Deutscher Lehrerpreis 2020 – Interview mit Julia Hübner

Madeleine Hankele-Gauß
Zu sehen ist die lächelnde Preisträgerin Julia Hübner, eine Frau mit kinnlangen rotbräunlichen Haaren, einem geblümten Pullover und spiralenförmigen Ohrringen.

Die strahlende Preisträgerin Julia Hübner, die am Kepler-Gymnasium Pforzheim Italienisch, Französisch und Biologie unterrichtet. | Quelle: Julia Hübner

Im Gespräch mit einer von Deutschlands besten Lehrkräften

Anfang Mai wurde der Deutsche Lehrerpreis 2020 durch die Heraeus Bildungsstiftung und den Deutschen Philologenverband verliehen. Eine der glücklichen Preisträgerinnen ist die 32-jährige Italienisch-, Französisch- und Biologielehrerin Julia Hübner, die am Kepler-Gymnasium Pforzheim unterrichtet. Gemeinsam mit neun anderen Lehrkräften aus ganz Deutschland wurde sie in der Kategorie „Ausgezeichnete Lehrkräfte“ prämiert. Wie sie ihren (Fern-)Unterricht gestaltet, ihre Schüler/-innen motiviert und welche Erste-Hilfe-Tipps sie Lehrer-Neulingen geben würde, darüber haben wir mit Frau Hübner gesprochen.

Frau Hübner, als einzige Lehrerin aus Baden-Württemberg wurden Sie Anfang Mai mit dem „Deutschen Lehrerpreis 2020“ prämiert. Wie kam es dazu? Und wie fühlt es sich an, eine von Deutschlands besten Lehrkräften zu sein?

Sechs Schülerinnen meines letzten Abiturjahrgangs, die ich im Jahr 2020 im Fach Italienisch unterrichtet habe, haben eine Bewerbung an die Jury des Deutschen Lehrerpreises abgeschickt – ich wusste von gar nichts. Die Jury hat diese Bewerbung dann „herausgepickt“ und Ende März habe ich erfahren, dass ich ausgezeichnet wurde. Ich konnte das erstmal gar nicht fassen, weil ich ja erst seit fünf Jahren im Beruf stehe. Was mich immer noch erstaunt, ist, dass ich offensichtlich so einen positiv prägenden Einfluss hinterlassen habe, dass sich meine Schülerinnen nach ihrem Abitur die Zeit genommen haben, richtig tolle Bewerbungsschreiben für mich zu verfassen. Das Besondere an dieser Auszeichnung ist für mich, dass die Initiative von Schülerinnen und Schülern ausgeht.

„Wie ein Sechser im Lotto und ein Einser in der Klausur“

„Frau Hübner, Sie sind im Schulalltag wie ein Sechser im Lotto und ein Einser in der Klausur!“ Mit diesem großen Kompliment begründete eine Ihrer Schülerinnen Ihre Nominierung. Was machen Sie anders als andere Lehrkräfte? Was zeichnet Sie und Ihren Unterricht aus?

Bevor ich die Bewerbungsschreiben kannte und mich mit anderen Leuten darüber ausgetauscht habe, habe ich mich das auch erstmal gefragt. Was den Schülerinnen und Schülern offensichtlich positiv in Erinnerung geblieben ist, ist, dass ich sie als „Gruppenmitglieder auf Augenhöhe“ in den Unterricht einbinde. Wir sind ein Team und kommen nur gemeinsam voran: Das versuche ich meinen Klassen stets zu vermitteln. In diesem Sinne bekommen sie auch regelmäßig die Chance, mir Feedback zu meinem Unterricht zu geben. Mir bricht kein Zacken aus der Krone, wenn Schüler/-innen mir ehrlich und offen rückmelden, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Nur wenn ich weiß, wo ich Fehler mache, kann ich mich auch verbessern. Auch wenn Schüler/-innen Fehler machen, „freue“ ich mich darüber – weil ich dadurch sehe, wie ich ihnen weiterhelfen kann.

Laut Ihren Schülerinnen und Schülern zählt zu Ihren besonderen Eigenschaften, dass Sie Ihren Unterricht intensiv vorbereiten. Welche digitalen Hilfsmittel nutzen Sie dabei?

Was mein Fach Biologie betrifft, bin ich tatsächlich viel in der SESAM-Mediathek unterwegs: Die Videos und Grafiken dort veranschaulichen biologische Phänomene einfach nochmal besser, als wenn man sie sich bloß im Buch anschaut. Generell bin ich aber keine Lehrerin, die im Jahr 2021 vor der Klasse eine „App- oder Medienschlacht“ vorführt. Ich finde es wichtig, sich immer wieder in die Schülerperspektive hineinzuversetzen und zu fragen: Welchen Mehrwert bringt zum Beispiel eine App im Vergleich zum analogen Arbeiten? Was ich in der Corona-Zeit häufiger genutzt habe, sind digitale Möglichkeiten für Lernende, miteinander Ergebnisse zu teilen – wie zum Beispiel bei einer Art digitalem Placemat. Auch um Inhalte zu festigen und zu wiederholen, eignen sich Apps und Videos gut. Für die Fremdsprachen ist es natürlich auch hilfreich, wenn die Schüler/-innen sich mit dem Handy aufnehmen und sich ihre Aussprache einmal selbst anhören können. Doch neue Vokabeln, Schreibweisen oder Satzstrukturen prägen sich aus meiner Erfahrung besser ein, wenn man sie mal per Hand geschrieben hat. Hier bin ich eher konventionell unterwegs.

Während der Pandemie mussten Lehrer/-innen in ganz Deutschland ihren Unterricht von heute auf morgen auf „digital“ umstellen: Wie haben Sie das gemeistert? Und welche Tipps haben Sie, um gelungenen Fernunterricht zu gestalten?

Ich persönlich habe mich zu Beginn unglaublich schwer damit getan, dass der persönliche Kontakt zu meinen Klassen weggebrochen ist. Ich bin jemand, der davon lebt, in einer Klasse zu stehen und permanent mit Kindern und Jugendlichen zu interagieren. Daher habe ich viel von Videokonferenzen Gebrauch gemacht. Natürlich habe ich später auch die Möglichkeiten genutzt, auf Lernplattformen Aufgaben und Schülerfeedback zu geben und Schüler/-innen in virtuelle Gruppenräume einzuteilen. Doch wofür zumindest ich noch kein gutes Konzept gefunden habe, ist, sich digital so unmittelbar über Gelerntes austauschen und voneinander lernen zu können wie im Klassenraum. Gerade bei schwächeren Schülerinnen und Schülern hat mir außerdem das direkte Feedback durch Mimik und Gestik gefehlt, die verrät, wenn jemand etwas nicht versteht oder „wegträumt“. Daher freue ich mich darauf, wieder im Klassenzimmer zu stehen und digitale Medien als Unterstützung des Präsenzunterrichts zu nutzen – und nicht als alleiniges Medium wie im Fernunterricht

„Man bräuchte eigentlich mehr Schülersprechtage als Elternsprechtage“

Im Rahmen der Nominierung hoben Ihre Schüler/-innen Ihre Fähigkeit hervor, sie für Ihre Fächer zu begeistern und zu motivieren. Wie schaffen Sie es, Ihre Klassen zu motivieren? Und auf welchen Wegen haben Sie die Motivation speziell im Fernunterricht aufrechterhalten?

Eine meiner Stärken ist meine echte eigene Begeisterung für meine Fächer. Egal ob ich in der Unterstufe in Biologie das Thema „Regenwurm“ unterrichte oder in der Oberstufe im Italienischkurs das Thema „Mafia“, ich interessiere mich selbst immer noch brennend dafür. Gleichzeitig habe ich großes Interesse an meinen Schülerinnen und Schülern als Lernende – und möchte nicht nur ein immer gleiches Unterrichtsprogramm „abspielen“. Im Fernunterricht ist es natürlich schwieriger, diese Begeisterung weiterzugeben. Hier habe ich immer wieder Gruppenräume genutzt oder den Klassen längere Aufgaben gegeben, mit denen sie sich intensiv auseinandersetzen konnten. So holt man auch die Schwachen mit ins Boot. Das ist natürlich einer der Vorteile des Fernunterrichts, dass jede/-r Schüler/-in im eigenen Tempo lernen kann. Das heißt, auch durch die Rahmenbedingungen und durch Differenzierung kann man Schüler/-innen motivieren und ihnen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit geben.

Welche Rolle spielt Feedback in Ihrem Unterricht?

Mir persönlich ist wichtig, dass Feedback immer durchdacht ist und sich transparent auf vorher kommunizierte Lernziele bezieht. Die Schüler/-innen schätzen an mir, dass sie stets wissen: Wo will ich mit ihnen hin? Was müssen sie tun, um dorthin zu kommen? Neben dem „negativen Feedback“ im Rahmen von Leistungsmessungen liegt mir aber auch sehr viel daran, jeder und jedem Einzelnen so oft wie möglich auch aufzuzeigen, was sie oder er schon kann. Da ich den Unterricht ja nicht für mich mache, habe ich für meine Klassen außerdem Feedback-Bögen erstellt. Neben Bewertungen zum Ankreuzen gibt es dort Raum für freie Rückmeldungen. Und das ist das eigentlich Interessante, da man als Lehrer/-in ja nach dem Referendariat kein Feedback mehr zu seinem Unterricht erhält. Da liest man zum Teil unglaublich durchdachte Dinge, dass ich manchmal denke, man bräuchte eigentlich mehr Schülersprechtage als Elternsprechtage.

Welche drei „Erste-Hilfe-Tipps würden Sie Lehrer-Neulingen mit auf den Weg geben, um im Lehrberuf erfolgreich sein zu können?

Ganz wichtig ist aus meiner Sicht erstens das echte Interesse an Kindern und Jugendlichen. Egal wie gut oder schlecht eine Unterrichtsstunde läuft, sollten die Schüler/-innen immer das Gefühl haben, dass die Lehrkraft an ihnen als Person interessiert ist. Zweitens sollte man sich immer wieder selbst hinterfragen und dabei nicht unbedingt das „Was“, sondern das „Wie“ des Unterrichts in den Blick nehmen. So viel wie möglich aus Schülersicht zu denken, ist auch hilfreich. Und drittens sollte man die digitalen Möglichkeiten immer wieder auf das Verhältnis von Kosten und Nutzen hin abklopfen. Nicht jede technische Raffinesse bringt die Lernenden weiter. Vielmehr geht es darum, aus dem breiten digitalen Angebot dasjenige auszuwählen, das Schüler/-innen dem Lernziel einer Unterrichtsstunde näherbringt. Manchmal ist hier „weniger mehr“ – auch um seine eigenen Ressourcen zu schonen.

Im Unterricht verbreiten Sie stets gute Laune und „brennen“ für Ihre Fächer. Stichwort Work-Life-Balance: Woher holen Sie sich diese positive Energie?

Ich habe Glück, denn ich habe totalen familiären Rückhalt: Mein Mann steht schon seit dem Studium voll hinter mir und unterstützt mich. Auch, wenn das bedeutet, im Referendariat nächtelang mit mir zu laminieren. Gleichzeitig bin ich jemand, der gerne „positive Scheuklappen“ aufsetzt und danach schaut: Was sind die kleinen „Highlights“ des Tages? Das lässt mich immer mal wieder ausblenden, was mir schlechte Laune bereiten könnte. Das heißt nicht, dass ich gar keinen Blick dafür habe, was gerade schlecht läuft. Doch wenn ich immer nur danach schaue, was mich negativ beeinflusst, sitze ich ja schon in der „Falle“. Wenn ich mal schlechte Laune habe, sage ich das meinen Klassen auch möglichst offen. Dann können sie besser damit umgehen und wir können den Unterricht gemeinsam etwas ruhiger gestalten. Viel habe ich aber auch von meinen Eltern mitgenommen, die beide ebenfalls Lehrer sind. An der Schule fühle ich mich einfach wohl.

Frau Hübner, herzlichen Dank für das Gespräch.

Madeleine Hankele-Gauß

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