Verzerrte Körperbilder

„Body Shaming“ – ein altbekanntes Phänomen unter einem neuen Deckmantel: Viele können sich vielleicht an Situationen aus der Kindergarten- oder Schulzeit erinnern, in der die abstehenden Ohren, die „Hakennase“ oder der dicke Bauch zum Gespött der Kinder wurden. Die „Bühne“ für das Opfer blieb dabei in der Regel relativ klein, was nicht heißt, dass das Selbstwertgefühl nicht trotzdem dauerhaften Schaden genommen hat. Mit den sozialen Netzwerken und den Messengern wurde für eine solche Art an Beleidigungen eine neue „Bühne“ geschaffen, die unter Umständen weitaus schwerwiegendere Folgen mit sich bringen kann.

Auch in Deutschland steht Body Shaming an der Tagesordnung: So kritisierte beispielsweise ein 14-jähriges Mädchen die Radiomoderatorin Lola Weippert für ihre scheinbar hängenden Brüste in einem Instagram-Video. Platziert als Kommentar unterhalb des sommerlichen Videos, macht dieses Statement schnell die Runde unter Weipperts Fangemeinde. Die Radiomoderatorin selbst war geschockt.

Gerade durch die Neuen Medien wird das Bild auf den Körper stark verzerrt. Fotos von makellosen und glänzenden Körpern tummeln sich im Internet und verdrehen den Betrachter/-innen nicht nur den Kopf, sondern auch den Verstand. Schnell vergleicht man sich mit dem Gesehenen, stellt fest, dass man diesem Ideal nicht ähnlich sieht und gerät in Selbstzweifel. Dabei wird jedoch häufig der Aspekt vergessen, dass man dem Ideal überhaupt nicht ähnlich sehen kann, nachdem die Models durch Bildbearbeitungssoftware zu beinahe unrealen Wesen verarbeitet wurden. Anschaulich zeigt dies der Kurzfilm „Dove: Evolution Of A Model“.

Schwierig ist zudem, dass heutzutage zu schnell und unreflektiert Kommentare geschrieben und gepostet werden – ohne Rücksicht oder Gedanken an mögliche Konsequenzen. Die Radiomoderatorin Weippert sagte dazu in einem Artikel in den „Stuttgarter Nachrichten“: „Nicht jeder hat ne dicke Haut und beim ein oder anderen platzt das Selbstbewusstsein schneller als ne Seifenblase.“

Mädchen vor Spiegel

GettyImages/alexsokolov

Sich zur Wehr setzen

Doch wie kann man sich gegen Body Shaming wehren? Weippert behilft sich mit einer Antwort: „Danke für deine überaus liebevolle Nachricht. Google doch mal das Wort Erdanziehungskraft. Es gibt Mädels, die sich wegen Nachrichten wie deiner unters Messer legen lassen. Viel Spaß beim Älterwerden.“ Außerdem greift sie die Thematik in der Morgenshow auf, um andere Menschen dafür zu sensibilisieren. Das Wichtigste dabei: Jeder Mensch ist schön! Man sollte nicht auf das hören, was andere sagen, sondern nur auf sich selbst. Das ist leider nicht immer so einfach, gerade wenn man sich in seiner eigenen Haut nicht wohl fühlt. Um ebenjenen Menschen Mut zu machen und zu zeigen, wie schön und einzigartig jedes Individuum ist, hat die Australierin Taryn Brumfitt viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen körperlichen „Problemen“ besucht, mit ihnen über diese gesprochen und einen Film daraus gemacht (Medientipp: „Embrace – Du bist schön“ von Taryn Brumfitt). Ausgangspunkt für diese Idee war ein Vorher-Nachher-Bild, das die Australierin von sich gepostet hatte. Vorher als dreifache Mutter, durchtrainiert bei einem Bodybuilding-Wettbewerb, nachher, wie sie heute aussieht und wenn sie nicht all ihre Zeit im Fitness-Studio, sondern mehr mit ihrer Familie verbringt. Natürlich folgten auf diesen Post jede Menge unreflektierte und unschöne Nachrichten. Doch überwogen die Unterstützer/-innen, die sie dafür lobten, sich so offen zu zeigen und dabei so glücklich und natürlich zu wirken. Ausgelöst durch diese Welle an Rückmeldungen, entstand schließlich der Film, mitproduziert von Nora Tschirner.

Natürlich kann nicht jeder mit einer Morningshow oder einem ganzen Dokumentarfilm auf solche Nachrichten antworten. Dennoch haben wir alle die Möglichkeit, eine dicke Haut zu entwickeln, unseren Mut zusammenzunehmen und mit einer schlagfertigen Antwort möglicherweise andere zu sensibilisieren. Gleichzeitig muss jeder von uns lernen, seinen eigenen Körper zu akzeptieren und wertzuschätzen, ebenso wie andere Menschen nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren (und noch weniger über die sozialen Medien zu beleidigen).

Jennifer Madelmond

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