Sich gegen Hatespeech wehren

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Gegen Hatespeech wehren

Folgende Erfahrung haben einige Betroffene gemacht: Dem Betreiber eines Sozialen Netzwerks wird ein verletzender Kommentar gemeldet, dennoch wird der Beitrag nicht gelöscht. Betreiber wie Facebook haben eigene Richtlinien aufgestellt, wann Beiträge gelöscht werden. Diese Richtlinien orientieren sich nicht an der deutschen oder europäischen Rechtsprechung sondern nach eigenen Kriterien. Die Lösch-Regeln der Anbieter sind also undurchsichtig und die Arbeitsbedingungen für Löschteams schwierig. Denn bis zu 2 000 Beiträge müssen Mitarbeiter einer von Facebook beauftragten Firma pro Tag prüfen, so hat es das „SZ Magazin“ für einen Beitrag recherchiert. [1] Über die Verantwortung der Betreiber Sozialer Netzwerke werden derzeit intensive politische Debatten geführt. Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, initiierte 2015 einen Runden Tisch mit Facebook und anderen Internetanbietern. [2] Aber auch Nicht-Politiker leisten intensiv in Form von Kampagnen oder Aktionsbündnissen Aufklärungsarbeit gegen Hatespeech. Der Druck auf Facebook und Co wird damit erhöht und die Diskussionsbereitschaft seitens der Anbieter nimmt offenbar zu. Heiko Maas gab kürzlich ein Zwischenresultat seiner Initiative bekannt: das Monitoring des Ministeriums für Justiz und Verbraucherschutz meldet, dass nur 46 Prozent der Hasskommentare, die bei Facebook gemeldet werden, gelöscht werden. Das ist laut Maas: „nicht das, was wir uns vorgestellt haben“ gab er in einem ARD-Interview zu. Minister Maas will deshalb Facebook noch stärker in die Pflicht nehmen. [3]

Gegenstrategien und konkrete Tipps

Im neuen Bildungsplan ist mit der Leitperspektive Medienbildung ein wichtiger Grundstein gelegt worden. Bei der Vermittlung von Medienkompetenz in Bildungseinrichtungen obliegt es den Schulen, auch wichtige präventive Arbeit im Umgang mit Medien zu leisten. So soll in Schulen für eine faire und respektvolle Diskussionskultur gesorgt werden, damit verbale Gewalt im Dialog und auch in den digitalen Medien eingedämmt werden kann. Hass soll in Schulen keinen Raum erhalten und Strukturen, die Mobbing begünstigen, müssen erkannt und verändert werden. Das kann zum Beispiel beinhalten, dass im Biologieunterricht deutlich über die Folgen von Gendertypisierungen oder die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen offen diskutiert wird oder im Gemeinschaftskundeunterricht die für alle gleichermaßen geltende Menschenwürde intensiv behandelt wird. Bei der Arbeit mit Heranwachsenden gibt es sehr viele Möglichkeiten den Selbstschutz und die Selbstachtsamkeit aufzubauen und zu stärken. Einige dieser Varianten lassen sich unter dem Begriff Empowerment zusammenfassen. Hier einige Tipps:

  • Beleidigungen nicht persönlich nehmen, denn es handelt sich häufig um Verallgemeinerungen und weniger um zielgerichtete Positionen.
  • Auf den eigenen Energiehaushalt und Gesundheit achten, es gilt zum Beispiel sachlich und ruhig zu bleiben, im Zweifel aus Debatten raushalten.
  • Nicht in die Ecke treiben lassen oder für eigene Aussagen rechtfertigen.
  • Auf andere Gedanken kommen, positive Erlebnisse schaffen, denn die Welt ist nicht schlecht.
  • Zusammenschlüssen, Initiativen, Aktionsbündnissen, Netzwerken beitreten, denn Gemeinsamkeit hilft die Achtsamkeit zu steigern.
  • Wenn gar nichts anderes mehr hilft, Täter blocken, denn Selbstschutz geht vor.
  • Eigene Daten schützen: im Zweifel anonym bleiben, keine privaten Daten oder Adressen öffentlich machen. Umso weniger Angriffsfläche geboten wird, desto mehr Schutz vor Angriffen.

Betroffen? Schnelles Handeln, aber richtig

Tauchen Hassbotschaften gegen die eigene Person auf, dann gilt es zügig dagegen vorzugehen, da sie sich durch Kopieren und Teilen im Netz rasch weiter verbreiten können. Die Erstellung von Screenshots zur Beweissicherung steht an erster Stelle, ein Gedächtnisprotokoll dient der Beschreibung des Tathergangs, damit gegebenenfalls leichter Anzeige erstattet werden kann. Denn: sorgt man im Verlauf der Verfolgung für die Entfernung des Beitrags, fehlen wichtige Beweise. Zusätzlich zur Meldung des Hassbeitrags an den Betreiber der Plattform und der verbundenen Aufforderung zur Löschung, kann die Bitte um Herausgabe von Täterdaten wie zum Beispiel die IP-Adresse notwendig sein. Anbieter sind jedoch bisher nur verpflichtet, 7 Tage die IP-Adressen zu speichern. Danach ist die Herausgabe der Daten in der Regel nicht mehr möglich. Und auch wenn diese Frist eingehalten wird, kommt es vielfach vor, dass Anbieter die Herausgabe wichtiger Daten aufgrund bestehender Datenschutzrichtlinien verweigern. Einige Anbieter fordern einen richterlichen Beschluss – unter Umständen in englischer Sprache – oder reagieren nur auf Anfrage eines Anwalts oder der Polizei. [4] So kommen Betroffene ohne Anzeige häufig nicht weit.

 

Doch trotzdem können Betroffene einiges tun, um sich zu schützen. Das sogenannte Debunking (englisch für Entlarven) bietet sich an, wenn Falschmeldungen im Raum stehen. Bei dieser Entlarvung von Lügen wird mit Faktenwissen dagegen gehalten. Das Framing (englisch für Einrahmen) ist eine weitere Methode zur Verteidigung: die Botschaft wird dabei bei gleichem Inhalt anders verpackt und der Empfänger der Botschaft fühlt sich weniger angegriffen. Ein Beispiel für Framing: es hat mehr Erfolg, wenn der Vorteil eines gesunden Lebens ohne Zigaretten beschrieben wird, als ständig die negativen Folgen des Rauchens zu beschreiben. Außerdem hilft es, in Diskussionen gewisse Fallstricke zu umgehen. Täter fühlen sich in ihrem Weltbild sehr schnell bedroht, so dass ein weniger bedrohlicher Rahmen (Framing s.o.) für die Gegenrede zielführend ist.

 

Filterblasen zu durchbrechen ist mit Hilfe verschiedener Instrumente möglich. Gegensätzliche Meinungen abrufen, verschiedene Quellen nutzen oder in Suchmaschinen auch mal andere Suchbegriffe eingeben oder auch die Suchmaschinen häufiger zu wechseln, z.B. Metager statt Google, stört die Algorithmen ungemein. Auch sollen schweigende Dritte direkt angesprochen werden. Der Hinweis auf das Fehlverhalten übergriffiger Täter/-innen, kann die Solidarität untereinander wecken. Und bei dauerhaft nicht-zielführenden Diskussionen und besonders bei Trollen ist der Abbruch des Gesprächs eine hilfreiche Option. [5]

Formulierung einer Gegenrede

Die Gegenrede ist ein wichtiges Instrument, um im Falle einer verbalen Attacke adäquat zu reagieren. Wichtig ist, nicht auf das gleiche Niveau des Gegenübers einzusteigen und immer wieder zu betonen, dass man an einer unaufgeregten und nüchternen Debatte interessiert ist. Ingrid Brodnig schreibt dazu in ihrem Buch: „Am einfachsten wäre es, auf Hass im Netz einfach mit noch mehr Hass zu reagieren.“ [6]  Dann würde aber das Klima nachhaltig vergiftet, so führt Brodnig weiter aus. Debatten werden zunehmen erschwert und es führt zu noch mehr Enthemmung im Netz. [7] Nicht immer ist das Gegenüber zu einer sachlichen Debatte bereit, doch überrascht es die Täter womöglich, wenn trotz anhaltender Ruppigkeit mit Respekt geantwortet wird. Dann kann helfen, an die Wichtigkeit freundlicher Umgangsformen zu erinnern. Ein Beispiel formuliert Brodnig: „Ich antworte gern Ihren Bedenken, wenn Sie Ihre Nachricht nochmal schicken können, ohne dabei ausfällig zu werden.“ [8]

Weitere Tipps für die Gegenrede:

  • Diskussionsregeln einfordern
  • Argumentationsstrategien wie Verständnisfragen nutzen
  • alternative Erzählung, positive Geschichten
  • Humor kann ausufernde Diskussionen beruhigen
  • deutliche Benennung von Hatespeech
  • direkte Täteransprache z.B. Beschämen
  • auf Lücken und Fehler in der Argumentation hinweisen
  • nach Beispielen und Fakten fragen
  • Quellen prüfen, alternative Quellen liefern
  • Themenhopping unterbinden: Diskussion auf ein Thema festlegen

Konkrete Hilfen für Jugendliche

Jugendliche zeichnen sich häufig durch eine hohe Bereitschaft aus, sich für eine Herzenssache intensiv zu engagieren. In der präventiven Arbeit mit Jugendlichen ist dieser Umstand hilfreich. Mit ein wenig Hilfestellung und kleinen Anregungen können tolle Projekte mit engagierten Schülerinnen und Schülern entstehen. Nützlich ist dabei, wenn Erwachsene im Umfeld insbesondere Lehrkräfte und Eltern Vorbild für eine respektvolle Diskussionskultur sind.

Konkrete Tipps für Jugendliche:

 

  • Achte auf respektvollen Umgang in deinem direkten Umfeld und online: Netiquette beachten, fairen Umgangston pflegen, keine Späße auf Kosten anderer
  • Setze Grenzen indem du Beleidigungen löschst und Betreibern meldest, Angreifer blockst und von Freundesliste streichst – vorher noch Beweise z.B. per Screenshot sichern
  • Schau genau hin, sei kritisch und überprüfe Quellen oder Profile
  • Humor oder Fantasie können dir helfen, um dich abzugrenzen
  • Schütze dich selbst: Achte auf deine Grenzen und vermeide Gefahren, das hilft, nicht zur Zielscheibe zu werden
  • Werde aktiv und übernehme Verantwortung für dein Umfeld
  • Einmischen ist erlaubt: Weise auf Hatespeech hin und betreibe Widerstand mit Worten, das heißt mit Argumenten kann man gegen Hass im Netz vorgehen
  • Wenn es zu kritisch wird, hole Hilfe bei Eltern, Freunde, Lehrkräften, informiere diese und beziehe Fachleute ein

Erlernen von Gegenstrategien

Eine Anleitung für Gegenstrategien gegen Hatespeech gibt es in der Broschüre „Geh sterben! Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Amadeu Antonio Stiftung. Hier werden vier Gegenstrategien genannt, wie Hass im Netz begegnet werden kann:


1. Ignorieren

Die erste Reaktion ist entscheidend: Sich nicht vom Hass anstecken lassen, tief durchatmen, Emotionen beiseiteschieben und den Beitrag ignorieren. Nachteil am „Ignorieren“: langfristig überlässt man aggressiven Gruppen das Feld.


2. Moderieren: Melden, Löschen, Sperren

Menschenverachtende und volksverhetzende Kommentare können unmittelbar auf Facebook und YouTube gemeldet werden. Dies klappt erfolgreich aber laut jugendschutz.net nur in der Hälfte aller Fälle. Dennoch ist das persönliche Melden auf Facebook wichtig, um Facebook aufzuzeigen, dass seine Löschpraxis untauglich ist. Wer selbst eine WhatsApp-Gruppe betreibt, sein Facebook-Profil oder ein Forum pflegt, der kann als letzte Instanz das Löschen der Beiträge bzw. das Blockieren des Nutzers selbst erledigen.

 

3. Gegenrede: Diskutieren, Aufklären, Fakten nennen

Was hilft gegen Stereotype, Gerüchte oder Halbwahrheiten? Die Wahrheit. Durch die Gegenrede entsteht ein Gegengewicht zur gefühlten Meinungsmehrheit. Die Gegenrede schafft es zwar nicht, Festgefahrene umzustimmen. Sehr wohl können stille Mitleser/-innen vor falschen Fakten bewahrt werden. Wichtig bei der Gegenrede: Das menschliche Gehirn neigt dazu, negative Formulierungen, als positive wahrzunehmen. Deswegen sollten beim Argumentieren die Fakten stets in der bejahenden Form genannt werden, also nicht „Deutschland ist keine Diktatur“ sondern „Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“.

 

4. Ironisieren: Humor

Da Aggressoren selten an einer sachlichen Diskussion interessiert sind, bleibt anstatt des Rückzuges der humorvolle Widerstand übrig. Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher, glaubt dass Humor die effektivste Methode gegen Internethass ist und versucht mit der Kampagne „NoHateSpeech“ Menschen beim digitalen Widerstand zu unterstützen.

 

Diese Gegenstrategien basieren auf den drei wesentlichen Säulen präventiver Arbeit:

  • Die Förderung der Medienkompetenz
  • die Vermittlung kommunikativer Kompetenzen
  • und die Stärkung von Selbstvertrauen sowie Selbstwirksamkeit

 

Diese drei Aspekte können bei der Arbeit gegen menschenverachtende Kommentare eine Grundlage bilden. Sind Schülerinnen und Schüler kompetent im Umgang mit Medien und beherrschen diese die Grundprinzipien guter Kommunikation steigt auch die Selbstsicherheit der Jugendlichen. Je selbstsicherer ein Heranwachsender ist, umso weniger bringen ihn negative Kommentare aus der Bahn. Sozial gut integrierte Jugendliche, die mit negativen Internetmaterial in Berührung kommen, erleiden seltener Schaden. Auch Eltern haben einen entscheidenden Einfluss auf das Weltbild ihrer Kinder. Daher müssen auch Eltern informiert und einbezogen werden. Da es heutzutage nie auszuschließen ist, dass Kinder mit menschenverachtenden Inhalten in Berührung kommen, müssen Lehrer, Eltern, Kinder und Jugendlichen ständig im Gespräch über gute und gehaltvolle Kommunikation bleiben.

Quellen

[1] SZ Magazin: „Inside Facebook“. 15.12.2016 [2.1.2017] [zurück]

[2] Heise.de: „Runder Tisch mit Maas“. 15.12.2015 [15.12.2016] [zurück]

[3] Tagesschau.de: „Maas triste Facebook-Bilanz“. 15.12.2016 [15.12.2016] [zurück]

[4] Zeit.de: „Wo geht es hier zum Urteil?“ 19.02.2016 [20.12.2016] [zurück]

[5] Scholz, Jens: „5 Tipps zum Umgang mit Trollen“. 24.3.2013 [02.01.2017] [zurück]

[6] Broding, Ingrid: „Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. Wien 2016. S. 184. [zurück]

[7] Brodnig, Ingrid: „Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. Wien 2016. Seite 184ff. [zurück]

[8] Broding, Ingrid: „Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. Wien 2016. S. 190. [zurück]