Woran erkennt man eine Computerspielsucht?

Ulrike Boscher
Tastatur und Konsole für Games.

Seit Corona verbringen viele Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit mit Computerspielen. Aber laufen sie deswegen alle Gefahr, süchtig zu werden? Nein, sagen Experten. Aber es ist Vorsicht geboten! | gleitfrosch/iStock-Plus via GettyImages

Immer mehr Kinder und Jugendliche gefährdet

Laut DAK-Studie hat die Mediensucht bei Kindern- und Jugendlichen während der Corona-Pandemie stark zugenommen von 2,7 auf 4,1 Prozent. Hochgerechnet könnten aktuell rund 220.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren betroffen sein und unter einem krankhaften (pathologischen) Spieleverhalten leiden. Im Fokus der Computerspielsucht stehen vor allem Jungen (3,2 Prozent). Den Anstieg der Mediensucht sehen die Studienmacher in starkem Zusammenhang mit den längeren Nutzungszeiten während der Pandemie. Diese sind inzwischen zwar leicht rückläufig, aber immer noch höher als vor Corona. Sorgen bereitet den Autoren, darunter auch Ärzte, dass der Anteil der Therapiebedürftigen zugenommen hat. Aber wann spricht man überhaupt von Sucht? Was ist normal, riskant oder krankhaft? Gibt es Warnsignale und Risikofaktoren, auf die Eltern achten können? Wo bekommt man Hilfe?

„Der Anstieg der Mediensucht ist vor allem auf die wachsende Zahl pathologischer Nutzer unter den Jungen zurückzuführen. Auffällig ist auch der Anteil der Betroffenen bei den 10- bis 14-Jährigen.“ Prof. Rainer Thomasius, Studienleiter und Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am UKE Hamburg (Pressemitteilung 2.11.2021).

 

Ein Zusammenspiel vieler Faktoren führt in die Sucht

Bei einer Computerspielsucht kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Die Nutzungsdauer ist dabei nur ein Kriterium. Isoliert betrachtet, ist sie nur wenig aussagekräftig. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die mehrere Stunden am Tag spielen, aber ihr Leben trotzdem im Griff haben. Eine krankhafte Spielsucht liegt meist dann vor, wenn die Spielenden ihr übermäßiges Nutzungsverhalten nicht mehr beeinflussen können und jemand darunter leidet. Das können die Betroffenen selbst sein, Partner, Eltern oder Kinder.

„Wer spielsüchtig ist, verbringt logischerweise viel Zeit beim Spielen. Allerdings heißt das nicht umgekehrt, dass alle, die viel spielen, direkt auch ein Suchtproblem haben,“ erklärte Dejan Simonović, Gaming-Experte und Leiter der ComputerSpielSchule Stuttgart jüngst im LMZ-Interview „Gaming in der Pandemie“ und verwies dabei auf weitere Kriterien, die wir in diesem Artikel vertiefen wollen.

Die neue ICD-11: Computerspielsucht als Krankheit anerkannt

In Deutschland ist die Computerspielsucht als Krankheit offiziell anerkannt. Die Grundlage für die Diagnose und Therapie bildet die überarbeitete Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die am 1.1.2022 in Kraft getreten ist. ICD steht für „International Statistical Classification of Diseases an Related Health Problems“. Darin sind alle offiziellen Krankheiten mit einem ICD-Code gelistet. Neu hinzugekommen sind die Diagnosen „Gaming Disorder“ (Computerspielstörung oder abhängiges Computerspielen, ICD-11-Code QE22) und das „Hazardous Gaming“ (riskante Computerspielen, ICD-11-Code QE22). Betroffene haben damit einen Behandlungsanspruch, der abgerechnet werden kann. Im Gegensatz dazu, ist die Abhängigkeit von Social Media, Online- und Streaming-Diensten, die ebenfalls als Störungsbilder der Mediensucht betrachtet werden müssen, noch nicht im ICD-11 aufgenommen.

Gamer von hinten beim Computerspiel.

Gamer von hinten beim Computerspiel. | Nestea06/iStock-Plus via GettyImages

Riskant oder krankhaft?

In Anlehnung an die ICD-11 werden in Deutschland bei der Diagnose zwischen „Riskanter Nutzung“ und „pathologischer Nutzung“ unterschieden.

Riskante Nutzung:

Bei diesem Verhalten ist das Risiko erhöht, körperlich oder psychisch zu erkranken, weil

  • häufiger als gewöhnlich gespielt wird (erhöhte Nutzungsfrequenz),
  • länger als gewöhnlich gespielt wird (erhöhte Nutzungsdauer),
  • Hobbies und Aufgaben nicht mehr wie sonst erledigt werden (verstärkte Vernachlässigung).

Der Spielende nimmt negative Folgen in Kauf, allerdings gibt es noch keine Konsequenzen. Ein Zeitkriterium für die riskante Nutzung ist nicht festgelegt.

Pathologische Nutzung (Nutzung mit Krankheitswert bzw. Sucht):

Eine Computerspielstörung (im Sinne einer pathologischen Mediennutzung) liegt vor, wenn folgende Verhaltenskriterien über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten bestehen. Das Verhalten kann durchgängig oder episodisch auftreten.

  • Kontrollverlust (in Bezug auf Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung und Art der Nutzung von Games)
  • zunehmende Priorisierung gegenüber anderen Lebensinhalten und Aktivitäten
  • Fortsetzung des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen.

Eine Computerspielsucht führt zu erheblichen Beeinträchtigungen und signifikanten Störungen psychosozialer Funktionsbereiche. „Sie gehen häufig mit komorbiden psychischen Störungen, wie Depression und sozialen Ängsten sowie Schulabsentismus einher und drohen bei Nicht-Behandlung zu chronifizieren und zu erschwerten schulisch-beruflichen Perspektiven zu führen.“ (Suchtmediziner Prof. Dr. Rainer Thomasius, DAK-Studie Mediensucht 2020, S. 67).

Erste Warnsignale und Symptome

Bei der Computerspielsucht stellt sich ein Leidensdruck und die Erkenntnis, dass Hilfe benötigt wird, meist sehr spät ein. In der Regel sind es nicht die Spielenden, sondern Angehörige oder Freunde aus dem Umfeld, die eine Veränderung im Verhalten feststellen.

Wie kann sich eine Sucht äußern?

Der Psychologe und Online-Berater für Computerspiel-Sucht Dr. Armin Kaser beschreibt folgende Symptome, die bei einer Computerspielsucht auftreten können.

  • Verändertes Kontaktverhalten: Die betroffenen Jugendliche ziehen sich zunehmend zurück, gehen Begegnungen aus dem Weg, Gespräche verlaufen häufig flüchtig und oberflächlich.
  • Unwiderstehliches Verlangen: Bei der Computerspielsucht denkt der Gamer oder die Gamerin übermäßig viel an die Spiele, auch in der Schule oder bei der Arbeit. Sie kommen nicht davon los. Manche gehen deswegen früher von der Schule nach Hause, verzichten auf Mahlzeiten oder brechen laufende Aktivitäten ab.
  • Kontrollverlust: Gesunde Gamer haben ihre Spielzeit im Griff. Sie können sich vornehmen, nur eine bestimmte Zeit zu spielen, um sich dann anderen Dingen zu widmen. Abhängige Gamer schaffen es in der Regel nicht, sich an Vereinbarungen zu halten, auch wenn sie es sich vornehmen. Entsprechend fällt es ihnen auch schwer, Medienzeiten zu reduzieren.
  • Entzugserscheinungen: Wenn Eltern die Konsole wegnehmen, den Router verstecken oder das Internet abschalten, reagieren Spielsüchtige häufig wütend oder aggressiv. Sie verhandeln immer wieder erneut über Nutzungszeiten und schalten, in Extremfällen, auch nachts die Geräte heimlich an. Dort, wo sie nicht spielen können (z.B. in der Schule) wirken sie häufig unruhig, nervös und reizbar. Häufig treten auch Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Niedergeschlagenheit, vielleicht sogar Ängstlichkeit und Konzentrationsschwächen auf.
  • Verlängerung der Nutzungszeiten: Aus anfänglich wenigen Stunden täglich werden immer mehr. Je länger die Sucht andauert, desto mehr müssen Kinder und Jugendliche spielen.
  • Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche: Schleichend verlieren Computerspielsüchtige das Interesse und die Freude an Dingen, mit denen sie sich früher gerne beschäftigt haben. Das kann der Vereinssport, ein Hobby oder Freunde treffen sein.
  • Weiterspielen trotz negativer Auswirkungen: Dieses Kriterium unterscheidet gesunde Spieler/-innen von krankhaften Spieler/-innen mit am stärksten. Gesunde Spieler/-innen erkennen negative Konsequenzen und können ihr Verhalten ändern. Sie priorisieren Aufgaben und verschieben das Spielen, um wichtige Aufgaben zu erledigen. Freundschaften im realen Leben sind ihnen wichtiger als Rates und Online-Events. Computerspielsüchtige hingegen machen trotz aller Konflikte weiter. Sie nehmen negative Konsequenzen in Kauf, auch wenn sich körperliche und seelische Probleme (wie z.B. Über- und Untergewicht, Kopf- und Rückenschmerzen, Einsamkeit, Ängste, Depression) einstellen.
  • Verheimlichung oder Verharmlosung: Computerspielsüchtige brauchen häufig lange, um zu erkennen, dass sie ein Problem haben und Hilfe brauchen. Eine realistische Einschätzung zur Spielenutzung fällt ihnen schwer.
Grübelnder Junge am Fenster.

Übermäßige Nutzung von Games kann körperliche, psychologische und soziale Folgen haben. | Juanmonino/Eplus via GettyImages

Online-Tests und Fragebögen

Im Internet findet man verschiedene Online-Tests zur Computerspielsucht. Sie liefern lediglich Anhaltspunkte, ob eine problematische oder krankhafte Nutzung vorliegen könnte. Sie ersetzen aber niemals das diagnostische Gespräch mit einem Facharzt oder Psychotherapeuten. Vielmehr bieten sie eine erste Auseinandersetzung mit einem möglichen Krankheitsbild.

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ):

Fragebögen zur Gamingsucht

Charité Berlin, Arbeitsgruppe Spielsucht: Selbsttest

Charité Berlin: Spielsucht, Selbsttest

Dr. Armin Kaser, Klinischer Psychologe und Online-Berater zur Computerspielsucht: Online-Test, kostenlos, 2 Minuten, ohne Registrierung.

Bin ich computerspielsüchtig?

Klicksafe

Checkliste: Besteht beim Kind die Gefahr einer Abhängigkeit?

Universitätsmedizin Mainz. Ambulanz für Spielsucht.

Computerspielsüchtig? Checkliste für Eltern.

Erklärvideo

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ):

Mediensucht erklärt in 5 Minuten

Broschüren

Broschüren der Computersuchthilfe zum problematischen Gebrauch digitaler Spiele und sozialer Medien für Kinder & Jugendliche, Erwachsene und Angehörige von Betroffenen.

Broschüren: Warnsignale, Folgen der Sucht & Empfehlungen

Experteninterview

PD Dr. med. Bert te Wildt ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen und Experte für Internet- und Computerspielsucht. Im Jahr 2019 war er bei uns zu Gast beim Safer Internet Day und referierte zum Thema „Digitale Verlockungen und Süchte“. Im folgenden Interview mit dem DZSKJ beantwortete er häufig gestellte Fragen zur Mediensucht.

Fragen zur Mediensucht. Interview mit PD Dr. med. Bert te Wildt (Youtube)

Anlaufstellen, Beratung und Therapie (Link-Tipps):

Stadtmedienzentrum Stuttgart/Computerspielschule: Bietet eine individuelle Beratung rund um das Thema Digitale Spiele und steht bei Fragen zu Spielsucht, altersgerechten Spielen und dem pädagogischen Einsatz von Spielen zur Verfügung.

Stadtmedienzentrum Stuttgart/Computerspielschule

Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. LMZ/ Medienpädagogische Beratungsstelle: Berät vor allem Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Sozialpädagoginnen und -pädagogen. Wir können im Rahmen unserer Beratungstätigkeit leider keine professionelle Einzelfallberatung leisten, beispielsweise für Jugendliche mit problematischem Mediennutzungsverhalten. Bei Bedarf nennen wir gerne entsprechende Beratungsstellen.

Medienpädagogische Beratungsstelle LMZ

Uniklinik Tübingen. Ambulanz für Computerspiel- und Internetabhängigkeit. Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie mit Poliklinik. Beratung für Betroffene, Diagnostik im Rahmen von zwei Erstgesprächsterminen, Erörterung von Therapiemöglichkeiten.

Uniklinik Tübingen. Ambulanz für Computerspiel- und Internetabhängigkeit

Uniklinik Tübingen. Flyer zur Spezialsprechstunde für problematische Internetnutzung und Computerspielsucht.

Flyer: Spezialsprechstunde für problematische Internetnutzung und Computerspielsucht

Fachverband Medienabhängigkeit e.V.: Beratungs- und Anlaufstellen in Deutschland (Adressen)

Fachverband Medienabhängigkeit e.V.

Ins-Netz-gehen: Exzessive Mediennutzung bei Jugendlichen: Informations- und Hilfsangebote.

Ins-Netz-gehen: Infos und Hilfen

Hilfe bei Sucht:

Computersuchthilfe

Die Psychotherapeutensuchfunktion der Landespsychotherapeutenkammern

Suche nach Psychotherapeuten

Die Arzt- und Psychotherapeutensuchfunktion der Kassenärztlichen Vereinigungen

Suche nach Ärzten- und Psychotherapeuten

Spezial-Kliniken zu Computerspielsucht

Ulrike Boscher

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