Digitale Spiele sind in Teilen der Gesellschaft nach wie vor negativ behaftet. Oft fallen Begriffe wie „Sucht“ oder „Abhängigkeit“ im Kontext von Computerspielen. Doch gibt es so etwas wie eine Computerspielsucht überhaupt?

Mädchen spielt am Computer

GettyImages/micko1986

Medizinische Einordnung der Computerspielsucht

Im Juni 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Computerspielsucht offiziell als psychische Erkrankung anerkannt. Als süchtig wird laut Eintrag bezeichnet, wenn Personen seit mehr als zwölf Monaten schwere Beeinträchtigungen in der Familie, Ausbildung oder im Berufsleben durch Computerspiele erleiden. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der Krankenkasse DAK sind etwa 465.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Risiko-Gamer. Zwölf Prozent der Teilnehmer/-innen zeigen dabei Anzeichen riskanten und etwa drei Prozent Anzeichen krankhaften Computerspielverhaltens. Diese Anzeichen umfassen unter anderem Interessenverlust an früheren Hobbys, Lügen über die Dauer des Spielens, Kontrollverlust bezüglich der Spieldauer und häufiges Fehlen in der Schule.

Im Schnitt verbringen die deutschen Jugendlichen unter der Woche etwa 140 Minuten täglich mit Computerspielen. Jungen spielen dabei am Tag etwa 30 Minuten länger als Mädchen. An den Wochenenden oder in den Ferien liegt die tägliche Spieldauer etwa 70 Minuten höher als unter der Woche. Zu den beliebtesten Spielen der Jugendlichen zählen aktuell Fortnite, FIFA, Minecraft und Die Sims.

Laut der Studie können bestimmte Mechanismen in Computerspielen zu einem höheren Suchtrisiko führen. Diese sind vor allem:

  • Open End: Das Spiel weist kein endgültiges Ziel auf, sondern eine sich ständig verändernde Spielwelt.  
  • Teamverbünde: Diese schaffen soziale Zugehörigkeit in der virtuellen Welt und können für ein höheres Spielengagement sorgen.
  • Virtuelle Währungen: Im Spiel ausgegebenes Geld kann zu einem intensiveren Spielerlebnis führen. Virtuelle Währungen verschleiern jedoch oft die tatsächlich getätigten Ausgaben.

Trotz der vermeintlich hohen Ergebniswerte, welche die Studie hervorbringt, darf der Begriff Computerspielsucht keinesfalls pauschalisiert werden. Nicht alle Nutzer/-innen von Computerspielen sind automatisch süchtig, wenn sie regelmäßig diesem Hobby nachkommen. Die reine Stundenzahl, die jemand mit Computerspielen verbringt, ist kein Indiz dafür, ob jemand süchtig ist oder nicht. Meist sind es bestimmte Konstellationen an Vorbelastungen, die Spieler/-innen erst zu suchtähnlichem Verhalten bringen können. Wie auch PD Dr. Bert te Wildt in seinem Vortrag beim Safer Internet Day 2019 betonte, spielen individuelle Persönlichkeitsfaktoren bei Suchterkrankungen eine große Rolle. 

Wie viel Zeit sollten Kinder vor dem Computer verbringen dürfen?

Kaum eine Frage beschäftigt Eltern mehr im Kontext von Kindern und Mediennutzung. Pauschal beantworten lässt sich diese Frage nicht, jedoch gibt Bert te Wildt zumindest zwei altersbezogene Richtwerte für die tägliche Bildschirmnutzung:

  • Zehn Minuten pro Lebensjahr pro Tag (dies entspricht etwa zwei Stunden täglich bei einem 12-Jährigen) oder
  • Eine Stunde pro Lebensjahr pro Woche (dies entspricht etwa zwei Stunden täglich bei einem 14-Jährigen)

Generell spielen Persönlichkeitsfaktoren bei Suchterkrankungen eine wichtige Rolle. Dabei gibt es nachweislich drei große Risikogruppen:

  1. Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl
  2. Menschen mit Unsicherheit, Ängstlichkeit, Schüchternheit und sozialer Phobie
  3. Menschen mit Impulsivität und ADHS 

Wo gibt es Hilfe?

Es gibt spezielle Einrichtungen, die sich der Behandlung von Verhaltenssüchten widmen. Zu den Therapieformen zählen dabei sowohl Gruppen- als auch Einzelpsychotherapie sowie stationäre Behandlungen in einer Klinik.

Onlinesucht-Ambulanz OASIS

Onlinesucht-Ambulanz für Internet- und Computerspielsüchtige Kinder und Jugendliche

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Auxilium Reloaded

Therapeutische Facheinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene mit riskantem Medienkonsum

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Ins Netz gehen

Multiplikatorenportal für maßvollen Computerspiel- und Internetgebrauch

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Gaming Disorder Test

Online-Test im Rahmen einer Studie zum Vergleich der eigenen Computerspielsuchttendenzen mit denen anderer Spieler/-innen

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ComputerSpielSchule Stuttgart

Einrichtung zum Ausprobieren von Games sowie zum Austausch über Spieletrends und pädagogische Einsatzmöglichkeiten

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Ulrike Boscher & Sascha Schmidt

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