Verzerrte Körperwahrnehmung

„Body Shaming“ – ein Begriff, der relativ neu klingt. Das Phänomen, das dahintersteckt, ist jedoch altbekannt. Viele können sich vielleicht an Situationen aus der Kindergarten- oder Schulzeit erinnern, in der die abstehenden Ohren, die „Hakennase“ oder der dicke Bauch zum Gespött der Kinder wurden. Die „Bühne“ für das Opfer blieb dabei in der Regel relativ klein, was nicht heißt, dass das Selbstwertgefühl nicht trotzdem dauerhaften Schaden genommen hat. Mit den sozialen Netzwerken und den Messengern wurde für eine solche Art an Beleidigungen eine neue „Bühne“ geschaffen, die unter Umständen weitaus schwerwiegendere Folgen mit sich bringen kann.

Ein Beispiel ist der 2016 veröffentlichte Post des amerikanischen Ex-Playmates Dani Mathers im Netz. Dabei postete sie ein Foto von einer älteren Frau, die sich in der Dusche eines Fitnessstudios nackt duschte. Darunter schrieb sie: „If I can’t unsee this then you can’t either.“ Übersetzt meint es: „Wenn ich das Bild nicht verschwinden lassen kann, nachdem ich es gesehen habe, kannst du das auch nicht.“ Ein krasser Fall von Body Shaming, nachdem die duschende Frau ihrer persönlichen Rechte beraubt und zum Opfer und Gespött des Internets gemacht wurde. Auch in Deutschland steht Body Shaming an der Tagesordnung: So kritisierte beispielsweise ein 14-jähriges Mädchen die Radiomoderatorin Lola Weippert für ihre scheinbar hängenden Brüste in einem Instagram-Video. Platziert als Kommentar unterhalb des sommerlichen Videos, macht dieses Statement schnell die Runde unter Weipperts Fangemeinde. Die Radiomoderatorin selbst war geschockt.

Gerade durch die Neuen Medien wird das Bild auf den Körper stark verzerrt. Bilder von makellosen und glänzenden Körpern tummeln sich im Internet und verdrehen den Betrachtern nicht nur den Kopf, sondern auch den Verstand. Schnell vergleicht man sich mit dem Gesehenen, stellt fest, dass man diesem Ideal nicht ähnlichsieht und gerät in Selbstzweifel. Dabei wird jedoch häufig der Aspekt vergessen, dass man dem Ideal überhaupt nicht ähnlich sehen kann, nachdem die Models durch Bildbearbeitungsprogramme zu beinahe unrealen Wesen verarbeitet wurden. Anschaulich zeigt dies der Kurzfilm „Dove: Evolution Of A Model“.

Schwierig ist zudem, dass heutzutage zu schnell und zu unreflektiert Kommentare geschrieben werden – ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Die Radiomoderatorin Weippert sagte dazu in einem Artikel in den „Stuttgarter Nachrichten“: „Nicht jeder hat ne dicke Haut und beim ein oder anderen platzt das Selbstbewusstsein schneller als ne Seifenblase.“

Mädchen vor Spiegel

GettyImages/alexsokolov

Sich zur Wehr setzen

Doch wie kann man sich gegen Body Shaming wehren? Weippert behilft sich mit einer Antwort: „Danke für deine überaus liebevolle Nachricht. Google doch mal das Wort Erdanziehungskraft. Es gibt Mädels, die sich wegen Nachrichten wie deiner unters Messer legen lassen. Viel Spaß beim Älterwerden.“ Außerdem greift sie die Thematik in der Morgenshow auf, um andere Menschen  zu sensibilisieren. Das Wichtigste dabei: Jeder Mensch ist schön! Man sollte also nicht auf das hören, was andere sagen, sondern nur auf sich selbst! Das ist jedoch nicht immer so einfach, gerade wenn man sich in seiner eigenen Haut nicht wohl fühlt. Um ebenjenen Menschen Mut zu machen und zu zeigen, wie schön und einzigartig jedes Individuum ist, hat die Australierin Taryn Brumfitt viele verschiedene Menschen, die unterschiedliche körperliche „Probleme“ haben, besucht, mit ihnen über diese Problematik gesprochen und einen Film daraus gemacht (Medientipp: „Embrace – Du bist schön“ von Taryn Brumfitt). Ausgangspunkt für diese Idee war ein Vorher-Nachher-Bild, das die Australierin von sich gepostet hatte. Vorher als dreifache Mutter, durchtrainiert bei einem Bodybuilding-Wettbewerb, nachher, wie sie heute aussieht und wenn sie nicht all ihre Zeit im Fitness-Studio sondern mehr mit ihrer Familie verbringt. Natürlich folgten auf diesen Post jede Menge unreflektierte und unschöne Nachrichten. Doch überwogen die Supporter, die sie dafür lobten, sich so offen zu zeigen und so glücklich und natürlich dabei zu wirken. Ausgelöst durch diese Welle an Rückmeldungen, entstand schließlich der Film.

Natürlich kann nicht jeder mit einer Morningshow oder einem ganzen Dokumentarfilm auf solche Nachrichten antworten. Dennoch haben wir alle die Möglichkeit, unseren Mut zusammenzunehmen und mit einer schlagfertigen Antwort möglicherweise andere zu sensibilisieren. Gleichzeitig muss jeder von uns lernen, seinen eigenen Körper zu akzeptieren und wertzuschätzen, ebenso wie Menschen nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren (und noch weniger im Vergleich mit unrealen Models über die sozialen Medien zu beleidigen).

Jennifer Madelmond

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