MediaCulture-Online Blog

20.09.2017 | Nora Brockamp

Neue Formen des Journalismus – Was das Netz uns gebracht hat

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Lügenpressevorwürfe, schwindende Zeitungsabonnenten, fehlende Gelder. Der klassische Journalismus hat heutzutage mit verschiedensten Herausforderungen zu kämpfen. Das Internet hat zu einer ständigen Abrufmöglichkeit von zahlreichen Artikeln unterschiedlicher Verlage geführt. Dem setzen die Zeitungen notgedrungen Werbeblockerverbote und kostenpflichtige Online-Abonnements entgegen. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser im Netz gibt jungen Formaten die Chance, neue Journalismusformen zu entwickeln und zu verbreiten. So entsteht eine Vielfalt journalistischer Beiträge im Netz.

Die Digitalisierung hat auch Nachteile. Wirft man einen Blick auf das Faktenquiz #whatthefact, ertappt man sich unter Umständen selbst bei Falschannahmen. Denn durch die Möglichkeit der Dokumentation von Ereignissen mit dem eigenen Smartphone und die einfachen Verbreitungsmöglichkeiten im Internet wird insgesamt mehr über negative anstatt positive Geschehnisse berichtet. So scheint es, als würden sich Umstände generell verschlechtern. Gleichzeitig gehen die Zahlen von beispielsweise jungen Gewalttätern zurück. Mehr Nachrichten führen also auch zu einem Empfinden von mehr Ereignissen in Bezug auf bestimmte Themen, wie zum Beispiel Gewalt. Auch Fake News und Verschwörungstheorien finden viel schneller Verbreitung im Netz, als es noch zu analogen Zeiten der Fall war.

 

Die schnelle Verbreitung von Wissen und Informationen und der einfache Zugang für jeden bringt aber natürlich auch enorme Vorteile mit sich: Jeder hat die Möglichkeit, Quellen zu überprüfen. Im Netz ist es möglich, immer auf dem neuesten Stand zu sein. Medien kontrollieren und beeinflussen auch die Politik und jeder kann daran teilhaben. Ein gutes Beispiel hierfür bietet Tilo Jung von Jung und Naiv. 

Jung und Naiv, MrWissen2go – Zwei Beispiele für frischen Wind über YouTube

Da sitzt seit einer Weile ein junger Mann jede Woche in den Bundespressekonferenzen und macht „Politik für Desinteressierte“: Er stellt naive Fragen. Tilo Jung fragt bei Jung & Naiv, was seine Abonnenten auf YouTube interessiert und hakt bei Themen nach, wo die Bundesregierung sich lieber ausschweigen möchte. Außerdem führt er regelmäßig Interviews auf Augenhöhe, bei denen er Politiker aus der Reserve lockt und seinen Zuschauern durch lange Interviewformate ein Gesamtbild über die Personen ermöglicht. Seine Inhalte stehen kostenlos im Netz zur Verfügung – Er lebt von Spenden.


Ebenfalls auf YouTube unterwegs ist MrWissen2go. Er erklärt und beantwortet Fragen zu Gesellschaft, Politik und Geschichte. Sein derzeitiges Hauptthema: natürlich die Bundestagswahlen. Er wird seit einer Weile vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezahlt, denn er gehört nun zum Jugendfernsehen Funk.

Crowdspondent, Krautreporter und Co. – „Unabhängiger Journalismus“

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Unter der Fahne des unabhängigen Journalismus versuchen viele junge Journalisten, den Markt für sich zu erobern. Ein Beispiel dafür ist Krautreporter, deren Artikel man nur vollständig lesen kann, wenn man sie im Abo für wenig Geld monatlich bezieht. Täglich erscheint ein Artikel aus den Bereichen Politik und Gesellschaft. Großen Wert legt Krautreporter darauf, mit ihren Artikeln Zusammenhänge zu erklären. Ein monatlich erscheinendes Format sind die guten Nachrichten des jeweiligen Monats. Ermutigendes als Gegenpol zu all den kritischen und schlechten Neuigkeiten.


Wie viele YouTuber auch, fragen Crowdspondent ihre Zuschauerinnen und Zuschauer sowie Leserinnen und Leser, worüber sie berichten sollen. Sie wollen wissen, für welche Themen die Menschen in Deutschland sich interessieren. Dann sammeln sie Geld über eine Crowdfunding-Kampagne. Ist diese erfolgreich (und das war sie bisher immer) widmen sich die beiden Journalistinnen für einen längeren Zeitraum einem Thema, das sie von verschiedenen Facetten aus betrachten.


Solche innovativen Formate unterstützen Menschen offensichtlich gerne auch finanziell. Und sie sorgen damit für eine größere Meinungsvielfalt und verbreiten Informationen zu Themen, die von den großen Medienhäusern unter Umständen nicht so stark aufgearbeitet werden. Noch einen Vorteil haben sie: Sie sind näher an den Menschen und transparenter als die großen Medien oft scheinen. 

Aufwachen! und Die Lage der Nation – Politpodcasts

Nicht nur in Schrift und Bewegtbild entwickeln sich im Netz Alternativen. Podcasts bieten Alternativen zum herkömmlichen Radiojournalismus. In Die Lage der Nation fassen Philip Banse und Ulf Buermeyer einmal wöchentlich objektiv politisches Geschehen zusammen und kommentieren es anschließend. Außerdem integrieren sie Hörerfeedback und lassen Experten zu Wort kommen.

 

Doch sie sind nicht der einzige (übrigens spendenfinanzierte) Politpodcast. Der Podcast Aufwachen! von Stefan Schulz und Tilo Jung (derselbe, wie von Jung & Naiv) beobachten ebenfalls das politische Geschehen und kommentieren es. Dabei haben sie immer wieder Gäste dabei. Ihr Augenmerk liegt jedoch nicht allein auf dem politischen Geschehen.

Übermedien, Aufwachen! – Medien kritisieren Medien

Die Macher des Aufwachen-Podcasts kommentieren jedoch nicht nur die Politik. Ursprünglich lag ihr Augenmerk auf etwas anderem: Sie üben Medienkritik an den öffentlich-rechtlichen Fernseh-Nachrichtenformaten aus. Welche Sprache verwenden die Moderatoren von ZDF und ARD? Über welche Seiten eines Themas berichten sie, welche lassen sie aus? Medien kritisieren andere Medien. Damit leisten die Macher des Podcasts Arbeit, die sich die, die „Lügenpresse!“ ausrufen, nicht machen: Sie üben konstruktive Kritik.


Das machen auch die Autoren von Übermedien. Sie analysieren neben dem Fernsehen jedoch auch Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Internet. Für wenig Geld kann man die Beiträge von Boris Rosenkranz und Stefan Niggemeier regelmäßig vollständig lesen. Mit einer Woche Geduld auch kostenlos. Durch so manche investigative Recherche konnten sie bereits Interessantes aufdecken.

Kann heute jeder Journalist sein?

Twitter ist inzwischen ein alter Hase, Blogs sind auch kein Neuland mehr. Doch das Internet bietet jedem die Möglichkeit, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen und Informationen weiterzugeben. Whistleblower enthüllen unlautere Praktiken in ihren Unternehmen. Auf YouTube werden Handyvideos von dramatischen Ereignissen veröffentlicht, sodass jeder sich ein Bild machen kann, was vor Ort passiert ist.


Die unzähligen Verbreitungsmöglichkeiten können natürlich auch missbraucht werden. Neben den vielen objektiven unabhängigen Journalisten veröffentlichen auch politisch rechts gesinnte und demokratie- oder fremdenfeindliche redaktionelle Beiträge. Mit „Unabhängig“ meinen sie jedoch nicht gänzlich unabhängig von Lobby, Politik, und Medienhäusern, sondern lediglich die Abgrenzung zur von ihnen oftmals betitelten Lügenpresse.


Pädagoginnen und Pädagogen sollten unabhängigen Journalismus thematisieren. Junge Menschen müssen erkennen, dass die vierte Gewalt auch ein Sprachrohr und Möglichkeit zur Partizipation sowie Kontrollinstanz von Politik ist.

 

Weitere Beiträge zur Informationskompetenz finden Sie hier.

Außerschulische Pädagogik, Lehrkräfte, MCO_Blog, Medienbildung, Schreiben / Recherchieren

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