MediaCulture-Online Blog

14.02.2017 | Stephanie Wössner

„Was tun gegen die Digitale Hysterie?“

Referent Georg Milzner; Bild: Christian Reinhold/LMZ

„Die Sorge an der Basis ist ungemein groß“. So beschrieb Georg Milzner, Psychologe und Autor, die Situation angesichts der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft beim Auftakt der Regionalen Medienkompetenztage der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg 2017. Gemeint waren Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräfte und schließlich jeder Einzelne, denn, so Georg Milzner, hier gehe es um Grundfragen, die alle Menschen bewegen.

 

Auf drei Hauptfragen ging Georg Milzner detailliert ein: a) Machen Computer und Internet unsere Kinder gewalttätig und weniger empathiefähig b) Wie sieht es mit der Sucht aus? Und c) was ist mit der Intelligenzentwicklung?

 

Oft wird gewalthaltigen Videospielen vorgeworfen, dass sie Gewalt auslösen und Empathie abbauen und somit Jugendliche, die diese Spiele spielen, negativ beeinflussen. „Die Forschungsergebnisse divergieren gewaltig“. Fest stehe lediglich, dass solche Spiele die Empathiefähigkeit beeinflussen, doch halte dieser Einfluss nur etwa 30 Minuten an. Damit könnten also Amokläufe an Schulen nicht hinreichend erklärt werden. Wissenschaftlicher Konsens sei vielmehr, dass wer nicht ohnehin eine Neigung zu gewalttätigem Verhalten habe, durch kein Spiel dazu verleitet werde. Allein das Spielen eines Ego-Shooters führe nicht dazu, dass man leichtfertig zur Tat schreite. Die Schwelle zu einer Bluttat sei nach wie vor sehr groß, und wer sie übertrete, habe schon viel länger eine dissoziale Grundeinstellung, so Milzner.

 

Übertragen auf die Kommunikation mit Nachrichtenapps wie WhatsApp könne jedoch festgestellt werden, dass sie die Empathie nicht fördern, da es sich um eine Kommunikation ohne direktes Feedback durch Gestik und Mimik handle. Diese fehlende Rückkopplung und die Tatsache, dass das menschliche Gehirn in Folge der menschlichen Evolution auf Kontakte mit maximal 150 Personen ausgelegt sei, könnten erklären, dass es in der digitalen Kommunikation zu Mobbingfällen, Hatespeech und anderen Formen verletzenden Verhaltens komme. Das Gehirn müsse aufgrund der erhöhten Anzahl an Kommunikationspartnern zwangsläufig eine Hierarchie erstellen, was zur Folge habe, dass man sich aus Effizienzgründen nicht immer die „Mühe“ mache, Empathie walten zu lassen. 

Globaldiagnose Mediensucht

Vortrag: Was tun gegen die Digitale Hysterie?; Bild: Christian Reinhold/LMZ

Was den Begriff der Mediensucht angeht, trifft Milzner eine klare Aussage: „Sucht ist ein inflationär benutzter Begriff.“ Eltern und Jugendliche seien von den Auswirkungen einer vermuteten Sucht gleichermaßen mitgenommen. Auslöser von Meinungsunterschieden sei aber vielfach nicht eine reale Sucht, sondern vielmehr das Aufeinandertreffen von zwei unterschiedlichen Grundhaltungen gegenüber Medien, was dazu führe, dass Eltern und Kinder schwer einen Weg zueinander finden.

 

Nicht allein die Dauer des Medienkonsums weise auf eine Sucht hin, sondern die damit verbundene allmähliche Dosissteigerung bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. Oft habe man es eher mit der Begeisterung für eine Sache zu tun, wie dies früher beim Lesen oder beim Sport der Fall gewesen sei. Doch niemand glaube ernsthaft daran, dass eine Sucht vorliege, wenn ein Kind viel liest oder seine gesamte Freizeit auf dem Fußballplatz verbringt. Doch da Medien unter Generalverdacht stünden, werde hier mit zweierlei Maß gemessen, obwohl nachgewiesen sei, dass viele Jugendliche, die einen großen Medienkonsum haben, dies aus Begeisterung tun und dabei sehr munter und aktiv mit Gleichgesinnten kommunizieren. Erst wenn keine Begeisterung mehr wahrnehmbar sei, müsse man sich Sorgen machen.

 

„Derjenige, der unter Suchtverdacht steht, ist ein kompensierender Mensch, der es schwer hat im Leben“, so Georg Milzner. Unsicherheit, kaum Erfolgserlebnisse, fehlende Aufmerksamkeit seien Mängel, die so jemand kompensiere. Dabei gebe es eine klare Parallele von analoger und digitaler Welt im Bereich des sozialen Erfolges. Wer sich in die digitale Welt flüchte, der sei auch dort einsam. Suchverdacht sei aber eine gefährliche Globaldiagnose, die viel zu undifferenziert sei, die Realität verwische und andere Defizite so verschleiere.

 

Auch die Frage, ob Kinder durch den Medienkonsum dumm werden, verneinte Milzner eindeutig. Diese These, die Spitzers These der digitalen Demenz entspreche, sei deshalb falsch, weil Kinder heutzutage über ein anderes Intelligenzprofil und nicht über einen niedrigeren IQ verfügen. Vielmehr steige der durchschnittliche IQ der Menschen stetig an, weil das Wissen für alle gesellschaftlichen Schichten besser zugänglich sei und man auch Wissen brauche, um in der digitalen Welt zu navigieren. Jugendliche nutzen Synergieeffekte und verknüpfen unterschiedliche Informationsquellen so dass am Ende ein neues Produkt stehe, was ja an sich nicht schlecht sei. 

Offenheit gegenüber der jugendlichen Medienwelt

Natürlich sei es für heutige Jugendliche schwer, einen Klassiker von A bis Z zu lesen und zu verstehen. Dies liege jedoch daran, dass sie heute im Internet die wichtigsten Stellen vieler Werke der klassischen Literatur finden können, ohne Wochen damit zu verbringen ein dickes Buch zu lesen. Es gehe um die Faszination, die beim Lesen geweckt werde, nicht um die Länge des Textes. Außerdem sei das Feedbackbedürfnis der heutigen Jugend viel größer. Schuld sei jedoch nicht das Internet, sondern ein erfolgreiches pädagogisches Konzept, welches von der Annahme ausging, dass Feedback zu mehr Lernerfolg führe. Während ein seit Jahrhunderten toter Autor nicht in der Lage sei, Feedback zu geben, stillten digitale Texte und die damit verbundene Kommunikationsmöglichkeit die Bedürfnisse der Jugendlichen sehr viel mehr. Dies erkläre auch den Erfolg von Fantasy-Romanen, so Milzner, denn sie sorgten anders als Klassiker durch ihren Spannungsbogen für ein internes Feedback beim jugendlichen Leser.

 

Bevor man über jugendliche Medienwelten, die einem fremd seien, urteile, so Milzner, sollten Erwachsene lieber Offenheit zeigen und sie sich einmal genau anschauen bzw. zeigen lassen. Denn je weniger man wisse, desto mehr glaube man an eine Gefahr.

 

Spiele fördern nicht nur die räumliche Orientierung, sondern auch strategisches Denken und den Überblick über Systeme. Dies habe mit der klassischen Intelligenz nichts zu tun, es handle sich um ein neues, angereichertes Intelligenzprofil, welches in der heutigen Zeit durchaus hilfreich sei. 

Sich der Digitalisierung anpassen

Bild: Christian Reinhold/LMZ

Milzner warb für Optimismus. Die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringe, zwängen uns dazu, uns anzupassen. Die große Frage sei, wie wir uns anpassen und was wir überhaupt wollen. Momentan wehre sich ein Teil der Menschheit gegen diese Veränderung bzw. stehe ihr verunsichert gegenüber. Sie habe das Gefühl, die Orientierung im digitalen Dschungel verloren zu haben, von relevanten und irrelevanten Informationen überflutet zu werden und plötzlich Kontakt mit tausenden von Personen zu haben. Statt durch diese Überforderung in Hysterie auszubrechen, sei es ratsam, sich mit dieser Situation auseinandersetzen und eine individuelle Lösung für sich zu finden, so wie es auch die heutige Jugend getan habe.

 

In der abschließenden Fragerunde gab es noch einige interessante Themen, die aufgegriffen wurden. So sei es keine Frage des Alters, ab wann man seinem Kind ein Smartphone in die Hand gebe, sondern der Bedürfnisse. Es sei erwiesen, dass Smartphones für Kleinkinder vor allem deshalb interessant seien, weil ihre Eltern das Gerät nicht aus der Hand legen. Denn Aufmerksamkeit werde mit Wert gleichgesetzt. D.h. die Vorbildfunktion der Eltern sei ausschlaggebend beim Wunsch nach Medienkonsum.

 

„Ich glaube daran“, so Milzner, „dass Selbstkompetenz in Zukunft genauso wichtig wird wie Medienkompetenz“. Er fordere in diesem Zusammenhang eine neue Aufmerksamkeitsethik, eine bewusste Selbstwahrnehmung, die auch mit Konsequenzen in Sachen Mediennutzung verbunden sei. So komme es für jeden Einzelnen darauf an, sehr genau zu erkunden, was einem gut tue und wo es zu viel des Medienkonsums oder der Mediennutzung sei. Wenn man zappelig oder unaufmerksam werde, das direkte Gegenüber kaum noch wahrnehme oder gar unter Schlaflosigkeit leide, sollte man über die eigene Mediennutzung – z.B. vor dem Schlafengehen – nachdenken und diese ggf. verändern. Wer noch Sekunden vor dem Licht-Löschen die Nachrichten von Kriegen, Umweltkatastrophen, Finanzkrisen etc. „checke“ brauche sich eigentlich nicht zu wundern, wenn er nicht schlafen könne.

Außerschulische Pädagogik, Eltern, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Tagungsdokumentation

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