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Bewegte und bewegende Worte – Frühjahrsstimmung mit Sprachgefühl

Sprecherziehung live

„Die rasante Geschwindigkeit, mit der die neuen Medien Kinder und Jugendliche überfluten und ihre Welt verändern, erfordert das Aufzeigen von Chancen und Risiken, die Schaffung positiver Werte sowie sinnvolle, qualitative und attraktive Alternativen“, so Wolfgang Kraft, Direktor des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ).

 

Beim Jahrestreffen der baden-württembergischen Ohrenspitzer-Schulen am 4. März 2009 in Stuttgart bekamen rund 60 Lehrkräfte und Erzieher/innen „stimmungsvolle“ Anregungen für ihre tägliche Arbeit. Im Zentrum der Fortbildung stand die Stimme als Instrument mit physikalischen und emotionalen Schwingungen. Projektleiter Thomas Herbst betonte: Wer „in sich hineinhört“ und  „Sprache bewusst erlebt“, kann andere Menschen besser verstehen und sich gezielter ausdrücken. Sprachkompetenz ist Grundlage des reflektierten Umgangs mit Medien.

 

Schon zur Begrüßung waren Motivation und Frühjahrsstimmung angesagt: Im Foyer des Hauses flatterten Gedichte großer Schriftsteller „durch die Lüfte“. Der Trick: Von der Decke herab hängende Großdrucke, in Bewegung gebracht durch Ventilatoren. Auf diese Weise wurden die Worte zu personifizierten Darstellern der physisch präsenten Gedichte: Sätze wie „All die Schätze … sich berühren mit schüchternem Klang gleich dem Glöckchen, vom Winde umspielt“ aus dem Gedicht „Im Grase“ (1844) von Annette von Droste-Hülshoff nahmen die Gestalt lebendiger Bilder vor dem geistigen Auge des Betrachters an. Zugleich hieß es „Ohren auf“, da zwei dieser „dynamischen“ Gedichte gleichzeitig ertönten und den Besucher in den Klang der Worte einhüllten. So bekam der einsame Sprecher des „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ von Theodor Fontane (1889) plötzlich eine Partnerin, die ihm aus den Gedichten in Bi-Sprache von Joachim Ringelnatz (1928) liebevoll entgegnete: “Ibich habibebi dibich lobittebi sobi liebib.“ 

 

Eröffnet wurde die Tagung im Filmsaal des LMZ mit einem Appell an alle Sinne: „Ich raff’s bald nicht mehr, weil’s packt mich zu sehr, was ich hör’, was ich riech’, was ich schmeck’“ – der in jugendlichem Rhythmus und mit energischem Body-Movement vorgetragene „Stuttgart-Rap“ des ungeachtet seiner Pensionierung jetzt erst recht aktiven Referenten Dr. Christian „HÖR“burger weckte seine Zuhörer aus dem Winterschlaf und riss sie mit in einen Tag voller Entdeckungsreisen zu den Höhen und Tiefen der menschlichen Stimme. Lautmalerisch sinnlich trägt Hörburger das vom dem Sprechkünstler Timo Brunke 2006 verfasste Gedicht „Zuviel Stuttgart“ vor: „Mann, wie das schwappt, rappt und zappt übern Kesselrand voll ins Umland.“ Als Pult diente ihm eine Leiter. Fiktiv konnte das Publikum die vielen Stäffele in der City und die „Hopser“ auf den Bopser rauf auf den Fernsehturm mit verfolgen und fast „bis Grönland“ sehen.

 

Wie sich Sprache zur Interpretation von Prosa, Lyrik und Nachrichtentexten bewusst einsetzen lässt um deutlich, wohlklingend sowie situationsbezogen sprechen zu lernen, das vermittelten die Sprecherzieherinnen Julia Katterfeld, Berenike Keppler-Rau und Muriel Hahn sowie Dozent Dr. Christian Hörburger als rundfunkerfahrener Sprachgestalter. Ganz im Sinne des lateinischen Wortes „personare“ (‚tönen durch’) konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der sprachpraktischen Workshops am eigenen Leibe nicht nur spüren, welche Resonanz die eigene Stimme im Körper haben kann, sondern auch erfahren: „Die Stimme macht dich zu dem, was du bist“. Die Klangfarbe einer Stimme entscheidet wesentlich darüber, wie eine Person von ihren Mitmenschen empfunden wird. Bei der Rezeption von Meldungen in Hörfunk und Fernsehen entscheidet oft das Timbre der Sprecherstimme darüber, welche Einstellung die Hörer zu den Inhalten entwickeln. Aus unserer eigenen Kindheit wissen wir, wie gerne wir immer wieder die Märchenplatten aufgelegt haben, deren Sprecher fähig waren, Gefühle glaubhaft auszudrücken.

 

Auch ein Training der Sprechwerkzeuge wurde angeboten, und Tipps, wie Versprecher und Lampenfieber beim Reden zu vermeiden sind. Dr. Hörburger, diesmal unter dem Pseudonym Dr. Logpäd („alle Kassen zugelassen“), riet: Den Raum als Bühne nutzen, über die Dimensionen der eigenen Stimme verfügen und sie bewusst einsetzen, Freude am spielerischen Gestalten bekommen, sich als Chefregisseur und Schauspieler der Veranstaltung begreifen, ruhig mal neue Inszenierungsmöglichkeiten erfinden, zum Beispiel Elternabende mit künstlerischen Sprechbeiträgen beginnen. Die Variation des Sprechtempos erzeugt eine spannende Atmosphäre. Überzeugend, deutlich und kraftvoll sprechen. Der Stolz auf das erfolgreich umgesetzte „Produkt“ stärkt für den nächsten „Auftritt“. „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden…“ wusste schon Goethe: Er meinte damit wohl auch „ruhiges Durchatmen, Innehalten und Entspannen“. Auch der Blickkontakt zu vertrauten und interessierten Personen hilft. Und als Höhepunkt: Die „Sinnlichkeit“ des Sprechens genießen! Gönnen Sie sich in diesem Zusammenhang einmal das „Urgefühl“ des Singens. Sicher gibt es in Ihrem Umkreis einen engagierten Chor! 

 

Aus der lebhaften Teilnehmergruppe des Workshops kamen außerdem wertvolle Erfahrungen und Anregungen für die Schulpraxis zur Sprache. Die Gymnasiallehrerin Ingrid Stritzelberger lässt die Schüler im Unterricht beispielsweise unterschiedliche Interpretationen sprechen, aufnehmen und kommentieren. Eine Motivation für jeden Deutsch- und Fremdsprachenunterricht: Verlegen Sie diesen öfter mal in den Musiksaal. Mit dem Audioprogramm Audacity können die Aufnahmen zudem geschnitten und im Internet gleich einem „virtuellen Klassenzimmer“ bereitgestellt werden, berichtet Christian Müller-Gebhard, ebenfalls Lehrer und Referent am Landesmedienzentrum.

 

„Sprich doch’ mal“ – wichtig ist, dass sich Schulkinder überhaupt äußern, Hemmungen abbauen und von aufmerksamen Zuhörern ernst genommen werden: Bei den Übungen zum freien Sprechen bewährte es sich, jeweils alle Beteiligten mit einzubeziehen. „Erdbewohner berichten Außerirdischen vom Wilhelma-Zoo Stuttgart“ hieß die Aufgabe, deren stolze Lösungen in einer gemeinsamen Abschlusspräsentation Beifall ernteten. Von der Erfindung neuer Sprachen mit verkehrten Tiernamen wie „netnafele“, „sognimalf“ und „eniugnip“ bis hin zur Identifikation durch Imitation der original animalischen Laute war alles geboten! Dem „Darstellungstrieb“ wurde freier Lauf gelassen. Erfolgsgefühle und Selbstverwirklichung konnten da nicht ausbleiben.

 

Beim traditionellen „Ohrenspitzer-Maultaschenessen“ hatten die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer Gelegenheit zum Austausch mit den Leitern ihres örtlichen Medienzentrums. Was das starke Team von Thomas Herbst wohl beim nächsten Mal auf die Beine stellen wird, darf noch nicht verraten werden. Inzwischen trösten wir uns mit der Ohrenspitzer-Homepage, wo zahlreiche Hinweise zu unterrichtsgeeigneten Hörspielen, Klangrätseln und weiterem auditiven Material gegeben werden:
www.ohrenspitzer.de