Warum wir alle ein bisschen Journalist sein müssen – Neue Studie zu Nachrichtenkompetenz in Deutschland

Madeleine Hankele-Gauß
Handy dessen Display Nachrichten anzeigt

oatawa via Getty Images

Fast die Hälfte der Deutschen ist wenig kompetent

Wie hältst du’s mit digitalen Nachrichten, Deutschland? Das ist die Gretchenfrage, die die kürzlich veröffentlichte Studie „Quelle: Internet?“ des gemeinnützigen Thinktanks Stiftung Neue Verantwortung e.V. erstmals repräsentativ zu beantworten sucht. Hierfür haben rund 4.000 Internetnutzer/-innen ab 18 Jahren an einem Nachrichtenkompetenz-Test und einer Befragung teilgenommen. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der Deutschen ist wenig kompetent, wenn es zum Beispiel darum geht, Falschinformationen zu erkennen, Quellen zu bewerten oder den deutschen Medienmarkt richtig einzuordnen. Nur ein Fünftel der Befragten glänzt mit einer hohen Nachrichtenkompetenz.

Grafik von fünf Köpfen, um Nachrichtenkompetenz zu simulieren

In der heutigen Nachrichtenwelt benötigen Konsumentinnen und Konsumenten Wissen und Fähigkeiten aus diesen fünf Kompetenzbereichen. | Grafik: LMZ

So ist der Nachrichtenkompetenz-Test aufgebaut

Um in der schnelllebigen und vielschichtigen Nachrichtenwelt von heute zu bestehen, in der Nachrichten-Apps und soziale Netzwerke mit traditionellen Kanälen wie Zeitung und Fernsehen konkurrieren, benötigen Konsumentinnen und Konsumenten Wissen und Fähigkeiten aus verschiedenen Bereichen. Laut den Autorinnen und Autoren der Studie müssen wir alle ein bisschen digitaler Navigator, Journalist, Fact-Checker, Debatteur und Kommunikationswissenschaftler sein.

Ihr Nachrichtenkompetenz-Test überprüft daher anhand von 23 Aufgaben, wie gut sich die Befragten in diesen fünf Kompetenzbereichen auskennen. Dazu gehört, sich schnell in unübersichtlichen Informationsumgebungen zurechtfinden, die Qualität von Nachrichten sowie die Zuverlässigkeit von Quellen beurteilen und rational diskutieren zu können. Auch Grundkenntnisse über das Mediensystem und digitale Öffentlichkeiten werden abgefragt.

Wer schneidet am besten ab?

Von 30 möglichen Punkten erreichten die Befragten durchschnittlich 13,3 und damit weniger als die Hälfte der maximalen Punktzahl. Die höchsten Punktzahlen erzielten dabei aus soziodemografischer Sicht

  • die 40- bis 59-Jährigen sowie die 18- bis 39-Jährigen mit hoher formaler Schulbildung (16,8 bzw. 16,5),
  • Nutzer/-innen von Nachrichten-Apps (15,9) und
  • 18- bis 29-jährige Männer (15,8).

Am schlechtesten schnitten

  • Personen mit niedriger formaler Schulbildung (11,2),
  • Personen, die Nachrichten selten oder nie persönlich diskutieren (11,3), und
  • Frauen über 70 (11,6) ab.

Es fällt auf, dass die Gruppe der wenig gebildeten 18- bis 39-Jährigen mit 10,7 Punkten sogar noch schlechter abschneidet als die Gruppe der über 40-Jährigen mit demselben Bildungsniveau. Dies könnte mit der abnehmenden Lesekompetenz der jüngeren Generation zusammenhängen.

Spannend ist zudem der von der Studie ermittelte Zusammenhang zwischen Nachrichtenkompetenz und dem Vertrauen in Medien, politische Institutionen und Demokratie. Befragte mit hohem Medien- und Demokratievertrauen erzielten durchschnittlich 15,2 Punkte, wohingegen Befragte mit geringem Medien- und Demokratievertrauen nur 9,8 Punkte erreichten – und damit den schlechtesten in der Studie ausgegebenen Durchschnittswert.

Defizite beim Unterscheiden von Informationen, Falschinformationen und Meinungen

Alles in allem offenbart die Studie, dass deutsche Internetnutzer/-innen zwar über Grundfähigkeiten im Umgang mit digitalen Nachrichten verfügen. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass 93 Prozent der Studienprobanden ein Video bei WhatsApp nicht ungesehen weiterleiten würden, 80 Prozent eine Information einer zuverlässigen Quelle und 65 Prozent eine nicht neutrale Quelle bei Facebook erkennen können.

Doch an zahlreichen Stellen mangelt es noch an konkreten Kenntnissen und Fähigkeiten. So können 89 Prozent der Befragten eine fehlende Quellenangabe bei einer Meldung nicht identifizieren. Weitere 30 bis 40 Prozent haben Probleme damit, Falschinformationen von Informationen sowie Tatsachen von Meinungen zu unterscheiden. Auch öffentlich-rechtliche und privatwirtschaftliche Angebote zu differenzieren, fällt vielen schwer – zumal 35 % nicht richtig einordnen können, was „öffentlich-rechtlich“ bedeutet.

Wie nachrichtenkompetent Sie oder Ihre Schüler/-innen sind, können Sie übrigens auf der Homepage der Stiftung Neue Verantwortung testen. Hier steht der vollständige Nachrichtenkompetenz-Test zur freien Verfügung. Nachholbedarf in diesem Bereich können Schüler/-innen, Eltern, Seniorinnen und Senioren zum Beispiel mithilfe unserer Medienmentoren-Programme decken.
 

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Madeleine Hankele-Gauß

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