Rückblick auf den Bildungsplan 2004

Bereits im Bildungsplan 2004 des Gymnasiums wurde die Medienbildung im Ethikunterricht explizit thematisiert: Ab den Klassen 7/8 (in Baden-Württemberg wird Ethik im Gymnasium als Ersatzfach für den Religionsunterricht erst ab Klasse 7 angeboten) gehören Medien zu den „Problemfeldern der Moral“ und damit in die „Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten und für die Entwicklung von Jugendlichen folgenreichen Herausforderungen“ (BP 2004, Gym, Ethik, S. 62f).

In den „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb“ werden Medien unter der Perspektive ethisch-moralisch zu erschließender Lebensgestaltung als „Chancen und Bedrohungen“ begriffen, „die von unserer eigenen Kultur ausgehen“: Insbesondere in den Medien gibt es nämlich eine „Vielfalt von Zerstreuungen“ (ebd.). Darin zeichnet sich eine noch hauptsächlich an herkömmlichen Massenmedien orientierte Sicht des passiven Konsums ab, bei der ein medien-kritisch-analytischer Ansatz von Medienpädagogik überwiegt. Dieser Ansatz ist auch in den konkreten Kompetenzen und Inhalten wiederzufinden: Schülerinnen und Schüler sollen „verschiedene Arten von Medien und deren Bedeutung im Alltag beschreiben“ sowie „Chancen und Gefahren der Mediennutzung analysieren und erörtern“ können (S. 66). Der Ethikunterricht hat folglich bereits 2004 insbesondere die (kritische) Medienanalyse im Bildungsplan verankert.

Sich greifende Hände

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Medienkompetenz und Medienbildung im Ethikunterricht ab 2016

Im Ethikunterricht bleibt Medienbildung als „Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung mit Medien im Hinblick auf ethische Fragen und Probleme explizit thematisiert“ (S. 6) und erweist sich zudem gegenüber dem Bildungsplan 2004 als deutlich ausgebaut.

Zunächst ist sich der Ethikunterricht der Medien als seinem „Bezugsmaterial“ bewusst, womit anerkannt wird, dass dabei „Zeitschriften, Internet, Filme, Bücher, Comics“ (S. 4) im Sinne eines erweiterten Medienbegriffs berücksichtigt werden und als Lernen mit Medien die Handlungskompetenz der Schülerinnen und Schüler stärken. Dem Fach gemäß bleibt der Schwerpunkt allerdings auf dem Bereich „Mediengesellschaft und -analyse“, wenngleich zunehmend die ethisch–moralische Verantwortung für „Kommunikation und Kooperation“ sowie „informationelle Selbstbestimmung und Datenschutz“ (S. 6) in den Blick genommen wird.

Medienbildung in den prozessbezogenen Kompetenzen

Der einzige explizite medienbildnerische Bezug in den prozessbezogenen Kompetenzen findet sich im Abschnitt „Wahrnehmen und sich Hineinversetzen“: „Vormeinungen, Gewohnheiten und Prägungen“, die es zu „berücksichtigen und auf[zu]zeigen“ gilt, zeigen sich „beispielsweise […] medial“ (S. 10). Dabei geht es um die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler, „ihre Wahrnehmung mit der anderer [zu] vergleichen“ (ebd.).

Medienbildung in den inhaltsbezogenen Kompetenzen

Die Medienbildung wird innerhalb der inhaltsbezogenen Kompetenzen in Form von eigenständigen Kompetenzbereichen aufgegriffen und ist spiralcurricular vertreten.

Klassen 7/8

Im Abschnitt „Identität, Individualität und Rolle“ wird die Medienbildung bereits thematisiert (S. 13). Die Schülerinnen und Schüler sollen „allgemeine Bedingungen für ein verantwortliches Miteinander erläutern und begründen (zum Beispiel bezogen auf Respekt, Achtung, Fairness, Gerechtigkeit)“ (S. 13). An dieser Stelle bietet es sich an, die respektvolle und faire Kommunikation im Netz aufzugreifen.

Setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit „Freiheit und Verantwortung“ auseinander, gehört hierzu auch, dass sie „Aspekte eines selbstbestimmten und glücklichen Lebens erläutern und bewerten – zum Beispiel bezogen auf […] Medien“ (S. 14). Hierzu müssen die Jugendlichen auch mit ihren eigenen Daten reflektiert umgehen können und ihre informationelle Selbstbestimmung ausbauen.

Im Abschnitt „Konflikte und Gewalt“ setzen sich die Schülerinnen und Schüler exemplarisch mit Sozialen Netzwerken auseinander, um „die Sichtweisen von Betroffenen und Beteiligten in Konfliktsituationen heraus[zu]arbeiten und [zu] bewerten“ (S. 16).
Mit „Medien und Wirklichkeiten“ fokussiert ein eigener Inhaltsbereich die schulische Medienbildung. Dieser Abschnitt begünstigt insbesondere das Ziel des Ethikunterrichts, zur „ethisch-moralische[n] Urteilsbildung in praktischer Absicht“ beizutragen (S. 3). Die Schülerinnen und Schüler sollen hierzu „[den] Einfluss der Medien und der medialen Vernetzung auf ihr Leben und das anderer selbständig untersuchen und bewerten“, „Chancen und Risiken der Mediennutzung herausarbeiten und diskutieren (beispielsweise bezogen auf Privatsphäre, Datenschutz, Information, […]“ und die „Interessen und Bedürfnisse von Beteiligten und Betroffenen bei der Mediennutzung identifizieren und bewerten“. Zudem sollen sie „die Relevanz rechtlicher Bestimmungen für den Umgang mit Medien erläutern und die Verantwortung des Einzelnen und von Gruppen aufzeigen und begründen (zum Beispiel „Meinungs- und Pressefreiheit, Grundrechte, Datenschutz, Jugendschutzgesetz“ und „Handlungsmöglichkeiten für einen verantwortlichen und selbstbestimmten Umgang mit Medien darstellen und bewerten“ (S. 17f)).

Im Bereich „Mensch, Natur, Technik“ sollen die Lernenden „Auswirkungen der Technik auf Mensch und Natur darlegen und die Folgen zunehmender Technisierung im Hinblick auf mögliche Wertekonflikte darstellen und diskutieren (zum Beispiel Selbstbestimmung, Komfort, Nachhaltigkeit)“ (S. 20).

Im Bereich „Glaubensgrundsätze und Achtung des Religiösen“ sollen die Schülerinnen und Schüler sich mit „weiteren religiösen Erscheinungsformen auseinandersetzen und im Hinblick auf Grenzen der Toleranz bewerten“ (S. 21). Hier wird der medienbildnerische Teilbereich der informationellen Selbstbestimmung und Datenschutz aufgegriffen.

Klassen 9/10

In den Klassen 9/10 ist der Abschnitt „Lebensaufgaben und Selbstbestimmung“ zu finden. Im Bereich „Liebe und Sexualität“ setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Formen und Auffassungen von Liebe und Sexualität auseinander, was zum Beispiel durch von Medien geprägten Rollenbildern von Partnerschaft, Ehe, Familie und sexuelle Identität erfolgen kann (S. 23).

Der Bereich „Medien und Wirklichkeiten“ baut in den Klassen 9 und 10 die Medienbildung der Schülerinnen und Schüler weiter aus. Im Gegensatz zu den Klassen 7 und 8, in denen das „Handeln“ in der medial vermittelten Welt im Zentrum steht, werden nun die Werte und Normen einer eingehenden Betrachtung und Reflexion unterzogen. In diesem Sinne können die Schülerinnen und Schüler als Kompetenz „medial vermittelte Zugänge zur Welt untersuchen und Auswirkungen der medial und digital geprägten und konstruierten Welt auf die Einzelne und den Einzelnen sowie die Gesellschaft erläutern und diskutieren. Sie können die ethisch-moralische Dimension medialer Formate herausarbeiten und diese unter Berücksichtigung von Werten und Normen beurteilen“ (S. 27).

In den Teilkompetenzen wird erneut die ethische Urteilsbildung aufgegriffen. Die Schülerinnen und Schüler können „die welterschließende und weltverändernde Wirkung von Medien in einer zunehmend digitalisierten Welt beschreiben und diskutieren“ und dabei „Begriffe wie Digitalisierung, virtuelle Welt, medial konstruierte Wirklichkeit und Lebenswelt erläutern und unterscheiden“ (S. 27). Sie können „mediale Darstellungen unter ethisch relevanten Fragestellungen analysieren und beurteilen (zum Beispiel bezogen auf Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte, Privatsphäre, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit)“, um schließlich dahin zu gelangen, „den Stellenwert von moralischen Werten und Normen für mediale Darstellungen aus verschiedenen Perspektiven [zu] beschreiben und [zu] diskutieren“ (ebd.).

Im Bereich „Zugänge zu philosophischen Begründungen von Moral“ sollten die informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz im Zusammenhang von „Lebens- und Glücksvorstellungen im Kontext von Selbstbestimmung und Verantwortung“ aufgegriffen werden (S. 31).

Klassen 11/12

In den Klassen 11 und 12 findet sich nur eine explizite Verankerung der Medienbildung, nämlich im Bereich der „Angewandten Ethik“. Darin setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Medienethik auseinander, können diese als Bereich der Angewandten Ethik „in ihren Grundlagen und ihrer ethischen Bedeutung beschreiben und im Zusammenhang mit Vorstellungen eines guten Lebens diskutieren“ (S. 39).

Wenn auch nicht explizit im Bildungsplan genannt, können Medien im Ethikunterricht der Klassen 11/12 auch als ein Beispiel benutzt werden, um Problemstellungen aufzuzeigen, anhand derer im Kapitel „Moralphilosophie“ die Grundlage aristotelischer Tugendethik, utilitaristischer Ethik, Kants Pflichtethik und Verantwortungsethik exemplarisch erarbeitet werden können (vgl. S. 36).

Michael Beisel

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