Schule in Deutschland – Was Schulleiter denken

Ulrike Boscher
Lächelnde Frau im Flur einer Schule.

Schulleiter/-innen wünschen sich mehr Zeit für Schulentwicklung und Schulmanagement. | martin-dm/Eplus via GettyImages

Schulleitungsstudie: Was sollte Schule in Zukunft leisten?

Was beschäftigt Schulleitungen im Alltag? Wo sehen sie Veränderungsbedarf? Und was brauchen sie, um Schulen zukunftsfähig zu machen? Im Auftrag von Cornelsen wurden über tausend Schulleitungen befragt. Die Ergebnisse sind überraschend eindeutig.

Tendenziell haben Schulen nicht gerade den Ruf, innovative Einrichtungen zu sein, die dem Zeitgeist vorauseilen. Die Mühlen mahlen eher langsam. Bürokratische Strukturen, Lehrerkräftemangel, Probleme mit der Digitalisierung, Ausstattungsdefizite und Renovierungsstau erschweren vielerorts den Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Schule. Aber was braucht die Schule von morgen überhaupt? Was sollte sich aus Sicht der Schulleitungen ändern?

Auf diese Fragen wollte der Cornelsen Verlag GmbH Antworten finden und beauftragte das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS) mit einer Studie. Zwischen Juni und Oktober 2021 führte das FIBS ausführliche Interviews mit 50 Schulleitungen aller Bundesländer. Im zweiten Schritt folgte eine bundesweite Online-Befragung unter 1100 Schulleiterinnen und Schulleitern aller Schularten. Wir stellen hier die wichtigsten Ergebnisse der Studie vor.

 

Ausgebremst: Viel zu viel Klein-Klein im Alltag

Schulleiter/-innen haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie Schule gemacht wird. Sie repräsentieren ihre Schule, leiten das Kollegium, unterrichten, organisieren, vermitteln bei Problemen und gestalten Schule weiter. 80 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sie sich stärker auf strategische Aufgaben wie Unterrichts- und Schulentwicklung konzentrieren sollten. Hierfür sei aber zu wenig Zeit, weil kleinteilige Aufgaben sie ausbremsen. Über die Hälfte der Befragten verbringen mehr als 10 Stunden pro Woche für administrative Aufgaben. Drei von vier Schulleitungen wünschen sich mehr Entlastung und eine bessere Aufgabenverteilung für das Schulmanagement. Dabei soll auch digitale Technik zum Einsatz kommen.

Ohne Basis keine zukunftsfähige Schule: Vier Kernthemen

Aus Sicht der befragten Schulleitungen gibt es vier Themen mit akutem Handlungsbedarf, sie bilden die Basis für das Gelingen einer zukunftsfähigen Schule:

  • Personalgewinnung (54 Prozent)
  • Digitalisierung des Unterrichts (58 Prozent)
  • Bauliche Themen (62 Prozent)
  • Digitale Ausstattung (67 Prozent)

Digitalität und Schule

Digitales Lernen: Sehr viele Schulleitungen sind derzeit mit dem Ausbau digitaler Infrastrukturen und der Ausstattung beschäftigt. Sie gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren immer mehr Lerninhalte und -methoden an den digitalisierten Unterricht angepasst werden. Die Mehrzahl der Schulleiter/-innen unter 40 Jahren begrüßt diese Entwicklung, ältere Generationen über 60 Jahren sehen diesen Trend deutlich skeptischer.

Digitalisierung: Mehr Chancen und mehr Verantwortung! Schule soll sich in Zukunft stärker an der Digitalität ausrichten – das sagen 73 Prozent. Fast alle Befragten sehen deswegen auch die dringende Notwendigkeit, dass Schüler/-innen einen verantwortungsbewussten und reflektierten Umgang mit digitalen Medien lernen müssen (97 Prozent).

Individuelles Lernen mit Apps fördern: Chancengleichheit in der Bildung ist ein Ziel mit höchster Priorität (97 Prozent). Um das zu erreichen, muss es mehr Lernangebote zur individuellen Förderung geben. Nur wie, wenn Lehrkräfte rar sind? 87 Prozent der Schulleiter glauben, dass Apps und Lernprogramme das individuelle Lernen unterstützen können. Nebenbei erhoffen sie sich durch digitale Medien mehr Abwechslung im Unterricht.

Besseres Schulmanagement durch Digitalisierung: Je schleppender die Digitalisierung in den vergangenen Jahren in Gang kam, umso größer sind die Hoffnungen jetzt, dass sich organisatorische Prozesse und administrative Aufgaben in Zukunft mit digitalen Lösungen effizienter gestalten lassen. 78 Prozent der Schulleitungen wünschen sich ein besseres Schulmanagement und mehr Zeit für Kernaufgaben.

 

Schüler am Whiteboard

Diese Themen sollen in Zukunft mehr Gewicht bekommen: Digitalität im Unterricht, individualisiertes Lernen mithilfe von Apps und Programmen und projektbasiertes Lernen. | DaniloAndjus-GettyImages-1068777864

Das A & O für die digitale Schule: Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte

Was bringt es, wenn die digitale Infrastruktur vorhanden ist, aber nachhaltige Konzepte fehlen? Nur wenn Lehrkräfte wissen, wie sie mit digitalen Medien unterrichten können, wird Digitalisierung gelingen. 72 Prozent der Schulleitungen wünschen sich deshalb eine fortlaufende Weiterbildung für ihr Lehrpersonal. Dabei zeigen sie sich auch offen gegenüber einer Pflicht zur Fortbildung. Für sich wünschen sie sich ebenfalls mehr Schulung, um Entwicklungs- und Führungsaufgaben besser gerecht zu werden (96 Prozent).

Neues wagen: Unterricht und Schule im Wandel

Mehr soziale Lebenskompetenzen im Unterricht vermitteln: Was soll Schule leisten? Bei dieser Frage sind sich fast alle der befragten Schulleitungen einig: Schüler/-innen sollten besser auf die Arbeitswelt und das Erwachsensein vorbereitet werden (93 Prozent): Neben Fachwissen brauchen sie mehr soziale und persönliche Lebenskompetenzen, die auch im Unterricht vermittelt werden sollten. Besonders wichtig sind „digitale Bildung und Mündigkeit“ (92 Prozent), „Gesundheit und Ernährung“ (90 Prozent),  „Demokratie“ (88 Prozent) sowie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (88 Prozent). Wichtig seien außerdem Teamfähigkeit, Umgang mit Emotionen und effektive Kommunikation.

In die Jahre gekommen — Der Fächerkanon: Nahezu alle vertreten die Meinung, Schule müsse neu gedacht werden. Vier von fünf Schulleitungen finden den Lehrplan mit seinen Fächervorschriften nicht mehr zeitgemäß und fordern eine grundlegende Überarbeitung (82 Prozent).

Mehr Verzahnung der Lerninhalte: Die Hälfte aller Befragten befürwortet eine stärkere Verzahnung der Lernstoffe mit mehr projektprojektorientiertem Arbeiten (51 Prozent) und fächerübergreifenden Konzeptionen (28 Prozent).

Ganztagsschule als Zukunftsschule: Die gebundene Ganztagesschule ermöglicht nach Ansicht der Schulleitungen am ehesten die Chancengleichheit in der Bildung (82 Prozent) und die besten Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten (89 Prozent). Außerdem wollen viele weg von der „Flurschule“ und hin zu innovativen, flexiblen und offenen Lernräumen.

Multiprofessionelle Teams einsetzen: Lernschwierigkeiten sind vielschichtig und haben unterschiedliche Ursachen (z.B. Leistungsdruck, familiäre Herausforderungen, Gewalt und Depression, Mobbing). Schule muss immer häufiger elterliche Erziehungsaufgaben übernehmen und Probleme abfedern. Das können Lehrkräfte auf Dauer nicht allein bewerkstelligen. Zwei von drei Schulleitungen wünschen sich deswegen den Ausbau multiprofessioneller Teams (z.B. mit Sozialpädagogen, Psychologen etc.), die unterstützen und an der Weiterentwicklung der Schule mitwirken.

Ausblick

Nach schwierigen Pandemie-Jahren (72 Prozent schauen unzufrieden auf das Jahr 2021 zurück) zeigt sich die Hälfte der befragten Schulleiter/-innen verhalten optimistisch. Sie hoffen auf bessere Bildungsjahre. Fakt ist: Schule soll zukunftsfähig werden. Die Bereitschaft für Veränderung ist da, meint der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, der die Studie begleitete. Cornelsen will das Projekt mit jährlichen Studien fortsetzen.

Cornelsen-Schulleitungsstudie:

Sarah Fichtner, Martin Bittner, Tamara Bayreuther, Vanessa Kühn, Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen. „Schule zukunftsfähig machen“ - Cornelsen Schulleitungsstudie 2022. Gesamtstudie, FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie, Berlin, 2022.

Zur Gesamtstudie

FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag von Cornelsen Verlag GmbH. „Schule zukunftsfähig machen“ — Cornelsen Schulleitungsstudie 2022. Kurzfassung, Cornelsen Verlag GmbH, Berlin, 2022.

Zur Kurzfassung

Ulrike Boscher

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