Viele „Wischer“, aber nur wenige „IT-Versteher“

Ulrike Boscher
Wütende Frau bei der Arbeit am Laptop

Vielen Deutschen mangelt es an Problemlösekompetenz, wenn sich Schwierigkeiten am Rechner auftun. | stock-colors via GettyImages

Studie zur Digitalkompetenz der Deutschen

Die Digitalisierung wird unsere Lebens- und Arbeitsbereiche zunehmend verändern. Umso wichtiger werden digitale Kompetenzen in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen. Nun hat eine Studie der Initiative D21 aufgezeigt: Die Digitalkompetenz der Deutschen muss in der Fläche besser werden. Sonst werden benachteiligte Gruppen in Zukunft abgehängt.

Eigentlich braucht man keine Studie für die Erkenntnis, dass sich jüngere Menschen im Umgang mit IT und digitalen Anwendungen leichter tun als Ältere. Nicht überraschend ist auch das Ergebnis, dass die Medienkompetenz der Deutschen sehr stark vom Bildungsgrad abhängt. Und dennoch hat die jüngst veröffentlichte Studie „Digital Skills Gap“ von D21 nochmals für Aufmerksamkeit gesorgt, denn sie macht deutlich: Die digitalen Kompetenzen der Deutschen sind nur mittelmäßig. Die Mehrheit verfügt zwar über Basiskompetenzen, aber nur Wenige verstehen technische Zusammenhänge und können komplexe Aufgaben und Probleme auf digitalem Wege lösen. Das ergab eine Untersuchung der ITM Beratungsgesellschaft mbH, bei der die Befragungsdaten von 2038 Personen (über 14 Jahre) zu folgenden Aspekten ausgewertet wurden:

  • Informations- und Datenkompetenz
  • Kommunikation und Kollaboration
  • Digitale Inhalte erzeugen und gestalten
  • Sicherheit und Wohlbefinden
  • Problemlösekompetenz

Digitale Spaltung der Gesellschaft

Die Gesellschaft ist gespalten, meint der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger: Auf der einen Seite gibt es die große Mehrheit mit Wischkompetenz, auf der anderen Seite eine Minderheit mit Medienkompetenz. Die „Wischer“ gehen souverän mit Anwendungen und Geräten um, nutzen Apps, recherchieren Infos im Internet, chatten, verschicken Fotos und Texte. Es fehlen ihnen jedoch tiefergreifende Fähigkeiten, um selbständig Probleme zu lösen. Nur eine medienaffine Minderheit, die „IT-Versteher“ sehen sich in der Lage, selbständig dazuzulernen, neues Wissen anzuwenden, um sich oder anderen zu helfen.

Laut Studie besteht bei der Problemlösungskompetenz der größte Handlungsbedarf. 54 Prozent der Befragten mit hoher Bildung trauen sich zu, Internet- und Computerproblemen zu lösen oder anderen zu helfen, bei mittlerer Bildung sind es 33 Prozent, bei niederer Bildung nur noch 19 Prozent.

Selbständig Wissen aneignen – das ist für viele schwierig.

Fast alle Internet-Nutzer/-innen in Deutschland können recherchieren (87 Prozent), aber nur 61 Prozent können auch beurteilen, ob die Informationsquelle seriös ist. Vor allem älteren Menschen und Personen mit niedriger Bildung fällt die kritische Bewertung schwer. Sie nutzen in der Regel auch weniger Internetquellen als Nutzer/-innen mit hoher Bildung.

Die Kompetenz zur Wissensaneignung ist insgesamt gering ausgeprägt. Nur (etwas) mehr als zwei von fünf Online-Anwender/-innen trauen sich zu, sich selbst Wissen anzueignen. Es bestehe deswegen die Gefahr, dass sich viele Menschen auf die Hilfe Dritter (zum Beispiel auf Weiterbildungen) verlassen oder ihren Status Quo einfach akzeptieren, so die Studienmacher in ihrer Zwischenbilanz (Digital Skills Gap, Seite 83). Man dürfe diese Menschen nicht zurücklassen, sonst könnte die Kluft zwischen denjenigen, die sich kontinuierlich Wissen aneignen und denjenigen, die verharren immer größer werden. Pandemien, wie die Corona-Krise verstärken die Gefahr eines „Digital Skills Gap“.

Handy-Kompetenz reicht nicht aus

Kommunikation über digitale Kanäle ist für viele Deutsche selbstverständlich. 93 Prozent können mit Smartphone und Messenger-Diensten sehr gut umgehen und Fotos verschicken, aber nur 41 Prozent der Befragten weiß, wie man eine Videokonferenz einrichtet. Unter den Personen mit Bürojobs beherrschen lediglich 14 Prozent eine Programmiersprache. Das ist nur jede/r Siebte.
 

Ein Teenager-Junge schaut mit irritiertem, wütendem Blick auf sein Handy.

Jüngere posten gerne Nachrichten auf sozialen Netzwerken, vergessen dabei aber häufig, welche Selbstdarstellungen im Netz sinnvoll und angebracht sind. | Prostock-Studio via Getty Images

Posten ohne Reflexion

Jüngere Menschen (in der Altersgruppe 14-29 Jahre) sind fit im Posten von Nachrichten und im Hochladen von Inhalten. Allerdings wissen nur die wenigsten, welche Inhalte urheberrechtlich geschützt sind und wie man damit umzugehen hat.

Es lässt sich festhalten: Eine Gesellschaft, die sich in den kommenden Jahren mit den Chancen und Herausforderungen künstlicher Intelligenz beschäftigen muss, ist in Summe nicht besonders gut aufgestellt. Die digitalen Kompetenzen sind jedoch ungleich verteilt und hängen sehr stark vom Alter, der Bildung und Beruf ab. Diese Kluft muss man überwinden. „Während sich die jüngeren und gut Gebildeten sehr viel häufiger in der digitalen Welt bewegen, brauchen vor allem Ältere und Menschen mit niedriger Bildung Unterstützung und drohen andernfalls abgehängt zu werden“, erklärte Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21.

Studie „Digital Skills Gap“ zum Download (PDF)

Ulrike Boscher

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