JIM-Studie 2019

Wie verbreitet Cybermobbing in Deutschland ist, verrät ein Blick auf drei wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2017 bis 2019. Den Studien zufolge sind aktuell durchschnittlich 8 bis 14 % der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Opfer von Mobbing im Netz – also ungefähr jede/-r Zehnte.

Die aktuellste unter diesen Studien ist die „JIM-Studie 2019 – Jugend, Information, Medien“ des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Grundlage ist eine im Zeitraum Mai bis August 2019 realisierte repräsentative Befragung unter 12- bis 19-Jährigen. 8 % der Befragten gaben an, „selbst schon per Smartphone/im Internet fertig gemacht“ worden zu sein: davon mehr als doppelt so häufig Mädchen (11 %) als Jungen (4 %). Nicht nur Geschlecht, sondern auch Alter haben der Studie zufolge einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Cybermobbing zu werden. Je älter die Befragten waren, desto häufiger waren sie betroffen. Zum Vergleich: 12- bis 13-Jährige machten lediglich 3 %, 18- bis 19-Jährige hingegen 10 % der Fälle aus. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Cybermobbing-Opfer insgesamt leicht angestiegen. Laut JIM-Studie 2014 lag der Wert im Referenzjahr noch bei 7 % der Befragten.

Sechs Jugendliche mit Smartphone vor einer Schule

LeoPatrizi via Getty Images

DIVSI U25-Studie

Eine höhere Betroffenenzahl geht aus der „DIVSI U25-Studie: Euphorie war gestern“ des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) hervor. Die repräsentative Erhebung unter 12- bis 19-Jährigen im Zeitraum April bis Juni 2018 ergab, dass 14 % der Studienteilnehmer/-innen bereits „von anderen fertig gemacht wurden (Mobbing)“. Im Vergleich zur Vorläuferstudie im Jahr 2014, in der sich lediglich 3 % als Opfer von Cybermobbing bezeichneten, hat sich dieser Wert in der Zwischenzeit mehr als vervierfacht. Mehr als jede/-r Dritte (36 %) nimmt Cybermobbing außerdem als „Risiko bei der Internetnutzung“ wahr. Andere Risiken der Internetnutzung sind für die Kinder und Jugendlich jedoch bedeutsamer, wie z. B. das „Ausspionieren von Zugangsdaten“, die „Infizierung des Computers mit Schadprogrammen“ oder „Betrug beim Online-Einkauf“ (alle 61 %).

Cyberlife II

Jede/-r fünfte Täter/-in war selbst schon mal Opfer

Die detaillierteste Studie, die sich dem Thema Cybermobbing aus der Eltern-, Lehrer/-innen und Schüler/-innen-Perspektive widmet, ist „Cyberlife II“ und wurde im Jahr 2017 vom Verein „Bündnis gegen Cybermobbing e.V.“ herausgegeben. Im Zeitraum Oktober 2016 bis Februar 2017 wurden hierfür Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 10 bis 21 Jahren sowie Eltern und Lehrkräfte befragt.

Die Schüler-Studie ergab, dass rund 13 % der Studienteilnehmer/-innen „über einen längeren Zeitraum hinweg mithilfe von Internet- und Mobiltelefondiensten absichtlich beleidigt, bedroht, bloßgestellt oder belästigt“ wurden. Dies deckt sich mit der Prozentzahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich selbst als Täter/-innen von Cybermobbing-Attacken outeten. Bemerkenswert ist, dass etwa jede/-r fünfte Täter/-in schon einmal selbst Opfer von Cybermobbing war. Dieses Charakteristikum unterscheidet Cybermobbing deutlich von „klassischem Schulhof-Mobbing“. Im Vergleich zur Vorläuferstudie „Cyberlife I“ aus dem Jahr 2013 ist die Betroffenheit um etwa ein Fünftel zurückgegangen. Damals zählten 16,6 % der Schüler/-innen zu Cybermobbing-Opfern.

Ein Zehntel der Lehrkräfte hat regelmäßig mit Cybermobbing zu tun

Der Eltern-Studie zufolge waren bereits 11 % ihrer Kinder mit Cybermobbing konfrontiert. Weitere 13 % der Eltern gaben außerdem an, zwar nicht selbst mit den eigenen Kindern betroffen zu sein, aber Cybermobbing bei anderen Familien mitbekommen zu haben. Die Lehrer-Studie ergab, dass deutlich mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte in den letzten 12 Monaten mit Cybermobbing zu tun hatte: ein Zehntel davon „regelmäßig“, ein Viertel „manchmal“ (24 %) und ein weiteres Viertel „selten“ (26 %).

Wie bereits die JIM-Studie zeigte, machen Geschlecht und Alter einen Unterschied bei der Betroffenheit von Cybermobbing. Der Schüler-Studie zufolge sind Mädchen häufiger Opfer als Jungen. Während Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren am häufigsten im Netz gemobbt werden, ist das Phänomen bei Mädchen ein Jahr später, also im Alter von 15 bis 17 Jahren, am ausgeprägtesten. Im Alter von 20 Jahren gehen die Betroffenenzahlen bei beiden Geschlechtern deutlich zurück, liegen aber weiterhin leicht über dem Niveau der 10- bis 11-Jährigen.

Opfer werden am häufigsten beschimpft und beleidigt

Anders als die JIM- und die DIVSI-Studie hat die Cyberlife-Studie auch in den Blick genommen, auf welche Art und Weise im Netz gemobbt wird. In den meisten Fällen müssen Cybermobbing-Opfer Beschimpfungen und Beleidigungen erdulden: weibliche Befragte mit 77 % deutlich mehr als männliche mit 60 %. Am zweithäufigsten werden Lügen und Gerüchte sowohl über weibliche (58 %) als auch über männliche Betroffene (32 %) verbreitet. Die dritthäufigste Art des Cybermobbings ist hingegen geschlechtsspezifisch. So werden 27 % der von Cybermobbing betroffenen Mädchen unter Druck gesetzt, erpresst oder bedroht. Demgegenüber ergeht es prozentual etwa gleich vielen männlichen Cybermobbing-Opfern (26 %) so, dass andere unangenehme oder peinliche Fotos oder Filme von ihnen verbreiten.

Messenger als meistgenutzer Kanal

Messenger stellen dabei die meistgenutzten Kanäle dar, um Cybermobbing-Opfer zu belästigen. Vier Fünftel aller Betroffenen hat bereits Cybermobbing via Messenger erlebt, mehr als die Hälfte über soziale Netzwerke und mehr als ein Drittel per Chatroom. Weniger häufig nutzen Täter/-innen auch E-Mails (18 %) und Foren (17 %), um ihre Opfer fertigzumachen.

Die Studien im Überblick

Keine trennscharfe Definition von Cybermobbing

In der Gesamtschau zeigt sich, dass das typische Cybermobbing-Opfer weiblich und eine ältere Teenagerin ist, die per Messenger beleidigt oder beschimpft wird. Was das Ausmaß der Verbreitung und die Tendenz einer Zu- oder Abnahme von Cybermobbing in den letzten Jahren angeht, weichen die Ergebnisse der verschiedenen Studien voneinander ab. Diese Abweichungen kommen dadurch zustande, dass die Definition von Cybermobbing nicht trennscharf ist. Unter die Definition von Cybermobbing fällt eine Vielzahl unterschiedlicher Online-Konflikte, wie z.B. Beleidigungen, Beschimpfungen oder unerlaubtes Hochladen von Fotos oder Videos.

Beleidigungen im Netz sind weit verbreitet

Treten einzelne dieser Streitereien im Netz auf oder kommen diese einmalig vor, interpretieren Jugendliche diese häufig noch nicht als Cybermobbing. Hingegen verstehen sie unter Cybermobbing Handlungsweisen, die – gemessen an den eigenen Moral- und Wertvorstellungen – zu weit gehen und von denen sie sich distanzieren. Auf diese Weise lässt sich auch erklären, dass viele Heranwachsende in den Studien angeben, bereits selbst Erfahrungen mit Beleidigungen, Beschimpfungen oder unerlaubt hochgeladenen Fotos und Videos gemacht zu haben, die Frage nach Cybermobbing in ihrem Alltag jedoch verneinen. Beleidigungen im Netz stehen dabei an erster Stelle: Laut JIM-Studie 2019 hat bereits jede/-r fünfte 12-bis 19-Jährige/-r Erfahrungen damit gemacht, laut DIVSI-Studie 2018 sogar mehr als jede/-r vierte. In beiden Studien gaben dagegen nur halb so viele Befragte an, schon von Cybermobbing betroffen gewesen zu sein.

Gegen Hass im Netz und für ein respektvolles Miteinander in sozialen Medien setzt sich daher die Informations- und Sensibilisierungskampagne „Bitte Was?! Kontern gegen Fake und Hass“ der Landesregierung Baden-Württemberg ein. Eine Social-Media-Kampagne, kostenlose Workshops und Veranstaltungen für Schüler/-innen, Lehrkräfte und Eltern sowie kostenfreie Unterrichtsmaterialien begleiten die Kampagne durchs ganze Land.

Zur Website der Kampagne „Bitte Was?! Kontern gegen Fake und Hass“

Quellen

[1] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs):

[2] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs):

[3] Vgl. Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) (2018):

Madeleine Hankele-Gauß

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