Auf der Tonspur – Das neue soziale Netzwerk Clubhouse

Madeleine Hankele-Gauß
Junge Frau spricht in ihr Smartphone.

fizkes via Getty Images

Audio ist das neue Video: Von Telefonkonferenz bis Live-Podcast

„Sehen und gesehen werden“ oder „schreiben und gelesen werden“: Das sind die Prinzipien, die den großen sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Instagram zugrunde liegen. Bis jetzt. Denn seit ein paar Wochen sorgt ein neues soziales Netzwerk in Deutschland für Wirbel, das auf ein bislang im Social-Media-Bereich unbekanntes Prinzip setzt: „Hören und gehört werden“. Die Rede ist von der US-amerikanischen App „Clubhouse“, die letzte Woche Platz Eins des deutschen Apple App Stores eroberte.

Die Besonderheit: Auf dem sozialen Netzwerk Clubhouse kommunizieren Nutzer/-innen ausschließlich auf der Tonspur miteinander. Für die virtuellen Gespräche können sie verschiedene Räume eröffnen. Während sich private Räume z.B. für die Unterhaltung mit Freundinnen oder Freunden eignen, sind Clubs für öffentliche Diskussionen mit Politikerinnen und Politikern, Expertinnen und Experten oder Fernsehstars und Influencern gedacht. Die Audioinhalte reichen also von privaten Telefonkonferenzen bis hin zu interaktiven Live-Podcasts.

Hand hoch statt Daumen hoch

In den Gesprächsräumen können User eine von drei Rollen einnehmen. Als „Moderator/-in“ können sie Unterhaltungen starten, andere als „Sprecher/-innen“ ins Gespräch holen oder ihnen das Mikrofon übergeben. Während Sprecher/-innen im selben Raum sich über ein bestimmtes Thema austauschen, lauscht die Mehrheit der User dieser Unterhaltung als stumme Zuhörer/-innen.

Durch virtuelles Handheben können sie allerdings signalisieren, dass sie gern eine Frage stellen oder einen Kommentar abgeben würden. Anders als bei den großen sozialen Netzwerken können Nutzer/-innen die Audioinhalte jedoch nicht teilen, liken oder kommentieren. Denn unmittelbar nach dem Ende von Unterhaltungen werden diese auf der Plattform gelöscht und können nicht mehr nachgehört werden.

Exklusiv gleich attraktiv: Persönliche Einladung gefragt

Noch exklusiver als die Verfügbarkeit der Audioinhalte ist der Zugang zum sozialen Netzwerk. Anders als bei Facebook und Co. kann man sich nicht einfach so als User registrieren, sondern benötigt eine persönliche Einladung eines aktiven Mitglieds. Und dem nicht genug: Jedes Mitglied von Clubhouse kann zunächst nur zwei weitere Personen in das Netzwerk einladen. Falls eine dieser Personen kein iPhone in der Hosentasche hat, muss sie ebenfalls draußen bleiben. Derzeit ist die App nämlich ausschließlich für das Betriebssystem iOS verfügbar.

Diese Exklusivität ist zumindest aktuell Teil des Erfolgsrezepts von Clubhouse. Im Marketing-Fachjargon spricht man auch von der Strategie der „künstlichen Verknappung“. Je knapper das Angebot eines bestimmten Produkts ausfällt, desto attraktiver nehmen es potenzielle Käufer/-innen wahr. Im Falle von Clubhouse kommt hinzu, dass in den letzten Wochen einige Prominente wie die Influencerin Caro Daur, Politiker Christian Lindner, Journalistin Dunja Hayali oder Fernsehstar Joko Winterscheidt dem Netzwerk beigetreten sind – und dadurch die Attraktivität weiter gesteigert haben.

Lauschangriff statt Datenschutz

Mit Clubhouse ist wieder einmal eine App zum Publikumsliebling avanciert, die datenschutzrechtlich Bedenken aufwirft. So muss jeder Clubhouse-User der App Zugriff auf sämtliche Kontakte aus dem iPhone-Adressbuch oder, bei Anmeldung über einen anderen Social-Media-Account, auf sämtliche Follower und Freundeslisten gewähren. Damit sammelt die App personenbezogene Daten von Personen, die diese gar nicht selbst nutzen. Aus funktionaler Sicht erfolgt dieser Zugriff, um neuen Clubhouse-Mitgliedern Freunde vorschlagen zu können, die die App ebenfalls nutzen. Datenschützer/-innen kritisieren jedoch, dass ein datenfreundlicherer Abgleich von Kontakten möglich wäre, z.B. durch die Verschlüsselung aller Kontakte mit einem Hashwert.

Doch es bleibt nicht bei den Adressbüchern: Auch sämtliche Unterhaltungen werden in einem „großen Lauschangriff“ vorsorglich aufgezeichnet. Nach Aussage der App-Betreiber ist dies nötig, um mögliche Beschwerden z.B. wegen rassistischer Äußerungen oder Desinformation prüfen zu können. Liegen keine Beschwerden vor, werden die Aufzeichnungen gelöscht. Allerdings machen die Betreiber keine Angabe darüber, wie lange sie in der Zwischenzeit gespeichert werden. Im Bereich Datenschutz bleibt die App also intransparent – und zeigt ebenso wenig Gesicht wie ihre Nutzer/-innen.

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Madeleine Hankele-Gauß

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