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05.02.2014 | Christiane Schneider / Stefan Glaser

Viraler Hass: Wie Neonazis Jugendliche im Internet ködern

Dem modernen Rechtsextremismus hat das Internet enormen Auftrieb beschert. Schon seit Mitte der 1990er-Jahre dient es als Propagandaplattform und hat szeneintern eine wichtige Vernetzungsfunktion übernommen – auch international. Da seither immer mehr Kinder und Jugendliche das Medium nutzen – laut aktueller JIM-Studie nahezu alle 12-19-Jährigen [1] – , steht zudem ein ideales Mittel zur Verfügung, um Heranwachsende anzusprechen und für rechtsextreme Ideen zu ködern. Doch wie gehen diese so genannten „modernen Nazis“ vor? Mit welchen erlebnis- und jugendkulturell orientierten Angeboten, lebensnahen Themen und sonstigen Verheißungen versuchen sie, junge Menschen über das Netz der Netze zu beeinflussen? Und was kann diesen Bestrebungen entgegengesetzt werden? Diese Fragen sollen anhand einiger Beispiele aus der Recherchetätigkeit von jugendschutz.net erörtert werden. [2]

Das Social Web im Zentrum rechtsextremer Agitation

Die zunehmende Bedeutung von Sozialen Netzwerken vor allem für junge User hat auch die Aktivitäten von Rechtsextremen im Internet verändert. Statische Szenewebsites werden kontinuierlich verdrängt von einer kaum bezifferbaren Zahl an Propagandabeiträgen im Social Web. Während Websites hauptsächlich noch zur Information und Vernetzung innerhalb der Szene genutzt werden, spielt sich die Ansprache, Rekrutierung und Mobilisierung neuer Anhänger außerhalb rechtsextremer Kreise heute vor allem über Facebook, YouTube und Twitter ab.
Die Nutzung des Social Web gehört hierbei zur erklärten Strategie. Rechtsextreme versuchen auf diese Weise Neugier zu wecken und über die Szene hinaus Kontakte herzustellen. Auch die Erkenntnis, dass die Netzwerke vor allem über persönliche Bezüge funktionieren, fließt in die Rekrutierungsversuche ein. Auf einschlägigen Szenetreffpunkten im Netz finden sich dann auch entsprechende Aufrufe, Jugendliche auf Plattformen wie Facebook und Youtube beispielsweise mit „sympathischen“ Profilen und Themen aus deren Lebensumfeld anzusprechen.
Mit jugendgemäßen Videos und vordergründig unpolitischen Profilen setzt die Szene ganz bewusst darauf, dass niedrigschwellige, eher dem Unterhaltungsbereich zuzuordnende Angebote nur selten kritisch hinterfragt werden. Massenhaftes "Liken" und "Teilen" einzelner Postings führt dann zu einem virtuellen Schneeballeffekt, in dessen Folge Beiträge im Nu Tausende von Menschen erreichen. Nicht selten dringen die Botschaften dabei auch auf Ebenen vor, die in keinerlei Nähe zum Rechtsextremismus stehen, wie private Profile aus dem Freundeskreis oder Seiten aus dem Unterhaltungsbereich. So wurde beispielsweise auf dem offiziellen Facebook-Profil von RTL-Moderatorin Frauke Ludowig ein Sendungsbeitrag zum Thema Kindesmissbrauch dazu instrumentalisiert, einen rechtsextremen Online-Flashmob zu bewerben. In diesem Kontext erhielt der Beitrag viele Unterstützer, denn nur für Kenner der Szene war der rechtsextreme Hintergrund ersichtlich.

Mobile Propaganda für die Generation Smartphone

Auch die Tatsache, dass immer mehr Heranwachsende das Internet mobil über ihr Smartphone oder Tablet nutzen, schlägt sich auf die Propagandastrategien nieder. Rechtsextreme haben inzwischen Angebote am Start, mit denen sie insbesondere auf die Generation der Handy-User zugehen.
So werden im Zusammenhang mit der Mobilisierung für verschiedene Events im rechtsextremen Jahreskalender wie dem "Tag der deutschen Zukunft" oder dem so genannten "Antikriegstag" immer wieder QR-Codes verbreitet. Diese kodierten Zeichen sind mit bloßem Auge nicht dechiffrierbar, jedoch von Smartphone-Anwendungen einfach auslesbar und meist unmittelbar verknüpft mit Webinhalten. In den konkreten Fällen führten die Codes auf die Websites der betreffenden Neonaziaktionen. QR-Codes finden sich inzwischen auf Szene-Flyern, auf Websites und Profilen in Sozialen Netzwerken. Und auf einigen Seiten wird sogar dazu aufgefordert, QR-Codes von aktuellen Filmplakaten mit den eigenen Codes zu überkleben, um damit Menschen auf rechtsextreme Webinhalte zu locken.
Zudem existieren bereits rechtsextreme Apps, die neonazistisches Gedankengut verbreiten. So bietet ein einschlägiges Szeneradio über eine eigene App mehrere Kanäle mit rechtsextremer Musik, Radiostreams und ein wöchentliches "TV-Programm" zur mobilen Nutzung. Die Entwicklung steckt hier zwar noch in den Kinderschuhen, jedoch werden einige der Anwendungen auch in gängigen Stores für Android-Geräte zur Verfügung gestellt. Sie sind Seite an Seite verfügbar mit gängigen Mainstream-Applikationen für Kommunikation, Spiel und Spaß und können dadurch potenziell Akzeptanz sowie große Reichweite erzielen. Da Apps mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones für Kinder und Jugendliche immer relevanter werden, müssen die weiteren Entwicklungen in diesem Bereich aufmerksam beobachtet werden.

Emotionale Themen und Jugendkultur als Tarnung und Türöffner

Auch die Beeinflussungsstrategien Rechtsextremer haben sich verändert. Subversive Aktionsformen, Themen aus der Lebenswelt von Heranwachsenden und eine Symbol- und Medienwelt, die an unterschiedlichen jugendkulturellen Phänomenen anknüpft, sind charakteristisch. Bei vielen Webangeboten aus dem rechtsextremen Spektrum ist der menschenverachtende Hintergrund nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
Angebote als unverdächtig zu kaschieren oder aktuelle Themen wie Islamismus oder die Eurokrise für rassistische Kampagnen zu instrumentalisieren, praktiziert die Szene schon länger. Vor allem hoch emotionale Themen sollen massiv Stimmung machen und Sympathien erzeugen. Mit erstaunlichem Erfolg: Facebook-Profile, die sich beispielsweise gegen Kindesmissbrauch wenden, werden in der Regel von vielen Internetusern kritiklos geteilt und erzielen schnell Tausende Zustimmungen. Nur wenigen mag bewusst sein, dass sie hier rechtsextremer Propaganda aufgesessen sind und zu deren Weiterverbreitung beigetragen haben.
Das Prinzip der Tarnung ist auch für eine neue Generation von Blogs mit Namen wie Verdictum, Der Funke, Pinselstriche und Zukunftskinder zentral. Ihre Namen und verwendeten Symbole wie Flamme, Pinsel und Feder sind an sich unverdächtig und schaffen einen Wiedererkennungseffekt. Zudem orientieren sie sich im Erscheinungsbild stark an zeitgemäßen Trends und jugendkultureller Ästhetik, greifen beispielsweise Wort- oder Bildzitate des aktuellen Weltgeschehens, von Filmen oder Berühmtheiten auf. All dies sind Faktoren, die eine schnelle Verbreitung vor allem in den interaktiven Diensten begünstigen. Zugehörige Bilder, Videos und Jingles erreichen daher hohe Klickzahlen.
Die Angebote stehen gleichzeitig für eine Islamfeindschaft, wie sie sich seit einigen Jahren im Bereich des Rechtsextremismus Bahn bricht. Vor allem gegen den Bau von Moscheen hatten sich immer wieder lokale Kampagnen formiert, die mit ihren Aktionen an der Furcht vieler Menschen vor Terrorattacken durch Islamisten anknüpften. Die Blogs und ihre Pendants im Social Web setzen auf eine Protesthaltung und zielen auf das Aktionspotenzial Jugendlicher. Die Autoren gerieren sich als zeitgemäße Alternative zum demokratischen System und signalisieren Bereitschaft zur Revolution. Erst der genaue Blick enthüllt die rassistischen und demokratiefeindlichen Botschaften sowie die Diskreditierung der weltoffenen, pluralistischen Gesellschaft.

Identitäre bereiten virtuellen Weg für "Rassismus light"

Aktuell sorgen die so genannten Identitären in den Sozialen Netzwerken für Aufsehen. Mit ihren werbewirksamen Slogans, flashmobartigen Happenings und sonstigen Spaßaktionen sowie ästhetisch auf ein junges Publikum zugeschnittenen Auftritten im Social Web buhlen sie um Anhänger. Über ihr bewusst modernes Auftreten und die Vermeidung nationalsozialistisch geprägter Begriffe suchen sie Anschluss an den Mainstream und bauen auf breite gesellschaftliche Zustimmung.
Für diese (nur vordergründige) Abgrenzung vom rückwärtsgewandten Neonazimus steht ihr Leitspruch "100 % Identität, 0 % Rassismus". Er fungiert als Schmiermittel und soll Akzeptanz herstellen für das, was die Identitären wollen. Und auch dies offenbart sich erst beim genauen Hinschauen: Inhaltlich wird ein Welt- und Menschenbild propagiert, das den Erhalt der „ethnokulturellen Identität“ im Sinne der nationalsozialistisch geprägten Idee der „Volksgemeinschaft“ in den Mittelpunkt rückt – und damit Menschen mit Migrationshintergrund unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit ausschließt.
Bei ihren Aktionen vor Ort und Präsentationen im Netz geben sie sich jugendlich und dynamisch. Zentrale grafische Stilelemente sind das einheitliche Logo sowie Bilder von Comicfiguren, jungen Menschen und bekannten Personen wie Brad Pitt. Mit Identitäre-Logo und -Slogan versehen, suggerieren die Fotos breite Unterstützung – vom Normalbürger bis zum Prominenten. Viele Angebote wirken offen und transportieren politische Botschaften, die auf eine vermeintlich positive Zukunft gerichtet sind. Die Beiträge treffen den Nerv der Zeit und werden von vielen, auch nicht rechtsextremen Usern, zustimmend geteilt.

Jugendliche sensibilisieren und für die Auseinandersetzung stärken

Rechtsextremismus im Internet ist ein anhaltendes Phänomen und die Versuche der Protagonisten, Jugendliche negativ zu beeinflussen, sind vielfältig. Um Heranwachsende effektiv vor gefährdenden Inhalten zu schützen und Rechtsextremen die Plattformen zu entziehen, verfolgt jugendschutz.net eine mehrdimensionale Strategie. Diese setzt außer auf Maßnahmen zur Löschung unzulässiger Inhalte und der Förderung der internationalen Zusammenarbeit auch auf Präventionsangebote, damit Jugendliche gerade neuen, medial vermittelten Formen rechtsextremer Propaganda kritisch begegnen können.
Da es bei immer weniger rechtsextremen Webinhalten eine rechtliche Handhabe gibt, kommt der medienpädagogischen Prävention eine bedeutende Rolle bei der Frage zu, wie man junge Menschen effektiv schützen kann. Die Arbeit mit Jugendlichen muss dabei an zwei Eckpunkten orientiert sein: Sie sollte am mündigen und kritischen Internetnutzer ansetzen und die Stärkung von Usern in Communitys und anderen interaktiven Plattformen für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in den Blick nehmen. Ziel muss sein, dass neonazistische und diskriminierende Äußerungen auf den Plattformen nicht ignoriert und unwidersprochen bleiben, sondern eine Kultur gemeinsamer Verantwortung und Solidarität mit den Opfern rassistischer Diskriminierungen Einzug hält.
Damit verbunden ist vor allem eine Aufgabe an schulische und außerschulische Bildung. Hier braucht es künftig vor allem Konzepte der Peer-Education, die Jugendliche nicht nur als Subjekte ihres eigenen Bildungsprozesses ernst nehmen, sondern vor allem als Vorbild und Mittler für Respekt und Toleranz in ihrer Altersgruppe in den Mittelpunkt rücken. Und es braucht mutige Pädagoginnen und Pädagogen, die sich der Herausforderung rechtsextremer Propaganda im Internet stellen und mit den ihnen anvertrauten Jugendlichen in angemessener Form thematisieren.

[1] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest (Hrsg.): JIM-Studie 2012 – Jugend Information, (Multi-) Media, Stuttgart 2012.  [zurück]

[2] Dieser Beitrag basiert auf den Erkenntnissen aus dem Monitoring von jugendschutz.net. Die Arbeit zu Rechtsextremismus im Internet wurde in den vergangenen Jahren finanziert von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Programms "TOLERANZ FÖDERN – KOMPETENZ STÄRKEN". [zurück]


Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Aktion Jugendschutz (ajs) und der Autoren. Er erschien zum ersten Mal in den ajs-Informationen II / 2013, S. 14–16.

Eltern, Extremismus, Gemeinschaftskunde, Internet / Web 2.0, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Soziale Netzwerke

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