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09.02.2017 | Jiří Hönes

Markus Gerstmann: „YouTube – mehr als ein Hype?“

Markus Gerstmann vom ServiceBureau Jugendinfo Bremen; Bild: Christian Reinhold/LMZ

„YouTube – mehr als ein Hype?“ war der Titel von Markus Gerstmanns Vortrag beim Auftakt der Regionalen Medienkompetenztage der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg am 7. Februar 2017 im Stuttgarter Haus der Wirtschaft. Der Referent vom ServiceBureau Jugendinformation in Bremen gab einen Überblick über aktuelle YouTube-Phänomene in der Jugendkultur und zeigte Möglichkeiten auf, wie man diese Trends in der pädagogischen Arbeit aufgreifen kann.

 

Mit Blick auf die jugendliche Internetnutzung verwies er auf die aktuelle JIM-Studie, derzufolge YouTube mit Abstand das beliebteste Online-Angebot bei Jugendlichen ist – vor Whatsapp, Facebook und Instagram. „Das ist eigentlich eine Suchmaschine für Jugendliche, weil man dort relativ viel finden kann“, so Gerstmann. Am beliebtesten sind dabei Musikvideos, gefolgt von „lustigen Clips“, Let’s-Play-Videos sowie Beauty- und Sportvideos. Gehe er jedoch an eine Schule und frage die Jugendlichen, ob sie YouTube auch für die Schule nutzen, so seien das in der Regel nicht mehr als zehn Prozent. „Ich sage immer: Warum nutzt ihr das nicht für die Schule?“ Es gäbe auf YouTube genügend Angebote, um die peinliche fünfte Nachfrage im Matheunterricht zu vermeiden. Frage man dann jedoch, wer YouTube für informelles Lernen nutze, dann gingen plötzlich die Hände hoch. Für das Hobby, für den Sport, zum Gitarre lernen, werde die Plattform rege genutzt.

Sehr dynamische Szene

Die freekickerz kollaborieren regelmäßig mit verschiedenen Fußball-Stars.

Im Anschluss stellte Gerstmann einige aktuell unter Jugendlichen beliebte YouTuber/-innen vor. Er merkte an, dass der Markt so schnell sei, dass man diese Liste ständig erneuern könnte. Als sehr berühmte Beispiele nannte er den Let’s-Player Gronkh, „ein sehr charmanter Mann, der das wirklich auch gut überträgt, was er da macht“, oder DieLochis, deren Konzert er selbst besucht habe. „Musikalisch kann man darüber streiten“, so Gerstmann, es sei jedoch für Jugendliche ansprechende Musik und „es geht um Themen, die sie interessieren“. Deren Song „Durchgehend online“ benutzen Gerstmann und seinen Kolleg/-innen gerne bei der Arbeit mit Jugendlichen, wenn es um Mediennutzungszeiten geht: „Da zeigen wir den Clip und fragen sie, wie sie sich selber einschätzen und was Erwachsene dazu sagen.“ So habe man einen Einstieg in die Diskussion ohne erhobenen Zeigefinger.

 

Dass durchaus gesellschaftsrelevante Themen von den YouTube-Stars aufgegriffen werden, zeigte Gerstmann an unge, der für den WWF aus dem Regenwald berichtete, und Dner, der für das ZDF-Online-Format Funk vor der Präsidentschaftswahl durch die USA reiste und sich mit den Sorgen der dortigen Jugend auseinandersetzte. „Ich fand das beeindruckend, dass ein junger Mann, der vorher nur Let’s Play und recht alberne Sachen gemacht hat, auf einmal einen so interessanten Beitrag gebracht hat.“ Den momentan erfolgreichsten YouTube-Kanal in Deutschland betreiben die freekickerz mit über fünf Millionen Abonnenten. Der Kanal bringt Videos über Fußballtricks, Techniken, Anleitungen etc. und arbeitet mittlerweile mit Stars wie Manuel Neuer zusammen. Für Interessierte haben Gerstmann und sein Team eine über achtstündige Playlist zusammengestellt, auf der sich aktuell unter Jugendlichen angesagte Videos finden.

Sinnloser Zeitvertreib?

Screenshot eines Hauls auf Bibis YouTube-Channel.

Gerstmann stellte sich die Frage: „Ist es denn nur ein sinnloser Zeitvertreib, wenn sich die Jugendlichen nach der Schule YouTube-Videos anschauen? Ist das nur Blödsinn oder doch etwas anderes?“ Er warf den Blick auf die bekannte YouTuberin Bibi: „Meiner Meinung nach gibt sie wichtige Antworten für Teenager. Sie macht Dinge, die Teenager gerne tun, alberne Aktionen wie mit Einkaufswagen skaten oder Ballons platzen lassen, dann hat sie aber auch Themen dabei, etwa dass Mädchen plötzlich ihre Tage kriegen und verbindet das mit Werbung für Always. Sie gibt wichtige Antworten auf Fragen junger Mädchen, die sie vielleicht nicht mit ihren Eltern diskutieren möchten“, so Gerstmann. Beliebt sei auch der von einem Sexualpädagogen betriebene Aufklärungskanal 61MinutenSex.

 

YouTube komme zudem eine Funktion bei der Peer-Education zu, etwa wenn Jugendliche sich einen Fischgrätenzopf flechten möchten und die Eltern keinen Schimmer davon haben, wie sie das erklären sollen oder was das überhaupt ist.

 

Ein großes Thema für die pädagogische Arbeit sieht Gerstmann in der Kommerzialisierung: „Wenn man sich zum Beispiel anschaut, was Bibi da macht, dann ist das immens. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht super erfolgreich, aber eben auch kritisch zu hinterfragen.“ 4,3 Millionen Abonnenten hat die YouTuberin mittlerweile, ihre Videos wurden über 10 Milliarden Mal angeklickt. Es geht also um Wertschöpfung im Millionenbereich. „Sie hat eigene Kosmetikprodukte und ihr ‚Bibi-Phone‘ herausgebracht, das ist ein kapitalistisches System, wo wir aufgefordert werden, Produkte zu kaufen. Das ist natürlich eine Sache, die wir beleuchten und mit den Jugendlichen besprechen müssen: ‚Ist sie echt oder ist sie gekauft von der Wirtschaft?“

 

Einen Blick müsse man zudem auf die parasozialen Beziehungen werfen, die YouTube-Stars zu ihren Fans aufbauen. Durch die ständige Präsenz in verschiedenen sozialen Medien entstehe bei den Fans das Gefühl, die Stars persönlich zu kennen und zu einer Gruppe zu gehören. Da heißt es dann: „Ich weiß was Bibi tut, Bibi nimmt mich ins Bad mit.“ Das wird dann immer noch angefüttert: „Ihr seid die tollste Community! Nichts auf der Welt kann uns trennen!“ Diese Beziehung zu Stars und die Zugehörigkeit beispielsweise zu Fangruppen seien für Teenager ungemein wichtig, das nehme teilweise schon einen „Sektencharakter“ an. Das seien Themen, die man unbedingt mit Jugendlichen ansprechen müsse.

Ideen für die Praxis

Auf konkrete Möglichkeiten, wie man das Thema mit Jugendlichen in der pädagogischen Praxis bearbeiten kann, kam Gerstmann ebenfalls zu sprechen. Dabei biete es sich an, an die klassische praktische Videoarbeit anzuknüpfen, aber eben andere Videos zu drehen, etwa Tutorials, die sich bekanntermaßen großer Beliebtheit erfreuen. Er plädierte zudem für einen ironischen Zugang zu Phänomenen wie den Hauls, bei denen YouTuber ihre Einkäufe präsentieren, oder Unboxing-Videos, in denen das Auspacken neuer Gadgets wie Smartphones vor der Kamera zelebriert wird.

 

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Jugendlichen Portraits bestimmter YouTube-Stars erstellen: Sie recherchieren Dinge wie: Wieviel verdient er? Welcher Konzern steckt dahinter? Für wen macht er Werbung? Wo ist er sonst noch zu sehen? „Wenn da jemand einen YouTuber vorstellt, dann sind sie sofort in der Diskussion“, so Gerstmann. Die Pädagogen sollten dabei lediglich als Moderator auftreten und zum Reflektieren anregen. „Tun sie sich das nicht an und versuchen Sie nicht, Jugendlichen Ihr mühsam angeeignetes Wissen über YouTuber zu vermitteln. Das ist sowieso bald veraltet. Das Wissen haben die Jugendlichen, Sie sind diejenigen, die nachfragen und zum Nachdenken anregen.“

 

Sein Fazit: „Wir als Fachkräfte müssen diese Fankultur akzeptieren, müssen die parasozialen Interaktionen und Beziehungen von den YouTubern und den Rezipienten anschauen und ökonomische Interessen aufzeigen.“

 

Lesen Sie zum Phänomen YouTube auch den Beitrag YouTube: Starkult und Konsumrausch von Henriette Carle im MediaCuture-Blog. In unserer Bibliothek finden Sie zudem Texte von Nicola Döring: Professionalisierung und Kommerzialisierung auf YouTube sowie Die YouTube-Kultur im Gender-Check.

Handouts

Markus Gerstmann: YouTube – Mehr als ein Hype? (Präsentation)

Außerschulische Pädagogik, Eltern, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Medienbildung, Soziale Netzwerke, Tagungsdokumentation, Video

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