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10.02.2014 | Constantin Schnell

Zwischen Danton und Smartphone – Film im Deutschunterricht

Filmemacherin Sabine Willmann erläutert den Umgang mit der Kamera im pädagogischen Zusammenhang; Bild: Constantin Schnell/LMZ

Rund 40 Lehrkräfte und Ausbilder kamen Ende Januar im Stadtmedienzentrum Stuttgart zusammen, um sich beim Fachtag Deutsch über Film und Literatur im Deutschunterricht zu informieren und um sich auch den ein oder anderen ganz praktischen Tipp zu holen. Eröffnet wurde der Tag von Prof. Dr. Matthis Kepser von der Universität Bremen (alle Vorträge des Tages finden Sie in Kürze hier zum Download), der aufzeigte, wie reduziert der Blick der Schule auf das Medium Film noch immer sei. Die meisten Schüler, die in der Schule systematischen Kontakt mit dem Medium Film hätten, so Kepser, hätten diesen in Form von Literaturverfilmungen. Film, so scheint der Deutschunterricht oftmals vermitteln zu wollen, ist eigentlich nur die Verfilmung von Hochliteratur.

 

Mehr noch: Der Film wird meist nicht mit adäquaten Mitteln behandelt, sondern ist oft nur ein „Bonus-Track“ am Ende einer mehrwöchigen Einheit zum Buch. Textnähe, so analysiert Kepser, sei da oft das einzige Qualitätskriterium. Dass Film auch als Gegenentwurf gesehen werden kann, dass Filme über den Prätext hinausgehende Emotionen generieren und dass der Einsatz von Film im Unterricht eine filmische Grundbildung verlangt, all das bleibt (meistens) außen vor.

 

Auch wenn der Soll-Ist-Vergleich von Kepser negativ ausfiel, so zeigte er doch abschließend eine Bandbreite an Möglichkeiten auf, wie man Film im (Deutsch-) Unterricht einsetzen kann, zum Beispiel

  • die Unterrichtseinheit mit der Verfilmung beginnen,
  • imaginative Verfahren einsetzen,
  • szenische Interpretationen aufstellen,
  • eigene Drehbuchszenen oder Storyboards abzufassen
  • oder gar selbst die Literatur bzw. einzelne Szenen zu verfilmen.

Film im Unterricht – analysieren oder drehen?

Dr. Björn Maurer, PH Zürich; Bild: Constantin Schnell/LMZ

Die anschließenden Vorträge zeigten anschaulich die beiden Stränge der schulischen Filmbildung. Dr. Ingo Kammerer von der Universität Augsburg zeigte in allerbester philologisch-kognitiver Tradition Optionen für den Deutschunterricht am Beispiel von 'Danton's Tod' (Vortragstitel) auf. Er analysierte, ordnete historisch ein und verglich und nahm sich dabei den Film Danton von Andrzej Wajda aus dem Jahr 1983 vor. Sein Lernziel: Analysekompetenz – die allerdings schon vorab im erheblichen Maße seitens der Lehrperson vorhanden sein müsste.

 

Den Bogen in die rezeptiv-praktische Richtung schlug Dr. Björn Maurer von der PH Zürich. Der Titel seines Vortrags Film und Sprache – Filmbildung im Schnittfeld von Persönlichkeitsbildung und Sprachförderung ließ bereits erahnen, dass er andere Ziele als cineastische oder philologische anvisierte. Am Beispiel eines Vier-Länder-Workshops in Rumänien, bei dem die meisten Jugendlichen Deutsch als Fremdsprache sprachen, zeigte er, wie er ganz praktisch vorgeht. Aus der Arbeit mit Hauptschülern kommend lautet sein Credo dabei „Praxis vor Theorie, motivieren, an Stärken anknüpfen“ (siehe dazu auch das Interview mit Björn Maurer).

 

Er beginnt mit der Vermittlung filmsprachlicher und formalästhetischer Kenntnisse, indem er den Jugendlichen filmisch zu lösende Aufgaben stellt. Sie nutzen dabei unter anderem ein Livecam-Setting, bei der in einer Miniatur-Landschaft die Kamera bewegt wird. Die kurzen Filme dienen dann dazu, filmspezifisches Wissen zu vermitteln. Im zweiten Schritt – Maurer nennt ihn „situative Narration und kollaboratives Storytelling“ – erarbeiten die Schüler gemeinsam ein Drehbuch (mit Tools wie edupad, comic life oder celtx,) das sie im dritten Schritt komplett eigenständig verfilmen.

Machbar: Transfer in die Schule

Zeichner und Illustrator Stefan Dinter lässt in seinen Workshops Schüler/-innen Comics zeichnen; Bild: Constantin Schnell/LMZ

Natürlich kam nach diesem Bericht über einen einwöchigen Workshop die Frage auf, wie all diese Anregungen auf den Schulalltag übertragbar seien. Maurer wusste darauf zahlreiche Antworten: So könne man sich durch Örtlichkeiten (Location) inspirieren lassen oder Blogs einsetzen. Filmische Werkzeuge im Unterricht einzusetzen sei heute keine Frage der Technik mehr, sondern alleine der Vorbereitung. Mit Smartphones oder Tablets lassen sich Fotos und Film unkompliziert erstellen – zum Beispiel vorab als Hausaufgaben. Schüler könnten im Unterricht kleine Trailer herstellen, Szenen nachinszenieren und Erklärfilme oder journalistische Filme produzieren. So gingen Fachwissen, ggf. Sprachförderung, Selbstwirksamkeitserfahrung und Filmwissen zusammen.

 

Abgerundet wurde der Tag durch schulpraktische Workshops am Nachmittag, in denen zum Beispiel Illustrator Stefan Dinter mit den Teilnehmern einen Literaturcomic zur Novelle Zweier ohne herstellte oder Filmemacherin Sabine Willmann einen Einblick in ihre Filmarbeit mit Schülern bot.

Einige Anregungen...

Die nächste filmpädagogische Fortbildung findet am 24. Februar 2014 in Stuttgart statt.


Vom 20. bis 26. März 2014 läuft in ganz Baden-Württemberg die SchulKinoWoche – unterrichtsrelevante Filme im Kino anschauen. Die Anmeldung dazu ist ab sofort möglich.

 

Die am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg erarbeiteten Filmbildungscurricula werden zur Zeit überarbeitet.

 

Wie Film im Geschichtsunterricht eingesetzt werden kann.

 

Basismaterial zur Filmbildung – insbesondere zur Filmanalyse – finden Sie im Bereich Film / Fernsehen von MediaCulture-Online.

 

Ebenfalls auf MediaCulture-Online stehen Vorschläge zur praktischen Arbeit mit (Trick-)Film im Unterricht.

Deutsch, Film, Lehrkräfte, Sekundarstufe

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