Wenn möglich präventiv

Will man dem Glauben an Verschwörungstheorien entgegenwirken, gilt zunächst die Regel: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Präventivmaßnahmen sind im Allgemeinen wirksamer als Versuche, Menschen von ihrem Verschwörungsglauben abzubringen. Eine Möglichkeit liegt darin, bei Heranwachsenden Kompetenzen zu stärken, die sie widerstandsfähiger gegen Verschwörungstheorien machen. Dazu zählt etwa, grundlegendes Wissen über die Funktionsweise journalistischer Medien zu vermitteln und die allgemeine Fähigkeit zu analytischem Denken zu fördern. 

Daneben sollten Verschwörungstheorien auch direkt thematisiert und ihre Fehlannahmen aufgezeigt werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist es ratsam, sie über Verschwörungstheorien aufzuklären, bevor sie selbst mit diesen konfrontiert werden. Denn die Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen und Mechanismen von Verschwörungstheorien innerhalb eines pädagogischen Rahmens kann zu einer Art Immunisierung gegenüber späteren Beeinflussungsversuchen beitragen.  

Hat sich hingegen der Glaube an Verschwörungstheorien bei einer Person erst einmal verfestigt, ist es in der Regel schwieriger einzuschreiten. Insbesondere wenn es sich bei den Verschwörungstheorien um identitätsstiftende Überzeugungen handelt, sind Personen häufig in der Lage, diverse Gegenargumente in ihren Verschwörungsglauben zu integrieren. Dennoch sind Bestrebungen, Verschwörungstheorien zu widerlegen, keinesfalls zwecklos. Dies gilt beispielsweise für Menschen, die offen für bestimmte Verschwörungstheorien sind, aber noch nicht fest an diese glauben. Bei ihnen können Aufklärungsbemühungen dazu führen, dass sie Verschwörungstheorien für weniger plausibel halten als zuvor.

Im Vordergrund sind die Hände einer Frau zu sehen, die gestikuliert. Im Hintergrund sitzen drei Schülerinnen.

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Inhaltliche Strategien

Grundsätzlich können sowohl im Rahmen der Prävention als auch der Intervention vier verschiedene Strategien angewendet werden.

Erstens können Verschwörungstheorien Fakten entgegengesetzt werden. Psychologen empfehlen, ganz gezielt konkrete Argumente aufzugreifen und zu entkräften. Die Annahme, dass man Falschinformationen nicht wiederholen dürfe, da sich die Fehlwahrnehmungen sonst verfestigten, gilt dabei als überholt. Wichtig ist vielmehr, die Annahmen einer Verschwörungstheorie nicht nur zurückzuweisen, sondern – wenn möglich – auch alternative Erklärungen für Sachverhalte zu liefern, die zuvor durch die Existenz einer Verschwörung erklärt wurden.

Eine zweite Strategie kann darin bestehen, die Logik einer Verschwörungstheorie infrage zu stellen. Dies kann zum Beispiel durch den Verweis auf Inkonsistenzen und realitätsferne Annahmen in Verschwörungstheorien erfolgen. Häufig leugnen Verschwörungstheorien etwa die Existenz von Zufällen und ignorieren Interessensunterschiede unter Eliten, die eine langfristige planvolle Zusammenarbeit verhindern.

Eine weitere Strategie zielt darauf ab, die fehlende Seriosität und damit mangelnde Glaubwürdigkeit von Quellen aufzuzeigen, die Verschwörungstheorien verbreiten. Insbesondere bei Personen, deren Verschwörungsglaube noch nicht stark ausgeprägt ist, hat sich dabei auch der Einsatz von Humor bewährt. Bei Personen, deren Verschwörungsglaube sich bereits verfestigt hat, kann Humor allerdings schnell zu Gegenreaktionen führen.

Viertens können Präventions- und Interventionsmaßnahmen aufzeigen, wie Verschwörungstheorien dazu beitragen, bestimmte Gruppen in der Gesellschaft zu dämonisieren und zu stigmatisieren. Dadurch soll die Empathie des Gegenübers angesprochen und durch eine emotionale Reaktion die Abkehr vom Verschwörungsglauben erreicht werden. Diese Vorgehensweise hat sich allerdings im Vergleich zu den anderen Strategien bislang als weniger effektiv erwiesen. Auch wenn es dazu noch wenig Forschung gibt, widerspricht dies zunächst der populären Behauptung, Verschwörungstheorien ließen sich nicht durch Argumente widerlegen und Verschwörungsgläubige müssten daher emotional angesprochen werden. Alles in allem scheint es jedoch plausibel, dass es vom Kontext und der Zielgruppe abhängt, welche der vier Strategien am erfolgversprechendsten ist.

Einem jungen Mann sitzt ein älterer Mann im Gespräch gegenüber. Während der junge Mann abwehrend die Arme verschränkt und zuhört, gestikuliert der ältere Mann, den man nur von hinten sieht.

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Persönlicher Umgang mit Verschwörungsgläubigen

Was tun, wenn Familienmitglieder, Verwandte oder Freunde auf einmal an Verschwörungstheorien glauben? Für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen im persönlichen Umfeld gibt der Autor Mick West in seinem Buch „Escaping the Rabbit Hole“ drei grundlegende Tipps. Diese basieren auf seiner langjährigen Erfahrung im persönlichen Umgang mit Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern, die er als Gründer der Website metabunk.org zur Prüfung von Gerüchten gesammelt hat.

  1. Einen Dialog auf Augenhöhe herstellen

    West zufolge ist es wichtig, einen Dialog auf Augenhöhe herzustellen. Dies bedeutet, ernsthaft zu versuchen, sein Gegenüber zu verstehen und sich mit seinem Verschwörungsglauben auseinanderzusetzen. Zuhören und Fragen stellen, die keine Wertung beinhalten, sind zu Beginn eines Gesprächs das A und O. Auch sollte man ohne Umschweife zugeben, wenn man Neues lernt. Direkte Konfrontationen gilt es hingegen vorerst zu vermeiden, da sie schnell zu einem Abbruch der Gespräche führen. Für das Gespräch wenig förderlich ist es zudem, die vorgebrachten Verschwörungstheorien von Vornherein als irrational abzutun. Keine gute Idee ist es darüber hinaus, vermeintlich wohlwollend nach den Emotionen zu fragen, die den Verschwörungsglauben hervorgerufen haben. Das kann schnell überheblich und paternalistisch wirken. Das Ziel des gerade erst begonnenen Gesprächs sollte hingegen sein, das Gedankengebäude des Gegenübers zu verstehen und eine gemeinsame Basis zu finden. Damit sind Fakten gemeint, auf die man sich einigen kann.
     

  2. Argumentative Konfrontation
    Ist diese Grundlage geschaffen, gilt es, dem Verschwörungsglauben triftige Argumente entgegenzuhalten. Wie oben skizziert, kann dies bedeuten, auf Logikfehler, fehlende oder falsche Informationen hinzuweisen. Zu diesem Zweck ist eine eigene Recherche im Vorfeld sinnvoll. Viele Verschwörungstheorien wurden bereits von Fact-Checking-Seiten im Netz wie beispielsweise Mimikama oder Correctiv geprüft. Zudem sind in diesem Schritt nun auch kritische Nachfragen und Konfrontation sinnvoll, wenngleich es weiterhin gilt, respektvoll zu bleiben. Kaum vermeidbar ist, dass Verschwörungsgläubige bei ersten Konfrontationen Widerstand an den Tag legen oder das Gespräch abblocken.
     

  3. Geduld und Ausdauer
    Geduldig und ausdauernd zu sein ist daher der Schlüssel zum Erfolg. Die eigenen Gegenargumente werden sicherlich nicht sofort auf fruchtbaren Boden fallen. Viele Menschen, die den Glauben an Verschwörungstheorien aufgegeben haben, beschreiben dies als längeren Prozess des Umdenkens – bei dem letztlich jedoch Fakten und Argumente eine entscheidende Rolle spielen. Da der Glaube an Verschwörungstheorien individuell ausgeprägt ist, kann es allerdings dauern, bis die passenden Argumente für das jeweilige Gegenüber gefunden sind.

     

Eine ältere Frau mit Brille sitzt an einem Tisch einer anderen Person gegenüber, die lediglich teilweise von hinten zu sehen ist. Die ältere Frau hat ihr Kinn auf ihrer Hand abgestützt und hört ihrem Gegenüber aufmerksam zu.

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Quellen

Tilman Klawier, Institut für Kommunikationswissenschaft, Universität Hohenheim

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