Sexualisierte Gewalt im Netz

Bianca Post
Cyber-Mobbing hinterlässt die gleichen Spuren wie Mobbing

Cyber-Mobbing hinterlässt die gleichen Spuren wie Mobbing | Unsplash.com/Tertia van Rensburg | CC BY-SA 4.0

Interview mit Dr. Frederic Vobbe

Dr. Frederic Vobbe arbeitet bei Zartbitter e.V., Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Er ist dort Berater, gibt Fortbildungen und wirkt an der Herstellung von Präventionsmaterialien mit. Sexualisierte Gewalt im Netz ist einer seiner Arbeitsschwerpunkte. Im Rahmen der Jahrestagung der Aktion Jugendschutz im März 2013 zum Thema Cybermobbing hat er einen Workshop mit dem Titel „…wirklich virtuell? – Schutz vor sexualisierter Gewalt im Netz” angeboten. Im Interview mit Bianca Post berichtet er unter anderem über sexualisierte Gewalt im Netz durch Jugendliche und den sensiblen Umgang mit Betroffenen. Unter www.zartbitter.de finden Mädchen und Jungen, Männer und Frauen zahlreiche Materialien und Tipps zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Netz.

Wann fängt für Sie sexualisierte Gewalt im Netz an?

Wenn die Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung eines Mädchen oder Jungen überschritten werden. Das muss aber nicht gleichbedeutend sein mit einem massiven oder strafrechtlich relevanten sexuellen Missbrauch, denn auch eine sexuelle Grenzverletzung würde ich als sexualisierte Gewalt bezeichnen: zum Beispiel unerwünschte sexistische Kosenamen. Oder wenn jemand sexualisierte Qualitätsurteile über den Körper eines Mädchen oder Jungen auf dessen Wall im Social Web postet. Oder wenn, Erwachsene, ältere Jugendliche oder Peers versuchen, Kinder in „Gespräche”, Chats, Konversationen zu verwickeln, bei denen es um deren sexuelle Vorlieben geht. Oder, wenn Kinder und Jugendliche aufgefordert werden, erotisch „angehauchte” Bilder von sich zu versenden, zum Beispiel in Unterwäsche.

Im Endeffekt dient all das nur der Ausnutzung des Mädchen oder Jungen und der Machtausübung oder der Lustbefriedigung oder den Kontrollwünschen der übergriffigen Person.

Mit welchen Erscheinungsformen äußert sich sexualisierte Gewalt im Netz?

Eine Form, die in der Forschung und den Medien einige Zeit ziemlich präsent war, ist das Cybergrooming, das heißt das meist ein Fremdtäter versucht, über Chats oder offene Online-Communities Kontakt zu Mädchen und Jungen herzustellen und diese sexuell auszubeuten: Entweder durch exhibitionistische Handlungen, also indem der oder auch die Täterin sich selber vor der Kamera befriedigt und sich an der Vorstellung, was das für die Betroffene bedeutet, ergötzt. Oder indem jemand Kinder in altersunangemessene Gespräche über Sex verwickelt. Täter fordern Mädchen und Jungen auch dazu auf, sich selbst vor der Kamera auszuziehen oder ihnen Nacktfotos von sich zu schicken – bis hin zur Masturbation. Auch versuchen manche Täter und Täterinnen sich mit Mädchen oder Jungen offline, also irgendwo an einem anderen Ort, zu verabreden und einen Missbrauch außerhalb des Netzes zu forcieren.

Ein Phänomen, das erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein rückt, ist sexualisierte Gewalt im Netz durch Jugendliche. Diese wird irrtümlich manchmal mit Cybermobbing verwechselt oder als solches bagatellisiert. Das ist fatal, denn sobald sexualisierte Gewalt verübt wird, muss anders interveniert werden als bei nicht sexistischen Formen von Cybermobbing. Es können dann auf keinen Fall gemeinsame klärende Gespräche mit Tätern und Opfern stattfinden. Auch Konfliktlösungsstrategien, an denen der/die jugendliche Täter/in beteiligt wird, sind völlig fehl am Platz. So etwas ist opferschädlich. Stattdessen muss geschaut werden: Wie können das Opfer und Zeugen der Gewalt geschützt werden! Der Maßstab der Intervention orientiert sich dann an der sexualisierten Gewalthandlung. Das heißt hier ist eine Beratung durch speziell zum Thema sexualisierte Gewalt geschultes Fachpersonal notwendig und nicht Streitschlichtung.

Häufige Formen von sexualisierter Gewalt durch Jugendliche sind zum Beispiel übergriffiges Sexting, bei dem etwa ursprünglich einvernehmlich zugesandte Nacktbilder oder hergestellte Pornografie nach der Beendigung einer Beziehung zum Zweck von Rache im Netz veröffentlicht oder an Freundinnen und Freunde weitergesendet werden. Oder jugendliche Täter montieren mit Fotobearbeitungsprogrammen der Köpfe von Opfern auf Pornografie – und stellen damit Kinderpornografie her. Manche Jugendlichen wissen nicht einmal, dass sie sich auch damit strafbar machen. Oft versenden jugendliche Täter auch Aufnahmen von offline verübter sexualisierter Gewalt. Solche Aufnahmen werden zum Teil auch den Betroffenen selbst zugeschickt, um sich deren Schweigen zu sichern oder sie durch die Konfrontation mit den Aufnahmen zu retraumatisieren.

Tatsächlich hängen sexualisierte Jugendgewalt im Netz und offline stattfindende sexualisierte Gewalt häufig zusammen. Sexualisierte Gewalt im Netz ist, wenn sie von Jugendlichen ausgeht, häufig eine Fortsetzung von offline stattfindender Gewalt. In der Regel sind sich jugendliche Täter und Opfer auch bei sexualisierter Gewalt im Netz in irgendeiner Art und Weise bekannt.
 

Welche Hilfemöglichkeiten gibt es für Jugendliche?

Jugendliche finden bei unterschiedlichen Online-Portalen Informationen und bekommen Hilfe angeboten. Beispiele sind Jugendschutz.net, Klicksafe oder Juuuport und vor allem die Homepages der parteilichen Beratungsstellen, wie Zartbitter. Dort können sich Jugendliche zum Teil auch beraten lassen oder zumindest beschweren. Jedoch ist nochmals zu betonen, dass Opfer von sexualisierter Gewalt einen anderen Schutz benötigen, als Opfer von nicht sexistischem Cyberbullying. Nicht jeder, der zum Thema Mobbing arbeitet ist gleich auch qualifiziert um mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu arbeiten. Für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ist in der Regel eine persönliche Beratung bei einer spezialisierten Beratungsstelle, wie zum Beispiel Zartbitter, Wildwasser oder Kobra e.V. in Stuttgart, wichtig. Leider ist das spezifische Beratungsangebot in Deutschland aber immer noch unzureichend und regional sehr verschieden. Mädchen und Jungen finden online zum Teil nur schwer einen Zugang zu Beratungsstellen, auch weil es ein Sammelsurium an Plattformen gibt, die sich Beratung als Label auf die Fahnen geschrieben haben aber letztendlich kein adäquates Angebot machen.

Eine Entwicklung, die wir von Zartbitter im letzten Jahr beobachtet haben, ist, dass rechtsradikale oder rechtsoffene Gruppierungen sich das zunutze machen, um Leute, oft auch erwachsene Betroffene, in ihre Netze zu locken – das heißt, diesen ein vermeintliches Beratungsangebot machen, sie letztendlich aber nur für politischen Zwecke instrumentalisieren wollen.

Informationen darüber, wo man ein seriöses Beratungsangebot findet, erhält man dagegen beispielsweise beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin. Die Nummer der bundesweiten Hotline ist 0800 2255530.
 

Wie und wann sollten sich Pädagog/-innen zu sexuellen Grenzverletzungen positionieren?

Ich finde es wichtig, dass sich Erwachsene, schon bei ersten Grenzverletzungen, die sexistisch sind, positionieren – also wenn Mädchen oder Jungen von anderen beispielsweise in sexistischer Weise beschimpft werden.

Besonders wirkungsvoll sind pädagogische Stellungnahmen, wenn die ganze Einrichtung, in der pädagogisch gearbeitet wird, Strukturen und Regeln hat, die insgesamt einen grenzachtenden Umgang fördern und Mädchen und Jungen schützen. Bereits erste Grenzverletzungen werden viel früher von Mädchen und Jungen benannt, wenn sie wissen, welche Rechte sie haben, das heißt sie schon bei Eintritt in die Institution über ihre Rechte informiert werden. Und wenn Mädchen und Jungen erleben, dass sämtliche Ebenen der Institution sowohl Schulleitung als auch Lehrkräfte, Mütter und Väter am gemeinsamen Strang des Konzepts ziehen und die Rechte von Mädchen und Jungen aktiv schützen.

Bestandteil eines solchen Konzeptes ist es, dass Erwachsene auch dann für den Schutz von Mädchen und Jungen verantwortlich sind, wenn sie Kenntnis von sexualisierter Gewalt im Netz erhalten, bei denen die Gewalthandlungen nicht in der eigenen Einrichtung stattfinden. Mädchen und Jungen muss vermittelt werden, dass sie ein grundsätzliches Recht am eigenen Bild haben, nicht erst, wenn gegen ihren Willen sexistische Aufnahmen von ihnen ins Netz gestellt werden. Dazu entwickelt die Einrichtung im Idealfall Regeln und Dienstanweisungen, zum Beispiel dass die Einrichtung gar keine Bilder, auf denen einzelne Kinder und Jugendliche zu erkennen sind, öffentlich ins Netz stellt. Und, dass auch zum Zwecke interner Veröffentlichungen das Einverständnis von Mädchen und Jungen persönlich eingeholt werden muss. Dienstvorschriften regeln, dass pädagogische Fachkräfte keine privaten Online-Kontakte zu ihren Schutzbefohlenen unterhalten und so weiter.

Was sich in den letzten Jahren auf jeden Fall verändert hat, ist dass sich durch den veränderten Medienkonsum und Zugang eine Sexualisierung von Mädchen und Jungen, auch jüngeren, stattfindet. Ich kann mir theoretisch als Kind an unterschiedlichsten Orten Zugang zu harter Pornografie verschaffen. Fragwürdig ist dabei auch welches Männer- und Frauenbild manchen Mädchen und Jungen hierdurch vermittelt wird. Institutionen sollten hierauf mit einem geschlechtsspezifischen und geschlechtssensiblen medienpädagogischen Konzept vorbereitet sein. Auch ist darauf zu achten, dass Kinder nicht die Computer der Einrichtung unbeaufsichtigt nutzen. Zwar haben die meisten Mädchen und Jungen andere Möglichkeiten, sich einen Zugang zum Netz und damit auch zu jugendgefährdenden Inhalten zu verschaffen. Jedoch setzt eine Institution mit einem solchen Schutzkonzept Normen und gibt Kindern und Jugendlichen eine Orientierung.

Es wird immer wieder thematisiert, dass sexuelle Übergriffe in Chaträumen und in Gruppen bei Facebook stattfinden. Sexualisierte Gewalt, die sich in Smartphone-Messengern oder Foto-Communities abspielt, wird weniger beachtet.

In Foto-Communities, das habe ich jetzt schon erlebt, vernetzen sich zum Teil Pädosexuelle, indem sie vermeintlich „künstlerische”, erotische Fotos von Kindern einstellen, für die es keine eindeutige rechtliche Handhabe gibt, weil die Kinder beispielsweise nicht nackt sind. So nehmen sie dort Kontakt untereinander auf. Kinderpornografie wechselt anschließend nicht öffentlich, also von Person zu Person zum Beispiel via Cloud-Computing den Besitzer. Um direkten Kontakt zu Kindern aufzunehmen, weichen Pädosexuelle im Netz auch auf Online-Spielplattformen aus. Manche Funktionen in Online-Spielen kosten Geld. Täter machen sich bei Kindern interessant, indem sie ihnen beispielweise solche Funktionen spendieren und erschleichen sich so das Vertrauen ahnungsloser Mädchen und Jungen. Ist erst eine Vertrauensbasis aufgebaut, erkundigen sich die Täter beispielsweise nach Fotos der Kinder und bereiten durch zunehmende Grenzverletzungen einen Missbrauch vor.
Smartphone-Messenger [zum Beispiel WhatsApp, Anmerkung der Redaktion] werden meiner Erfahrung nach oft bei sexualisierter Gewalt durch Jugendliche eingesetzt – meinem Gefühl nach nicht seltener als Soziale Netzwerke – weil mit den Messengern heute sehr schnell und völlig unkontrolliert große Datenmengen, wie Bilder und Videos verbreitet werden können.

Wenn wir uns aber schon über spezielle Programme und Funktionen im Netz unterhalten, würde ich gerne zwischen der Intervention und Prävention sexualisierter Gewalt unterscheiden. Wenn Zartbitter in aktuellen Fällen berät, dann benötigen wir dazu oft auch Kenntnisse über technische Trends. Es kann durchaus notwendig sein, die Funktionsweise von Sozialen Netzwerken oder Möglichkeiten neuer Smartphone-Messenger zu verstehen, um konkrete Gewalthandlungen nachvollziehen zu können, abzuschätzen welche Belastungen für das Opfer entstehen, wie das Gewaltpotential eines Täters oder einer Täterin einzuschätzen ist und welche Hilfen notwendig sind.

Prävention sollte sich jedoch nicht ausschließlich auf die eine oder andere Plattform oder das eine oder andere Medium beschränken, denn diese verändern sich und sind auch milieuabhängig unterschiedlich populär. Es wäre fatal, wenn wir bis heute ausschließlich vor Missbrauch in Chaträumen warnen würden, obwohl Mädchen und Jungen auch ganz andere Medien nutzen.
Wir gehen besser von den Rechten von Mädchen und Jungen aus und versuchen dahingehend, grundlegendes Wissen zu vermitteln, zum Beispiel: „Du hast das Recht an deinem eigenen Bild und es ist nicht in Ordnung, wenn dich jemand gegen deinen Willen fotografiert oder dieses Foto, egal ob es peinlich ist oder nicht, irgendwo im Netz veröffentlicht oder per Bluetooth oder per Messenger an irgendwelche anderen Leute verschickt”.
 

Ihre eigene Affinität zum Internet beziehungsweise zu Sozialen Netzwerken?

Finde ich in vielerlei Hinsicht eine super Sache. Aber gerade bei Sozialen Netzwerken sollte man skeptisch sein, was man dort wirklich von sich preisgibt. Auch bin ich skeptisch, wie sich Begriffe wie Freundschaft durch deren inflationären Gebrauch verändern. All das sind Herausforderungen und Chancen der Pädagogik. Bei der Vermittlung einer Norm spielt meines Erachtens die persönliche Vorbildfunktion von Pädagoginnen und Pädagogen eine besondere Rolle.

Bianca Post

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