Rückblick auf den Bildungsplan 2004

Der evangelische Religionsunterricht weist in Hinblick auf die Integration der Medienbildung mit dem Bildungsplan 2004 noch keine expliziten Bezüge auf. In den „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb“ kann die Medienkompetenz beziehungsweise Medienerziehung allerdings in übergreifenden Kompetenzen als mitgemeint gelten. So wird das Lernen mit Medien unter „Kompetenzen und Inhalte“ als Bestandteil des evangelischen Religionsunterrichts immer schon in großer Gestaltungsfreiheit optional angeregt.

Der evangelische Religionsunterricht hat folglich die Medienbildung nach dem Bildungsplan 2004 zwar implizit im Unterricht ermöglicht, aber die letzten Jahre über noch keine Verbindlichkeit erreicht. Eine spiralcurriculare Verankerung über alle Klassenstufen hinweg bleibt damit für den evangelischen Religionsunterricht eine Herausforderung.

Wolken

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Medienkompetenz und Medienbildung im ev. Religionsunterricht ab 2016

In der weiterführenden Schule wird Medienbildung im Bildungsplan 2016 der Evangelischen Religionslehre für das Gymnasium erstmalig explizit in Einzelkompetenzformulierungen thematisiert. In den „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb“ wird Medienbildung auch als vom Unterrichtsgegenstand („Religion“) her geboten erachtet: Es wird zwischen „personal“ und „medial“ unterschieden; damit wird einer physisch vermittelten religiösen Begegnung der Vorzug gegenüber einer „nur“ medienvermittelten gegeben.

Angesichts jugendlicher Mediennutzungsgewohnheiten wird von „eine[r] wichtige[n] Rolle“ ausgegangen, die Medien „in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen [spielen]“ (BP 2016, Gym, Ev. Religionslehre, S. 5). Dabei wird auch zwischen analogen und digitalen Medien differenziert, was die Chance eröffnet, alle Medienarten im evangelischen Religionsunterricht einzusetzen und die Schülerinnen und Schüler hierdurch an ein ganzheitliches und unterschiedliche Lernertypen berücksichtigendes Medienverständnis heranzuführen.

Medienbildung in den prozessbezogenen Kompetenzen

Drei der fünf prozessbezogenen Kompetenzen, nämlich „Wahrnehmungs- und Darstellungsfähigkeit“, „Deutungsfähigkeit“ und „Gestaltungsfähigkeit“, enthalten einen expliziten Medienbezug: Schülerinnen und Schüler erkennen „die Rezeption religiöser Motive in Medien“ (S. 9), deuten „religiöse Motive und Elemente in medialen Ausdrucksformen“ (S. 9) und präsentieren „religiös bedeutsame Inhalte und Standpunkte medial und adressatenbezogen“ (S. 10).

Medienbildung in den inhaltsbezogenen Kompetenzen

Medienbildung ist in den inhaltsbezogenen Kompetenzen in den einzelnen Kompetenzformulierungen verankert – ein Querverweis auf die Leitperspektiven insgesamt und somit auch auf die Medienbildung im Speziellen fehlt jedoch. Dennoch sind in den einzelnen Klassenstufen medienbildnerische Kompetenzen zu finden und einige Themen bieten Anknüpfungspunkte für Aspekte der Medienbildung.

Klassen 5/6

In den Klassen 5/6 wird im evangelischen Religionsunterricht lediglich der Medienbildungsbereich „Information und Wissen“ ausdrücklich verankert. In der Dimension „Bibel“ ist „Information und Wissen“ mit „Online-Ressourcen“ als „Erschließungshilfe“ bei der Kompetenzformulierung „Bibelstellen beziehungsweise -texte gezielt recherchieren“ (S. 12) berücksichtigt. Damit vertiefen die Schülerinnen und Schüler auch im evangelischen Religionsunterricht den Umgang mit Informationsquellen im Netz.

„Religionen und Weltanschauungen“ sind als „unmittelbar oder medial begegnende[…] Phänomene“ gegenwärtig, wenn die Hauptkompetenz dieser Dimension erreicht werden soll, „Charakteristika von Judentum und Islam“ zu „beschreiben“ (S. 16). Hierin kann ebenfalls ein Beitrag zum Medienbildungsbereich „Information und Wissen“ gesehen werden.

Klassen 7/8

Bei der Dimension „Mensch“ begegnen „Soziale Netzwerke“ als eines der optionalen Beispiele für die Teilkompetenz, „sich mit Fragen nach Identität, Selbstbild, Fremdwahrnehmung und Rollenzuschreibung im sozialen Zusammenleben […] auseinandersetzen“ (S. 17). Die Schülerinnen und Schüler können sich in diesem Kontext zum Beispiel kritisch mit ihrem medialen Rollenbild und Selbstverständnis auseinandersetzen und erörtern, welche Bedeutung ihre mediale Identität für ihr reales Selbstverständnis aufweist.

In der Dimension „Welt und Verantwortung“ wird „Mobbing“ als möglicher Fachbegriff bei der Teilkompetenz „Ursachen von Konflikten analysieren und Perspektiven für konstruktive Lösungen aufzeigen“ (S. 18) genannt. Obwohl Cybermobbing hier nicht separat aufgeführt wird, bietet sich an dieser Stelle für die Lehrkraft trotzdem die Chance, Cybermobbing zum Beispiel vergleichend im Unterricht zu thematisieren und spezielle Ausprägungsformen herauszuarbeiten.

Klassen 9/10

In den Klassen 9/10 analysieren die Schülerinnen und Schüler die Medienlandschaft kritisch, indem sie sich in der Dimension „Mensch“ zum Beispiel mit medialen Darstellungen rund um „Liebe, Partnerschaft und Sexualität auseinandersetzen" und diese mit realen Erfahrungen oder Vorstellungen vergleichen (S. 23).

Klassen 11/12

In den Klassen 11/12 wird Medienbildung weder im zweistündigen noch im vierstündigen Kurs ausdrücklich thematisiert. Anknüpfungspunkte für Medienbildung sind jedoch denkbar: Setzen sich die Schülerinnen und Schüler im vierstündigen Kurs mit der Rezeption der Gestalt und Botschaft Jesu Christi in Kunst, Musik, Geschichte, Literatur und anderen Religionen auseinander, kann zum Beispiel auch über die Jesusdarstellung in Filmen diskutiert und diese kontrastiv untersucht werden.

Michael Beisel

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