984 an das CSNET angeschlossen waren. Danach folgte Frankreich.

Erste deutsche E-Mail oder erste Deutsche Internet-E-Mail Deutschlands?

Fakt ist, dass in Deutschland bereits vor 1984 E-Mails verschickt und empfangen wurden. Dies ist Ray Tomlinson, dem „Erfinder“ der E-Mail zuzuschreiben, dem es bereits Ende 1971 gelang, eine Nachricht über das ARPANET von einem Computer zum anderen zu schicken. Tomlinson war – wie Laura Breeden auch – bei dem Forschungsunternehmen Bolt Beranek and Newmann (BNN) beteiligt. Tomlinson führte erstmals das heute geläufige @-Zeichen ein, um den Benutzernamen mit dem Hostnamen zu verknüpfen. Somit konnte eine individuelle Adresse erzeugt werden, an die Nachrichten zugestellt werden konnten.

Neu an der aus dem CSNET verschickten Karlsruher E-Mail mit dem Absender breeden@scnst-sh.arpa und dem Betreff „Wilkommen [sic!] in CSNET“ war, dass sie erstmals an einen eigenständigen deutschlandweit verfügbaren E-Mail-Server über das Internet ging. Zuvor musste man sich telefonisch in amerikanische Computer einwählen. Daher spricht man heute von der ersten Internet-E-Mail-Deutschlands. Die Mail, die Michael Rotert nach Erhalt der Mail im August 1984 ausdruckte, befindet sich heute in Papierform im Stadtarchiv Karlsruhe. Was für ein Glücksfall für die Geschichtswissenschaften, denn die Festplatte des Mail-Gateways ist noch erhalten – aber nicht mehr lesbar.

Karlsruhe Internethauptstadt Deutschlands

Wie einer Pressemitteilung des KIT zu entnehmen ist, wurde im Jahr 2014 der 30. Jahrestag des E-Mail-Eingangs in Karlsruhegebührend gefeiert. Der Präsident des KIT, Holger Hanselka, kommentierte das Ereignis wie folgt: „Die erste E-Mail in Karlsruhe war der Vorbote einer enormen technologischen und gesellschaftlichen Veränderung. Die schnelle Kommunikation hat unsere Welt zusammenwachsen lassen und den grenzüberschreitenden Austausch von Ideen und Perspektiven ermöglicht. Ein gelungenes Beispiel von Forschung und Technologietransfer, die unseren Alltag erreichen.“
 

Eine detaillierte Chronik des „Karlsruher Wunders“ bietet die lesenswerte Festschrift von Professor Werner Zorn.

Susanne Onnen

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