Der Bullshit hat die Lüge normalisiert – Digitalisierung und Demokratie im Rahmen der IDEepolis-Tagung 2018

Sascha Schmidt
Anzeige zur US-Präsidentschaftswahl 2016

twitter.com/nia4_trump

Spannungsverhältnis zwischen Medienkanälen und Manipulateuren

Post-Truth, Populismus und Bullshitting sind zentrale Schlagworte, welche das derzeitige Spannungsverhältnis zwischen Medienkanälen und Manipulateuren sowie Propagandisten treffend beschreiben. Im Rahmen der IDEepolis-Tagung am 5. Dezember 2018 an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart wurde das Thema Digitalisierung und Demokratie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Fake Partizipation an der Demokratie

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 bequem vom Sofa per SMS wählen? Hört sich zu schön an, um wahr zu sein? Wer den zahlreichen Werbeanzeigen im Internet zu jener Zeit Glauben schenkte, konnte seine Stimme für Hillary Clinton bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 einfach per SMS abgeben. Eine ähnliche Anzeige für Donald Trump erschien in diesem Kontext nicht. Wohl auch deshalb nicht, weil die Kampagne gezielt von Trump-Unterstützern initiiert wurde, um vermeintlich leicht zu manipulierende Wählerinnen und Wähler glauben zu lassen, sie hätten mit einer simplen SMS ihren Beitrag zur US-Wahl geleistet. Für Prof. Dr. Oliver Zöllner vom Institut für Digitale Ethik an der HdM Stuttgart stellt diese Kampagne ein Paradebeispiel für Wahrheit in Zeiten der „Post-Truth“, also der Post-Wahrheit, dar. Die Bürgerinnen und Bürgern erfahren hier eine mediatisierte Partizipation an der Demokratie, die in Wirklichkeit gar keine ist. Doch jene Kampagne sei nur die Spitze des Eisbergs in der unüberschaubaren Gegenwart der „Post-Truth“. Das Online-Publikum wird heutzutage als Markt angesehen und die Bürgerinnen und Bürger sind aus Sicht von Manipulatoren schlichtweg Konsumenten. Auch bestimmte Regierungen setzten inzwischen auf Maßnahmen der Informationsverzerrung, um westliche Gesellschaften zu destabilisieren, so Zöllner. Fiktionale und narrative Strukturen dringen in die Berichterstattung der Medien ein und machen es aufgrund ihrer teils glaubwürdigen Präsentation für Nutzer/-innen immer schwerer, Wahres vom Falschen zu unterscheiden. Der Bullshit hat gewissermaßen die Lüge normalisiert, so das Fazit Zöllners.

Sieben der zehn erfolgreichsten Beiträge über Angela Merkel bei Facebook sind Fake News

Rayk Anders, Journalist und YouTuber für Funk, untersucht in seiner Dokumentation „Lösch Dich! So organisiert ist der Hate im Netz“ den Populismus in Social Media. Dass im Jahr 2017 gerade einmal ein einziger der zehn erfolgreichsten Beiträge über Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Facebook der Wahrheit entsprach, verdeutlicht die quantitative Macht jener populistischen Beiträge. Zwei der zehn erfolgreichsten Beiträge waren Meinungsäußerungen und sieben waren schlichtweg Fake News.  

In seinen Recherchen stieß Anders auf Strukturen, welche ihre manipulativen Inhalte organisiert verbreiten, vermeintliche Bullshit-Attacken gezielt koordinieren und mit Hilfe von technischen Tricks wie Fake Accounts eine breite Masse mit gleicher politischer Ausrichtung simulieren. Auf diese Weise sollen Nutzer/-innen in ihrer Meinung beeinflusst und meist in eine bestimmte politische Richtung gedrängt werden. Jener Populismus kommt jedoch nicht nur aus einer Ecke, sondern von allen politischen Seiten, also links, rechts und sogar aus der Mitte, betont Prof. Dr. Volker Lilienthal von der Universität Hamburg. Der Populismus stellt sich dabei bewusst gegen den Wertekanon unserer Gesellschaft und kann meist gerade deshalb so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.  

Doch woher kommt diese Neigung zum Populismus? Als zentrale Ursachen sieht Prof. Dr. Lilienthal die persönliche Unzufriedenheit der Bürger/-innen mit dem Status Quo und das Gefühl, dass der eigene politische Willen nicht genug repräsentiert ist. Prof. Dr. Zöllner nennt hingegen vor allem die Bequemlichkeit als gesellschaftliches Problem, welches die Neigung zu informationsverzerrenden Inhalten verstärkt.

Medien schaffen neue gesellschaftliche Strukturen

Fake News sind nur ein Teil von gigantischen Umstrukturierungen, welche durch die Mediatisierung der Gesellschaft stattfinden. Beispiele für den Strukturwechsel sind zahlreiche erfolgreiche Online-Services: Die Plattform Uber beispielsweise wirft auf einen Schlag gesetzte Strukturen in der Taxi- und Transportbranche über den Haufen, airBnB überrollt das Hotelgewerbe und YouTube löst das klassische Fernsehen mehr und mehr ab. Doch wie können wir Kinder und Jugendliche auf den Umgang mit jenen neuen Herausforderungen vorbereiten? Für Prof. Dr. Zöllner sieht diesbezüglich nicht nur die Vermittlung von Medienkompetenz als notwendig an. Darüber hinaus sei es von Bedeutung, sowohl eine grundlegende Gesellschaftskompetenz als auch eine geschichtliche Kompetenz aufzubauen. Die Vermittlung jener Kompetenzen sei jedoch keinesfalls mit kurzfristigen Maßnahmen erledigt, ganz im Gegenteil: Zöllner sieht hierin ein Langzeitprojekt und eine Mammutaufgabe für die heutige Gesellschaft. Und dennoch sei Bildung kein Allheilmittel, fügt er hinzu. Denn gerade der komplexe Themenbereich Fake News offenbare immer wieder, dass auch bildungsnahe Schichten offen für manipulative Inhalte sein können.

Mehr zum Thema Informationskompetenz erfahren Sie hier.

Sascha Schmidt

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