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14.06.2017 | Nora Brockamp

Tote Mädchen lügen nicht – Suizid und Cybermobbing

Bild: Netflix

Über die neue Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ wurde in der Presse wegen Suizidgefährdung stark debattiert. Am Ende fast jedes Artikels: Der Hinweis auf Beratungs- und Seelsorgestellen. Dabei war das Ziel der Filmemacher Prävention.

 

Die Protagonistin Hannah Baker hinterlässt nach ihrem Suizid sieben Audiokassetten, auf denen sie 13 Gründe nennt, warum sie ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Schuld sollen Menschen aus ihrem Umfeld sein. Als ihr Mitschüler Clay das Päckchen mit den Tapes zwei Wochen nach ihrem Tod erhält, muss er sich mit den dunklen Geheimnissen der Verstorbenen und ihren gemeinsamen Mitschülerinnen und Mitschülern auseinandersetzen.

 

Interessant zu der in den Medien aufgekommenen Debatte zu wissen: Die Serie basiert auf dem Roman von Jay Asher, welcher bereits vor zehn Jahren auf Englisch erschien und vielerorts in Deutschland als Schullektüre genutzt wurde.

Angst vor dem Werther-Effekt

Die Protagonistin Hannah Baker könnte Identifikationspotential bieten. Bild: Netflix

Das Medienecho zu der am 31. März veröffentlichten High-School-Serie, fällt sehr kontrovers aus. Sie wurde mehrfach kritisiert und wird von verschiedenen Experten aus Psychologie und Suizidprävention als Gefahr wahrgenommen. Befürchtet wird in diesem Zusammenhang der Werther-Effekt. Damit ist die Folge von sich häufenden Suiziden nach einer ausführlichen Bearbeitung eines Selbstmords in den Medien gemeint.

 

Zurück geht diese Beobachtung auf eine Reihe von Selbstmorden, nachdem Goethe 1774 „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlicht hatte. Zur Nachahmung sollen aber nicht die Thematisierung des Suizids an sich, sondern eine detaillierte Beschreibung der Selbsttötung, die Dramatisierung des Geschehens sowie die Heroisierung der sich umbringenden Person, führen.

 

Experten nennen in Bezug auf die Serie noch weitere Probleme: Die Figur Hannah Baker scheint psychisch gesund zu sein und „nur die äußeren Umstände“ treiben sie zu ihrer Entscheidung. Hier sehen Experten ein hohes Identifikationspotential Jugendlicher mit beispielsweise Mobbingerfahrungen. Sie sagen aber auch, dass ein gesunder Mensch durch die Serie nicht suizidgefährdet wird, das Risiko für psychisch kranke jedoch hoch sei. Auch die scheinbare Klarheit der Entscheidung der Protagonistin sowie die Anerkennung, die sie posthum durch die Auseinandersetzung mit ihren Kassetten bekommt, wird kritisiert.

Nicht alles ist schlecht

Bild: Statista_com, Lizenz: CC BY-SA

Auf der anderen Seite stehen viele Befürworter der Serie. Denn was von den Kritikern nicht erwähnt  wird, ist die große Bandbreite an anderen Themen, die die Serie ehrlich anspricht und realitätsnah darstellt. Dazu gehören unter anderem (Cyber-)Mobbing, Zukunftsängste, Sexting, Stalking, Vergewaltigung, Drogen, Gewalt, Homosexualität und falsche Schönheitsideale. Insbesondere Szenen zu (Cyber-)Mobbing bieten eine hervorragende Ausgangslage zur Diskussion. Leider stellt Netflix nur ausgewählte Dokumentarfilme für Bildungszwecke zur Verfügung, sodass man diese Ausschnitte nicht für den Unterricht nutzen kann.

 

Auch die Macher der Serie schalteten sich in die Debatte ein. Netflix platzierte Warnungen vor Folgen mit möglichen Triggereffekten. Die Co-Produzentin Selena Gomez äußerte sich öffentlich zur Debatte und betonte, dass sie das Ziel hatten zum Nachdenken anzuregen und für die Themen Jugend-Suizid und Mobbing zu sensibilisieren. Es sei ihnen wichtig gewesen, das Thema ehrlich und realistisch zu bearbeiten. Sie zeigte aber auch Verständnis für die Debatte.

 

Trotz dieser recht negativen Themen war die Serie laut Statista im April mit deutlichem Abstand Deutschlands beliebteste Serie. Unter den Zuschauern sind auch viele junge Leute. Deutlich wird das an zahlreichen Twitter-Tweets und jugendlichen Mitgliedern in Fangruppen auf Facebook. Verwunderlich ist das nicht. Schließlich sind auch die Protagonisten der Serie jung.

Suizidprävention mit Hilfe der Serie?

Unabhängig davon, wie man zu der Serie steht, bietet sie jede Menge Diskussionspotential für die Schule. Ignorieren kann man sie jetzt, wo sie bereits veröffentlicht ist, nicht mehr. Jugendliche mit der Serie allein zu lassen, stellt in jedem Fall eine größere Gefährdung dar, als sie zu thematisieren. Experten raten daher, die Serie als Elternteil möglichst gemeinsam mit den Jugendlichen zu schauen, über das Gesehene zu sprechen und Fragen zu beantworten. Nicht zu verachten ist schließlich auch der Papageno-Effekt. Dieser meint, dass Medien auch suizidpräventiv wirken können, wenn über Menschen berichtet wird, die Suizidgedanken hatten und einen Weg davon weg gefunden haben.

 

Eine Schule in den USA hat diesen Effekt hervorragend umgesetzt. An 13 Tagen erzählten Schülerinnen und Schüler über die Lautsprecheranlage ihrer Schule von schweren Zeiten, die sie erlebt hatten und bedankten sich bei den Menschen, die ihnen wieder herausgeholfen hatten. Darunter war auch ein Junge, dessen Schwester sich das Leben genommen hatte und der selbst mit Suizidgedanken gespielt hatte.

 

Natürlich ist das ein Projekt, das nur funktioniert hat, weil die Schülerinnen und Schüler den Mut hatten, sich der ganzen Schule zu offenbaren. Dennoch gibt es Möglichkeiten, auch in der eigenen Schule auf einfache Weise Suizidprävention zu betreiben, insbesondere, wenn die Serie bereits Thema unter den Schülerinnen und Schülern ist. Eine gute Hilfe kann dabei der aufklärende Leitfaden zur Serie sein, der von der weltweiten Organisation zur Suizidprävention „Save“ veröffentlicht wurde und inzwischen auch auf Deutsch verfügbar ist.

Bei Suizidgefährdung und Cyber-Mobbing richtig handeln

Wer als Lehrerin oder Lehrer mehr über das Thema Suizid und zum richtigen Umgang mit Suizidgefährdeten wissen möchte, kann hier fündig werden. Ein kurzer Leitfaden dazu findet sich hier.

 

Zum ebenfalls im Film präsenten Thema „Cyber-Mobbing“ finden Sie Informationen auf unserer Themenseite. Informationen zu Prävention und Intervention finden Sie hier.

Außerschulische Pädagogik, Cybermobbing, Eltern, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte

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