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24.05.2017 | Jiří Hönes

Bleistube: Mit Rap-Texten schwierige Erfahrungen verarbeiten

Im Studio Bleistube werden Songs mit persönlichen Texten aufgenommen und später auch auf YouTube veröffentlicht. Bild: Benjamin Bohnert

Der Sozialpädagoge Benjamin Bohnert arbeitet mit Jugendlichen an Rap-Songs und verfolgt dabei einen sprachtherapeutischen Ansatz. In ihren Texten verarbeiten sie Erlebnisse und Erfahrungen, über die sie ansonsten kaum sprechen.

 

Am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) ist Benjamin Bohnert als SMEP-Referent und Verfasser des SMEP-Raps  zum zehnjährigen Jubiläum des Programms bekannt. In seinem Projekt Bleistube arbeitet er mit Jugendlichen aus zum Teil schwierigen sozialen Verhältnissen, für die er Rap-Workshops anbietet. Sein Ansatz: Vielen fällt es schwer, über belastende Erlebnisse, beispielsweise in der Familie zu sprechen. Beim Schreiben dagegen sinkt die Hemmschwelle und Menschen finden eher einen Zugang zu sich selbst. Rap-Musik wiederum hat auf viele Jugendliche eine hohe Anziehungskraft und bietet ihnen eine angemessene Ausdrucksform. Dabei entstehen bisweilen richtig gute Songs mit sehr persönlichen Texten, die mitsamt Videos auf YouTube veröffentlicht werden.

 

Bohnert arbeitet schon länger an der Schnittstelle von Rap und Pädagogik. So hat er schon so manchen Rap-Song zu Schulthemen für sein Projekt Rap|Art|Schule produziert , etwa „Die vier Fälle“. Die Songs sollen den Schülerinnen und Schülern einen motivierenden Zugang zu typischen „Auswendiglernthemen“ geben. Vor einigen Jahren erhielt er von einer Schule die Anfrage, ob er einen Rap-Workshop organisieren könne. In seiner Abschlussarbeit an der Pionier Akademie Meiningen schließlich begann er, den Ansatz der Schreibtherapie mit Rap-Texten zu verbinden: „Mir wurde bewusst, dass Jugendliche sich sehr gut im Sprechgesang ausdrücken können. Dieses Potenzial wollte ich pädagogisch nutzen“, so der Sozialpädagoge.

Persönliche Themen statt Gangster Rap

Für den Stadtjugendausschuss Karlsruhe organisierte er weitere Rap-Workshops. Er versuchte die Jugendlichen dazu zu inspirieren, vom „typischen Gangster Rap“ wegzukommen und mehr persönliche Themen aufzugreifen. Dass er einen sprachtherapeutischen Ansatz verfolgte, hat er gegenüber den Jugendlichen gar nicht erwähnt. „Sie haben oft keinerlei Hemmungen beim Schreiben und sind recht offen. Sie schreiben zum Beispiel über ihre Vergangenheit, etwa die Beziehung zu ihren Eltern. Einer hat über den Hass auf seinen Vater geschrieben und konnte dadurch Aggressionen verarbeiten, sie quasi kompensieren, indem er sie in den Song gepackt hat“, berichtet er.

 

In einem nächsten Schritt inspirierte Benjamin Bohnert die Jugendlichen dazu, über ihre Zukunft zu schreiben: Welche Träume und Wünsche haben sie? „Das war sehr interessant. Der Grundtenor ging dahin, dass sie sich eine intakte Familie, eine stabile Beziehung und Kinder wünschen, eigentlich recht geregelte Verhältnisse. Manch einer wünschte sich, einmal ein besserer Vater zu sein als sein eigener es war.“

Auch Geflüchtete nahmen an Workshops teil

Die Teilnehmer rappten beispielsweise über Träume und Wünsche für ihre Zukunft. Bild: Benjamin Bohnert

Manche der Jugendlichen in seinen vergangenen Workshops hatten einen Fluchthintergrund und brachten daher teils traumatische Erfahrungen mit. Viele hatten Gewalt erlebt, auch innerhalb der Familie, oder Angehörige verloren. „Über das Schreiben hatten sie einen besseren Zugang zu diesen schwierigen Themen, als wenn sie darüber sprechen“, so Bohnert, „man findet heraus, was sie berührt und geprägt hat.“

 

Die Jugendlichen, die an seinen Workshops teilnehmen, haben nur zum Teil bereits einen musikalischen Hintergrund. „Jungs, die schon mit Hip Hop zu tun haben, fühlen sich natürlich besonders angesprochen. Oftmals sind ein bis zwei Jugendliche Feuer und Flamme für das Projekt und ziehen dann andere mit, die musikalisch gar nicht so aktiv sind. Manche schreiben einen Song und sind dann glücklich, andere entwickeln konkrete Visionen und finden so zu ihrem Hobby.“ Manche kommen jedoch auch schon mit der Vision in den Workshop, dass sie einmal Rap-Star werden. „Interessanterweise waren viele davon am Ende des Workshops offener für einen Plan B, eine ‚normale‘ Berufsausbildung“, berichtet der Pädagoge.

Freie Beats aus dem Netz

Die Beats, auf die die Teilnehmerinnen (deren gibt es auch welche, wenngleich die Workshops meist zahlenmäßig von Jungs dominiert werden) und Teilnehmer rappen, stammen meist von Online-Plattformen wie rappers.in, auf denen Produzenten ihre Werke zur kostenlosen Verwendung anbieten. Ben Bohnert produziert zwar auch selber Beats, jedoch lange nicht genug, um alle Texte der Jugendlichen zu Songs zu machen, wie er verrät.

 

Die Arbeit mit Sprechgesang und Sprachtherapie hat er zunächst oft ehrenamtlich geleistet. Mittlerweile führt er die Workshops auch im Rahmen seiner Tätigkeit beim Institut für transkulturelle Lösungen (ITL) in Karlsruhe durch. Informationen und weitere Songbeispiele finden Sie auf Ben Bohnerts Webseite zum Projekt Bleistube.

Audio, Außerschulische Pädagogik, Geflüchtete / Migranten

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