Verschwörungstheorien in früheren Zeiten

Während Verschwörungstheorien noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts legitimes Wissen darstellten und in namhaften publizistischen Organen Raum fanden, wurden sie ab den 1950er-Jahren in westlichen Ländern zunehmend stigmatisiert und fristeten in der Folge über mehrere Jahrzehnte hinweg ein Nischendasein. Das heißt nicht, dass in diesem Zeitraum niemand mehr an Verschwörungstheorien geglaubt hat – doch in der Öffentlichkeit war dies kaum sichtbar. Journalistische Selektionsprozesse sorgten dafür, dass Verschwörungstheorien in Tageszeitungen, Hörfunk und Fernsehen wenig Raum erhielten. Neben Mund-zu-Mund-Propaganda dienten daher vor allem Bücher als primäres Medium der Verbreitung.

Zwei Frauen mittleren Alters sitzen am Kaffeetisch. Die eine flüstert der anderen etwas ins Ohr.

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Wandel durch das Internet

Mit dem Aufkommen des Internets wurde die Verbreitung von Verschwörungstheorien immer einfacher. Der technologische Wandel begünstigte die Entstehung sogenannter alternativer Medien, die danach streben, das Informationsmonopol der traditionellen Medien zu unterminieren. Dabei bildete sich ein breites Spektrum an Nachrichten-Webseiten und Blogs mit unterschiedlichen Ausrichtungen heraus, die vielfach Verschwörungstheorien verbreiten. Hierzu zählen etwa spendenfinanzierte Formate wie KenFM oder NuoViso.tv, aber auch die Webseiten internationaler Nachrichtenorganisationen wie Epoch Times oder das von der russischen Regierung finanzierte RT (ehemals Russia Today). Manche „Alternativmedien“ wie das Compact-Magazin werden neben ihrer Webpräsenz zudem über den Zeitschriftenhandel vertrieben.

Die Reichweite solcher Medien wird in jüngerer Zeit dadurch erhöht, dass Nutzer/-innen die verschwörungstheoretischen Inhalte in sozialen Netzwerken teilen. Im Unterschied zur Mund-zu-Mund-Propaganda im analogen Zeitalter, die nur Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Bekannte erreichte, haben Privatpersonen auf Social Media in der Regel eine höhere Reichweite als nur ihr persönliches Umfeld, zu dem sie auch offline Kontakt pflegen. Nicht wenige sind auch mit Menschen verbunden, die sie gar nicht persönlich kennen. Foren und soziale Netzwerke bieten Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien zudem die Möglichkeit, sich zu vernetzen und gemeinsam Verschwörungstheorien zu entwickeln. Auch die Kommentarspalten reichweitenstarker Nachrichtenmedien werden genutzt, um Verschwörungstheorien in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken.

Prominente, die zum Beispiel durch Karrieren als Musiker/-innen, Schauspieler/-innen oder Sportler/-innen viele Fans in den sozialen Medien gewonnen haben, können zu einer Art „Superspreader“ von Verschwörungstheorien werden. In der Corona-Pandemie haben z.B. reichweitenstarke Personen wie der Kochbuchautor Attila Hildmann oder der Schlagersänger Michael Wendler damit begonnen, verschwörungstheoretische Inhalte zu verbreiten. Dadurch können diese Inhalte schnell viele Menschen erreichen – darunter auch solche, die zuvor noch nie damit in Berührung gekommen sind. Aufgrund ihrer Bewunderung für die prominente Person können sie besonders empfänglich für deren Botschaften sein.

Zu sehen ist eine Menge an Menschen von oben, die durch ein Netz auf dem Boden miteinander verbunden sind.

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Rolle der Social-Media-Plattformen

Social-Media-Plattformen stellen nicht nur die Infrastruktur zur Verbreitung von Verschwörungstheorien bereit. Sie können auch selbst deren Reichweite erhöhen, indem sie ihren Nutzerinnen und Nutzern automatisch verschwörungstheoretische Inhalte vorschlagen. So haben die Plattformen ein ökonomisches Interesse daran, ihre User so lange wie möglich auf ihrer Webseite zu halten. Mithilfe von Algorithmen empfehlen sie ihnen deshalb stets neue Inhalte. Anhänger/-innen von Verschwörungstheorien erscheinen für diese Algorithmen als attraktive Nutzer/-innen, da sie häufig stundenlang Inhalte konsumieren. Dies erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass die von ihnen konsumierten Inhalte auch anderen Usern vorgeschlagen werden.

Vor allem YouTube steht in der Kritik, zu einer Radikalisierung beizutragen: Die Plattform empfehle ihren Nutzerinnen und Nutzern verschwörungstheoretische Videos, ohne dass sie danach gesucht hätten, und schlage ihnen dann immer extremere Inhalte vor. Mittlerweile hat das Unternehmen zwar Nachbesserungen an seinen Empfehlungsalgorithmen vorgenommen. Doch das Videoportal stellt noch immer ein Biotop für verschwörungstheoretische Inhalte dar.  

Da die großen Plattformen allerdings zunehmend Profile und Gruppen von Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern löschen, weichen diese vermehrt auf andere Kanäle aus. So ist aktuell insbesondere der Messenger-Dienst Telegram beliebt, weil dessen Betreiber bislang kaum Inhalte entfernen lässt. Andere Plattformen wie VKontakte, Parler oder BitChute bieten sich ebenfalls als Alternativen zu Facebook, Twitter und YouTube an.

Eine Person sitzt vor einem Laptop und ruft auf einem Smartphone Nachrichten aus einem sozialen Netzwerk ab: Es sind Emojis und Symbole für Likes und Kommentare zu sehen.

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Bedeutung von Verschwörungstheorien in der politischen Landschaft

Im Zuge der aktuellen Popularität von Verschwörungstheorien in der Coronakrise lässt sich einerseits ein wachsendes Problembewusstsein für Verschwörungstheorien in der Politik beobachten.
Andererseits beginnen Verschwörungstheorien nach Jahren der ungehinderten Verbreitung im Netz auch in der Politik Fuß zu fassen. Dabei können Verschwörungstheorien in der Politik als Mittel dienen, um kritische Medien oder politische Gegner zu diskreditieren. Zudem erfüllen sie die Funktion, Sündenböcke für gesellschaftliche Probleme zu präsentieren.

Mit Donald Trump konnte bereits ein prominenter Anhänger von Verschwörungstheorien US-Präsident werden. Auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán führt seit mehreren Jahren eine Kampagne gegen den Philanthropen und Milliardär George Soros, in der er ihm unterstellt, er wolle die europäische Bevölkerung durch muslimische Migrantinnen und Migranten ersetzen. Diese Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ wird auch in diversen anderen Ländern verbreitet und gehört derzeit zu den bedeutsamsten Erzählungen des rechtsradikalen Lagers.

In Deutschland wurde sie wiederholt von Politikerinnen und Politikern der AfD aufgegriffen. AfD-Politiker/-innen verbreiteten auch immer wieder klassische antisemitische Verschwörungstheorien, wurden dafür jedoch zumindest in eklatanten Fällen sanktioniert. So wurde beispielsweise der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon aus der Partei ausgeschlossen, nachdem er die Existenz einer „zionistischen Weltverschwörung“ behauptet hatte.

Das Foto zeigt das leere Plenum des Deutschen Bundestages.

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Tilman Klawier, Institut für Kommunikationswissenschaft, Universität Hohenheim

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