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01.03.2011 | Jiří Hönes

L3T – Lehrbuch zum technologiegestützten Lernen unter CC-Lizenz

Hinter der Abkürzung L3T verbirgt sich der barocke Titel Lehrbuch zum Lehren und Lernen mit Technologien, unter dem kürzlich ein in mehrerlei Hinsicht innovatives und beeindruckendes Lehrwerk im Netz veröffentlicht wurde. Sowohl im Entstehungsprozess als auch im Hinblick auf den Publikationsweg gingen die Herausgeberinnen und Herausgeber neue Wege.

 

Die Idee entstand vor noch nicht einmal einem Jahr. Martin Ebner von der TU Graz, und Sandra Schön von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft starteten einen Aufruf via YouTube, in dem sie Autoren für ein interdisziplinäres Lehrbuch zum Thema technologiegestütztes Lernen und Lehren suchten. Die Resonanz aus der Fachwelt übetraf die Erwartungen der beiden um ein Vielfaches: Über 100 Interessierte meldeten sich und boten ihre Mitarbeit an dem Werk an. Die Mitarbeiter wurden sodann nach ihren jeweiligen Sachgebieten und Themenschwerpunkten in Autorenteams eingeteilt, die die einzelnen Beiträge in Ko-Konstruktion verfassten – teilweise ohne sich vorher persönlich zu kennen. „Das war kein leichtes Unterfangen und klappte auch nicht immer reibungslos”, schreiben die Herausgeber in der Einleitung des Werkes. Doch ganz im Sinne des behandelten Themas wurden vielfach Werkzeuge eingesetzt, um die die Zusammenarbeit zu unterstützen, so etwa Videokonferenzen, Wikis und geteilte Dokumente wie Etherpad oder Google Docs.

Open Access für Lehrende und Studierende

Auch die Begutachtung der Kapitel erfolgte so, dass zwischen Gutachter und Autor ein offener Austausch stattfand. Herausgekommen ist dabei ein knapp 50 Beiträge und über 500 Seiten umfassendes, interdisziplinäres Grundlagenwerk rund um das Lehren und Lernen mit technischen Hilfsmitteln, wobei ein deutlicher Schwerpunkt auf digitalen Technologien liegt: „Ein besonderes, aber nicht ausschließliches, Augenmerk liegt dabei auf Anwendungen und Geräte der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Dieses Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien wendet sich also an Studierende und Lehrende in einem interdisziplinären Themenfeld, das Aspekte von Pädagogik, Informatik, Psychologie und zahlreichen angrenzenden Wissenschaftsgebieten berührt.” Unter den Autoren sind Experten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aus Forschung, Lehre und Schule vertreten. Einen Einblick in den Entstehungsprozess geben die Herausgeber in einer netten Präsentation bei Prezi.

 

Doch nicht nur bei der Erstellung von L3T wurden neue Wege beschritten, auch die Veröffentlichungspraxis ist für ein solch umfassendes Werk ungewöhnlich. Erfreulicherweise sind sämtliche Kapitel online als PDF abrufbar und wurden unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0 publiziert. Eine Weiterverbreitung ist von den Herausgebern ausdrücklich erwünscht. Der Open-Access-Ansatz war von Anfang an eine zentrale Leitidee der Initiatoren. Da ein solches Projekt auf Dauer kaum finanzierbar ist, können Interessierte Institutionen oder Firmen eine Patenschaft für einzelne Kapitel übernemen und somit die Nachhaltigkeit des Vorhabens sichern. Erste Paten sind Evolaris und Credit Suisse. Kleinere Häppchen nehmen die Herausgeber auch über den Online-Bezahldienst Flattr an.

Auch als App und bald als Printversion

Neben der PDF-Version gibt es L3T auch als Apps für iPhone, iPad und Android-Geräte. Geplant sind zudem zwei unterschiedliche Printversionen, die im Mai erscheinen sollen. Die „Bibliotheksversion” gibt es als Hardcover-Ausgabe mit farbigen Abbildungen, die deutlich günstigere „Studierendenversion” als Softcover mit Abbildungen in schwarz-weiß, welche beide als Print-On-Demand-Bände veröffentlicht werden und bereits bestellt werden können – bei Vorbestellung gibt es Preisnachlass. Als eine ernstzunehmende Einnahmequelle sehen die Herausgeber die Printversionen jedoch nicht, als Abnehmer werden in erster Linie Bibliotheken erwartet.

 

Inhaltlich umfasst L3T ein wahrlich breites Spektrum an Themen rund um das Lehren und Lernen mit technischen Hilfsmitteln. Das Buch ist in drei Haupteinheiten gegliedert: Einführung, Vertiefung und Spezial. Im ersten Teil finden sich historische Kapitel beispielsweise zur Geschichte des Hypertexts oder des Fernunterrichts sowie allgemeine Abhandlungen zu Themen wie Mensch-Maschine-Schnittstellen, Didaktisches Design oder internetgestützte Kommunikation im Bildungsbereich sowie Strömungen und Forschungsfragen der Medienpädagogik. In der Vertiefung werden dann die unterschiedlichen Themenbereiche auf ihre konkrete Umsetzung in der pädagogischen Praxis hin beleuchtet. So kommt etwa der Einsatz von Blogs, Microblogs und Podcasts im Unterricht sowie Game Based Learning zur Sprache. Einen Überblick erhält der Leser zudem über aktuelle Studien zur Mediennutzung sowie den Themenkomplex Urheberrecht und Open Access. In der letzten Einheit richtet sich der Focus in erster Linie auf die Umsetzung technologiegestützten Lernens in den unterschiedlichen Bereichen der Bildung vom Kindergarten über Schule und Hochschule bis zum Lernen in Betrieben. Ebenso wird ein Blick auf einzelne Fachdidaktiken geworfen.

Interessanter Ansatz: das Doktorhut-System

Wir konnten noch nicht alle Beiträge lesen, doch bislang hinterlassen die Artikel einen fundierten und leserfreundlichen Eindruck. So gibt etwa das Kapitel Hypertext – Geschichte, Systeme, Strukturmerkmale und Werkzeuge von Rolf Schulmeister, Professor an der Universität Hamburg, einen lesenswerten Überblick zum Thema Hypertext, das insbesondere durch die Darstellung der Entwicklungsgeschichte viel Interessantes zutage bringt. Ein ganzer Haufen von Autorinnen und Autoren zeigt sich verantwortlich für den Artikel zum Thema Blogging und Microblogging in didaktischen Zusammenhängen: Ilona Buchem, Ralf Appelt, Sascha Kaiser sowie die Herausgeber Sandra Schön und Martin Ebner. Nach der Einführung einschlägiger Begriffe aus dem Blogging-Universum, die Einsteigern das Thema von Grund auf nahe bringt, werden verschiedene Einsatzszenarien erörtert und zahlreiche Praxisbeispiele dazu gegeben.

 

Die Kapitel sind durch Hashtags untereinander verknüpft, und insgesamt findet sich zu jedem Hashtag eine Liste mit weiterführenden Links beim Social-Tagging-Service Mister Wong. Ein interessanter Ansatz ist zudem das System, den Anspruch an das Vorwissen des Lesers zu jedem Kapitel zu visualisieren: Am Anfang eines jeden Beitrags findet sich ein Feld mit drei Doktorhüten. Sind sie alle dunkelblau, so handelt es sich um einen Text auf hohem fachsprachlichem Niveau, während ein Hut einen relativ einfachen Zugang auch für Einsteiger signalisiert. Die Einordnung der Texte in die unterschiedlichen Niveaustufen wurde von einer Studentin nach bestimmten Kriterien vorgenommen. Diese evaluiert auch weiterhin das Konzept.

Alles in allem ist das Projekt L3T ein interessanter Vorstoß, und es bleibt zu hoffen, dass es den Initiatoren möglich ist, am Ball zu bleiben und die Texte aktuell zu halten. Für Studierende ist es eine feine Sache, etwa für Hausarbeiten oder als Prüfungsliteratur. Ebenso haben Lehrende an Unis einen umfangreichen Textpool, der frei zugänglich ist.

 

Die einzelnen Kapitel von L3T stehen hier zum Download bereit, einige Kapitel haben wir auch in unsere MediaCulture-Bibliothek übernommen:

 

Blogging und Microblogging. Anwendungsmöglichkeiten im Bildungskontext. (Buchem, Ilona / Appelt, Ralf / Kaiser, Sascha / Schön, Sandra / Ebner, Martin)

 

Simulationen und simulierte Welten. Lernen in immersiven Lernumgebungen. (Jolie, Susan / Katzky, Uwe / Bredl, Klaus / Kappe, Frank / Krause, Dirk)

 

Vom Online-Skriptum zum E-Book. Lehr- und Lernunterlagen als elektronische Bücher. (Nagler, Walther)

Lehrkräfte, Medienbildung, Open Content, Studierende

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