Medienkompetenz vermitteln

Mit der Leitperspektive Medienbildung haben Bildungseinrichtungen den Auftrag, ab der 1. Klasse Medienkompetenz zu vermitteln. Präventive Arbeit für einen guten Umgang mit Medien ist eine der enthaltenen Kernaufgaben. So soll in Schulen für eine faire und respektvolle Diskussionskultur gesorgt werden, damit verbale Gewalt im Dialog und auch in den digitalen Medien eingedämmt werden kann. Hass darf in Schulen keinen Raum erhalten und Strukturen, die Mobbing begünstigen, müssen erkannt und verändert werden. Gerade Heranwachsende kommunizieren häufiger über Netzapplikationen als Erwachsene. Außerdem benötigen sie in der wichtigen Zeit ihrer Persönlichkeitsentwicklung besonderen Schutz davor, Schaden durch Häme oder Mobbing im Netz zu nehmen oder gar selbst zum Mobbingtäter zu werden. Neben Schülerinnen und Schüler werden auch Lehrkräfte Opfer von Hass und Häme. Daher gilt es, Diskriminierungsstrukturen aufzudecken, zu bearbeiten und zu minimieren.

Broschüren

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Fächer, Schularten und Klassenstufen

Grundlagenwissen über Hatespeech kann in den Fächern Deutsch oder Sachunterricht vermittelt werden. Aber auch im Biologieunterricht sollten deutlich die Folgen von Gendertypisierungen, die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen offen diskutiert werden. Der Gemeinschaftskundeunterricht eignet sich zur Vermittlung medienethischer Themen, Respekt der Menschenwürde und die Rechte und Pflichten jedes Einzelnen auch im Internet. In Religion oder Ethik gäbe es thematische Schnittmengen. Auch im Basiskurs Medienbildung Klasse 5 bieten sich Möglichkeiten, Cybermobbing und Hatespeech anzusprechen. Beim Thema Mediennutzung können hier die grundsätzlichen Mechanismen von Ausgrenzungen, Opfer- und Täterrollen oder auch Hilfen für Betroffene angesprochen werden. Unter dem Motto „Selbstdarstellung im Netz“ sind die Folgen von Preisgabe persönlicher Informationen zu erörtern. Die Optimierung der Informationskompetenz Heranwachsender, zum Beispiel wie Fake News erkannt werden können, ist ein weiteres wichtiges Thema für den Unterricht. Ab der Klassenstufe 7 bietet es sich an, das Thema Hatespeech intensiver anzugehen. Während dieser Zeit sind die Heranwachsenden häufiger Angriffen ausgesetzt und da sie ihre Persönlichkeit gerade entwickeln, reagieren sie besonders verletzlich. Aber nicht nur Jugendliche müssen qualifiziert werden: Pädagogische Tage oder GLKs eignen sich für thematisch angegliederte Vorträge oder Workshops und Elterninformationsabende zum Beispiel über „Medienwelten der Schüler/-innen“ runden die Präventionsarbeit ab.

Cybermobbing und Hatespeech

Zwischen Cybermobbing und Hatespeech gibt es Zusammenhänge. Beiderseits handelt es sich um hasserfülltes Verhalten im Netz, welches andere schädigen soll. Beim Cybermobbing gehen die Aggressionen gegen einzelne Personen, die meist mit dem Täter oder der Täterin auch im analogen Leben in Kontakt stehen. Oft werden Konflikte, die im realen Leben entstanden sind, in elektronische Medien verlagert. Hatespeech richtet sich gegen Gruppen oder Vertreter von Gruppen, die sich mitunter nie im realen Leben treffen würden. In der pädagogischen Arbeit könnte dennoch die Verbindung zwischen beiden Phänomenen dargelegt werden, denn gewaltgeprägte Kommunikation findet bei beiden Phänomenen statt. Auch können Präventionsansätze aus der Mobbing-Prävention auf die Prävention von Hatespeech übertragen werden. Die Förderung der Medienkompetenz sowie Sozialkompetenz und der Aufbau von Hilfestrukturen sind gegen die Weiterverbreitung beider aggressiven Verhaltensweisen und deren Auswirkungen hilfreich.

JIM Studie liefert wichtige Zahlen

Die JIM-Studie 2019 liefert Zahlen darüber, wie viele Schülerinnen und Schülern der weiterführenden Schulen mit Hass im Netz in Berührung gekommen sind oder von derartigen Begrifflichkeiten gehört haben. Es geben in der Altersgruppe der 12–19-Jährigen 21% der Befragten an, dass über sie selbst bereits falsche oder beleidigende Sachen über das Handy oder Internet verbreitet wurden. Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, desto höher ist der Anteil derer, die bereits derartige Erfahrungen vorweisen können. 31% bestätigen in der Umfrage, dass sie im Bekanntenkreis Mobbingfälle im Internet beobachtet haben. Am häufigsten berichten die 16-17-Jährigen darüber. Eine weitere Frage der JIM-Studie zielte auf beleidigende, falsche oder peinliche Fotos oder Videos ab, die im Internet oder über das Mobiltelefon verbreitet wurden. Bei dieser Fragestellung waren 13% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer betroffen und mit zunehmendem Alter steigt diese Zahl deutlich an. Es ist also naheliegend, dass auch in höheren Klassenstufen präventive Arbeit notwendig ist.

Säulen präventiver Arbeit

Säulen der Prävention gegen Hatespeech sind

  • Förderung der Medienkompetenz,
  • die Vermittlung kommunikativer Kompetenzen,
  • und die Stärkung von Selbstvertrauen sowie Selbstwirksamkeit.

Diese drei Aspekte sollten bei der Arbeit gegen menschenverachtende Kommentare die Grundlage bilden. Sind Schülerinnen und Schüler kompetent im Umgang mit Medien und beherrschen sie die Grundprinzipien guter Kommunikation, so steigt auch deren Selbstsicherheit. Je selbstsicherer Heranwachsende sind, umso weniger bringen sie negative Kommentare aus der Bahn. Sozial gut integrierte Jugendliche, die mit negativem Internetmaterial in Berührung kommen, erleiden seltener Schaden. Auch Eltern haben einen entscheidenden Einfluss auf das Weltbild ihrer Kinder. Daher müssen Eltern informiert und einbezogen werden. Da es heutzutage nie auszuschließen ist, dass Kinder mit menschenverachtenden Inhalten in Berührung kommen, müssen Lehrer, Eltern, Kinder und Jugendlichen ständig im Gespräch über gute und gehaltvolle Kommunikation bleiben.

Medienkompetenz und Kommunikative Kompetenzen

Grundsätzlich werden mediale Kompetenzen und Kompetenzen im Bereich Jugendmedienschutz in allen Fächern, Klassenstufen und Schularten vermittelt. Die Erstellung eines schuleigenen Medien- und Jugendmedienschutz-Curriculums kann darüber hinaus für ein Kollegium sehr hilfreich sein, um alle Kolleginnen und Kollegen ins Boot zu holen. Eine Handreichung zur Erstellung eines entsprechenden Curriculums und Vorschläge für Kompetenzen im Bildungsplan nach Fächern und Jahrgangsstufen finden Sie im Bereich  „Jugendmedienschutz im Unterricht“. Welche Themen zur Medienbildung gehören können, finden Sie zudem auf unserem Plakat „Medienbildung entlang der Bildungskette“.

Selbstschutz geht vor!

Bei einigen Hassattacken ist die beste Lösung der Rückzug. Wann der richtige Zeitpunkt ist, können viele Menschen schlecht erkennen. Damit Schülerinnen und Schüler die entsprechende Resilienz aufbauen können, um sich selbst schützen zu können, brauchen einige von ihnen Unterstützung. Bei der Arbeit mit Heranwachsenden gibt es sehr viele Möglichkeiten, den Selbstschutz und die Selbstachtsamkeit aufzubauen und zu stärken, damit Jugendliche einerseits Rekrutierungsversuchen Stand halten können, andererseits gegen Angriffe jeder Art gewappnet sind. Immer wieder wird ein eigenes Fach für Selbstachtsamkeit oder gar „Liebe“ gewünscht, doch Empowerment kann in jedem Fach und jeder Schulform thematisiert und gelehrt werden. Vorbildliches Verhalten aller an Schule Beteiligten ist jedoch grundlegende Voraussetzung, damit Empowerment gelingen kann. Der Konsens muss da sein: „Wir lassen in unserer Schule Hass nicht zu und pflegen einen guten Umgang miteinander.“  
Selbstschutz impliziert:

  • Eigene Daten schützen: im Zweifel anonym bleiben, keine privaten Daten oder Adressen öffentlich machen. Umso weniger Angriffsfläche geboten wird, desto mehr Schutz vor Angriffen.
  • Beleidigungen nicht persönlich nehmen, denn es handelt sich häufig um Verallgemeinerungen und weniger um zielgerichtete Positionen.
  • Auf den eigenen Energiehaushalt und Gesundheit achten, es gilt zum Beispiel sachlich und ruhig zu bleiben, im Zweifel aus Debatten raushalten.
  • Nicht in die Ecke treiben lassen oder für eigene Aussagen rechtfertigen.
  • Auf andere Gedanken kommen, positive Erlebnisse schaffen.
  • Zusammenschlüssen, Initiativen, Aktionsbündnissen, Netzwerken beitreten, denn Gemeinsamkeit hilft die Achtsamkeit zu steigern.
  • Wenn gar nichts anderes mehr hilft, Täter blocken, aus Diskussionen zurückziehen, denn Selbstschutz geht vor.

Bei konkreter Bedrohung: Hilfen für Jugendliche

Jugendliche zeichnen sich meist durch ihre hohe Bereitschaft aus, sich für eine Herzenssache intensiv zu engagieren. In der präventiven Arbeit mit Jugendlichen ist dieser Umstand hilfreich. Mit ein wenig Hilfestellung und kleinen Anregungen können tolle Projekte mit engagierten Schülerinnen und Schülern entstehen. Nützlich ist dabei, wenn Erwachsene im Umfeld insbesondere Lehrkräfte und Eltern Vorbild für eine respektvolle Diskussionskultur sind.
Tipps für Jugendliche:

  • Achte auf einen respektvollen Umgang in deinem direkten Umfeld und online: Netiquette beachten, fairen Umgangston pflegen, keine Späße auf Kosten anderer.
  • Setze Grenzen indem du Beleidigungen löschst und Betreibern meldest, Angreifer blockst und von Freundesliste streichst – vorher noch Beweise z.B. per Screenshot sichern.
  • Schau genau hin, sei kritisch und überprüfe Quellen oder Profile.
  • Humor oder Fantasie können dir helfen, um dich abzugrenzen.
  • Schütze dich selbst: Achte auf deine Grenzen und vermeide Gefahren, das hilft, nicht zur Zielscheibe zu werden.
  • Werde aktiv und übernehme Verantwortung für dein Umfeld.
  • Einmischen ist erlaubt: Weise auf Hatespeech hin und betreibe Widerstand mit Worten, das heißt mit Argumenten kann man gegen Hass im Netz vorgehen.
  • Wenn es zu kritisch wird, hole Hilfe bei Eltern, Freunde, Lehrkräften, informiere diese und beziehe Fachleute ein.

Besonders heikel: Extremismus

Sind Jugendliche von extremistischer Rekrutierung betroffen, können Lehrkräfte Veränderungen häufig zwar wahrnehmen, sind aber aufgrund ihrer vielfältigen anderen Kernaufgaben mit einer gezielten Bearbeitung überfordert. So ist es zwingend und hilfreich, wenn Jugendliche mit extremistischem Gedankengut und Persönlichkeitsveränderungen auffallen, Fachkräfte hinzuzuziehen. Ein Beispiel für Unterstützungsangebote in Baden-Württemberg ist das Kompetenzzentrum gegen Extremismus: Konex ist eine wichtige Anlaufstelle für Ausstiegsberatung bei religiösem oder politisch motiviertem Extremismus. Deren Projekt „Achtung?!“ richtet sich als Angebot an Schulen mit der Zielgruppe in Klassenstufe 9 und berufliche Schulen sowie Eltern und Lehrkräfte. Informationsmaterial über das Projekt und Unterrichtsmaterial werden auf der Seite der Polizei Baden-Württemberg bereitgestellt. Ebenso unterhält das Violence Prevention Network eine Beratungsstelle in Baden-Württemberg. Präventions-Workshops sowie eine Deradikalisierung und Ausstiegsbegleitung werden hier angeboten. Umfangreiche Hintergrundinformationen und Unterrichtsmaterialien hat das Landesmedienzentrum im Bereich „Extremismus“ zusammengetragen.

Erlernen von Gegenstrategien

Vor- und Nachteile verschiedener Gegenstrategien gegen Hatespeech fasst die Broschüre „Geh sterben! Umgang mit Hatespeech und Kommentaren im Internet“ der Amadeu Antonio Stiftung auf Seite 22 zusammen:

1. Ignorieren
Die erste Reaktion ist entscheidend: Sich nicht vom Hass anstecken lassen, tief durchatmen, Emotionen beiseiteschieben und den Beitrag ignorieren. Vorteil: Die Debatte läuft sich tot. Nachteil am „Ignorieren“: Langfristig überlässt man aggressiven Gruppen das Feld.

2. Moderieren: Melden, Löschen, Sperren
Menschenverachtende und volksverhetzende Kommentare können unmittelbar auf Facebook und YouTube gemeldet werden. Wer selbst eine WhatsApp-Gruppe betreibt, sein Facebook-Profil oder ein Forum pflegt, der kann als letzte Instanz das Löschen der Beiträge bzw. das Blockieren des Nutzers selbst erledigen. Vorteil: Moderation verhindert, dass sich Menschen aus öffentlichen Diskussionen verabschieden. Nachteil: Moderation ist aufwändig und teuer. Werden Beiträge ohne weitere Erklärung gelöscht, ist es für die Mitlesenden wenig nachvollziehbar.

3. Gegenrede: Diskutieren, Aufklären, Fakten nennen
Was hilft gegen Stereotype, Gerüchte oder Halbwahrheiten? Die Wahrheit. Durch die Gegenrede entsteht ein Gegengewicht und zeigt die Meinungsvielfalt. Die Gegenrede schafft es zwar nicht, Festgefahrene umzustimmen. Sehr wohl können aber stille Mitleser/-innen vor falschen Fakten bewahrt werden. Nachteil: Auch diese Methode ist aufwändig und teuer. Zeit muss investiert werden, um Ursprungsquellen zu suchen und diese darzulegen.

4. Ironisieren: Humor
Da Aggressoren selten an einer sachlichen Diskussion interessiert sind, bleibt anstatt des Rückzuges der humorvolle Widerstand übrig. Vorteil: die Absurdität einer Diskussion wird offensichtlich. Humor kann auch ein Ventil für Frustration darstellen und eine anstrengende Diskussion kann positiv gelenkt werden. Nachteil: Dialoge sind meist nicht mehr möglich, Fronten verhärten sich mitunter.

Quellen

[1] Landesanstalt für Medien NRW und AJS NRW in Kooperation mit Klicksafe:

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Anja Franz

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