Eine Familie im Homeoffice – Der Klassenchat

Julia Heidl

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Im Kassenchat läuft nicht alles rund

In ihrer Kolumne berichtet die LMZ-Mitarbeiterin und zweifache Mutter Julia Heidl über ihre Familienzeit während den Schulschließungen und geht vor allem einer Frage nach: Wie kann die Familie in dieser Zeit ein gesundes Medienverhalten beibehalten und dabei auch noch die Medienkompetenz fördern?

Mein Sohn ist jetzt in der fünften Klasse. Nachdenklich erzählt er mir von seinem Klassenchat: Dieser ist im letzten Herbst richtig gut gestartet. Endlich konnten er und seine Freunde ihre neuen Handys ausprobieren und hatten auch gleich einige Klassenkameraden zusammen, die sich am Chat beteiligen wollten.

Mit dem Klassenchat hat mein Sohn allerdings in der Zwischenzeit Probleme. Mir gegenüber hat er es so erklärt: „Wenn meine Medienzeit abgelaufen ist, sammeln sich manchmal über 300 neue Nachrichten, meistens ist es nur unwichtiges Zeug. Und wenn ich dann wieder ans Handy darf, lese ich erst die Nachrichten – ich will ja nichts verpassen! Bis ich mit dem Lesen endlich fertig bin, ist meine Handyzeit schon fast wieder um.“ Ich freue mich über seine Offenheit und verspreche ihm, dass wir gemeinsam nach einer Lösung für sein Problem suchen.

Aktion 5: Ein Klassenchat-Heft zur kreativen Aufarbeitung der Probleme

Bei meiner Netzrecherche stoße ich auf die Seite von Klicksafe. In einer Unterrichtsidee für Lehrer/-innen sind die häufigsten Probleme zusammengefasst, mit denen Kinder in ihren Klassenchats zu kämpfen haben:

  • Überforderung durch zu viele Nachrichten
  • Lästern und Beleidigen in der Klassengruppe
  • Streit in der Klassengruppe
  • Kettenbriefe
  • Versenden ungewollter Bilder von anderen

Das passt inhaltlich genau zu dem, was meine beiden Sprösslinge angedeutet haben. Um ein so komplexes Thema wie Klassenchats kreativ aufzuarbeiten, werde ich mit ihnen – angelehnt an den Deutschunterricht – ein Klassenchat-Heft anlegen.

Über Veränderung zu schreiben ist bereits eine Veränderung

Jedem Problempunkt widme ich zwei Doppelseiten eines Schulhefts. Auf die erste der beiden Doppelseiten schreibe ich jeweils einen inhaltlichen Punkt als Überschrift. Auf derselben Doppelseite schaffe ich Platz für den Input meiner Kinder: für echte Beispiele aus ihren Chats, für ihre Vorstellung, warum es zu Problemen kommt, und für Lösungsvorschläge, was dagegen getan werden kann. Auf der zweiten Doppelseite sollen beide aus ihren Erfahrungen eine fiktive Geschichte entwickeln. Einzige Vorgabe: Jede Geschichte soll ein Happy End haben.

Zwei Klassenchat-Geschichten mit Happy End

Mein Sohn schreibt eine Geschichte über den zwölfjährigen Benedikt, der ständig am Handy „hängt“ und versucht, die unzähligen Nachrichten im Klassenchat zu verfolgen. Immer hat er Angst, etwas zu verpassen. Er bekommt täglich starke Kopfschmerzen und auch seine Schulnoten verschlechtern sich, weil er sich kaum noch konzentrieren kann.

Eines Tages spricht er erst mit der Klassenlehrerin und dann mit der ganzen Klasse. Die meisten Schüler/-innen sind von den vielen Nachrichten genervt. Sie stellen eine gemeinsame Regel auf: Der Chat wird nur noch für wichtige Nachrichten genutzt. Das Happy End: Benedikt und sein Freund spielen nachmittags zusammen Fußball. Die Handys haben sie zu Hause gelassen.

Meine Tochter schreibt über Clara, die neu in der Klasse ist und im Chat wüst beschimpft wird. In der Schule redet keiner mit ihr. Clara bekommt Bauchschmerzen und möchte nicht mehr zur Schule gehen. Nicht einmal ihre Familie versteht, was mit ihr los ist.

Eines Tages nimmt Clara ihren ganzen Mut zusammen und spricht mit der Schulsozialarbeiterin. Diese schafft es, die verbreiteten Gerüchte und Unklarheiten aufzuklären. Das Happy End: Einige Mitschüler entschuldigen sich. Die Situation beruhigt sich und Clara findet nach und nach neue Freunde und geht wieder gerne zur Schule.

Ein Thema für den Elternabend

Die Geschichten zeigen Wege auf, wie man echte Probleme angehen kann. Natürlich wird es nicht immer so rund laufen wie in den Geschichten. Mit Freunden, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern oder Sozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern zu sprechen, kann jedoch ein guter Anfang sein – das wissen meine Kinder jetzt.

Ich nehme mir vor, die Probleme des Klassenchats beim nächsten Elternabend anzusprechen. Eltern, die sich der Probleme bewusst sind, können ihre Kinder besser unterstützen. Mit klaren Regeln, die von Schülerinnen und Schülern für Schülerinnen und Schüler entwickelt werden, kann das Miteinander verbessert werden. Das gilt für die digitale wie die reale Welt.

Die Autorin ist Pädagogin, Mitarbeiterin am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg und Mutter zweier Kinder.

Seit der Corona-Epidemie ist unsere ganze Familie ständig online: Papa im Homeoffice, die Kinder im Fernunterricht und ich texte diesen Artikel gerade in die Cloud. Und nach den Hausaufgaben immer die gleichen Fragen nach Handy und Tablet. Wie können wir es dabei schaffen, ein gesundes Medienverhalten beizubehalten? Als Lehrerin und Mutter zweier Kinder mache ich mir viele Gedanken, wie das gelingen kann. Trotz Corona-Blues und Kontaktsperren werde ich daher ab sofort meine privaten Medienkompetenzwochen auf die Beine stellen. Ich werde ausprobieren, wie man mit einfachen Mitteln die eigene Medienkompetenz und die von Kindern fördern kann.

Julia Heidl

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