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15.11.2016 | Anja Franz

Ingrid Brodnig: „Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Was tun gegen Cyberhass? Wie entsteht ein „Shitstorm“? Was bedeutet „I did it for the LULZ“? Wodurch entstehen „Filterblasen“ und „Echokammern“ in Sozialen Netzwerken? Und was können wir mit Hilfe konsequenter Rechtsprechung und Zivilcourage gegen verbale Netzbeschmutzung ausrichten? Diese Fragen und viele mehr beantwortet Ingrid Brodnig in ihrem Buch „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ (Brandstätter Verlag, erschienen am 18.04.2016).


Die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig schreibt für die Zeitschrift „Profil“ in Österreich und verfasste mit dem vorliegenden Buch bereits ihr zweites Werk. Im ersten schrieb sie über den unsichtbaren Nutzer und die Folgen in “Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert” (Czernin-Verlag, Januar 2014). Auch in der Oktober Ausgabe 2016 von „Profil“ findet die Journalistin deutliche Worte in ihrer Titelstory: „Warum wir Facebook fürchten und lieben“.

Gibt es eine ultimative Lösung gegen Hass im Netz?

In ihrem aktuellen Buch befasst sich Brodnig mit dem Brennpunktthema „Hass im Netz“. Doch von Beginn an stellt sie klar: „Es gibt kein Allheilmittel, um andere Menschen umzustimmen. Aber es gibt kluge Ansätze und gute Ideen, wie man auf irreführende Rhetorik antworten kann – ich habe einige zusammengetragen.“ (S. 9). So erhebt sie keinen Anspruch auf eine ultimative Lösung, aber vermeldet: „Es lohnt sich, das Internet als das zu verteidigen, was es eigentlich sein sollte – ein Ort der Aufklärung.“ Dieser lohnenden Aufgabe ist Brodnig mit ihrem aufklärenden Werk nachgegangen.

 
Ingrid Brodnig gliedert ihr Buch in drei Teile: zunächst benennt sie wissenschaftliche Grundlagen, dann typologisiert die Autorin „untergriffige“ User (österreichisch für beleidigen, S. 10), zuletzt beschreibt sie die Methoden der Glaubenskrieger oder Trolle und liefert Tipps gegen „Hass im Netz“. Zu Beginn berichtet die Autorin aus Graz über fehlende Empathie im Netz, die durch die netztypische Anonymität oder Kommunikation in Schriftform geradezu herauf beschworen wird. Brodnig führt als Beleg den von John Suler (Rider University) beschriebenen „Online-Enthemmungs-Effekt“ an und geht diesem Phänomen auf den Grund. Dazu nahm sie Kontakt mit „enthemmten“ Nutzerinnen und Nutzern auf und interviewte diese. Dabei sprach eine „besorgte Bürgerin“ beispielsweise über ihre Verunsicherung, vermittelte spürbar ihre Angst und Zweifel. Für Ingrid Brodnig war ein derartiges Telefoninterview ein Schlüsselmoment und veranlasste sie zu diesem Buch.

Zivilcourage und Humor helfen gegen Hatespeech

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Einen großen Nutzen für den Leser/-innen stellen die vielen praktischen Tipps der Autorin dar. Ingrid Brodnig beschreibt beispielweise die direkte Ansprache von Tätern und Hinweise auf Fehlverhalten: „Ich antworte gern auf Ihre Bedenken, wenn Sie Ihre Nachricht nochmal schicken könnten, ohne dabei ausfällig zu werden.“ (S. 20). Auch wäre Humor dienlich, eine erhitzte Diskussion in eine neue Richtung zu führen: „Gerade im Internet stellt Humor eine Chance dar: Man kann damit die Stimmung rasch ein bisschen lockerer machen oder zumindest zwischenzeitig die Aggression ausblenden sowie raue Töne etwas abfedern.“ (S. 177) Humor stellt dem Menschen einen Schutzmechanismus zur Verfügung, so die Autorin, so dass Distanz zur eigenen Wut geschaffen werden kann.  


Das sogenannte „Silencing“ beschreibt Brodnig genauer. Und zum besseren Verständnis der Mechanismen erläutert sie die Motive von „Trollen“ oder „Glaubenskriegern“. So wenig nachvollziehbar diese zwar sind, hilft der genaue Blick auf Hintergründe, um sich anschließend gegen Angriffe zur Wehr zu setzen. Wollen manche Hassredner sich einfach nur amüsieren, sind andere von Verschwörungstheorien Getriebene. Letztere fühlen sich von Gegenpositionen geradezu angestachelt, bis dann auch der Letzte die Lust auf eine Diskussion verloren hat. Dann herrscht Ruhe, das sogenannten „Silencing“ (S. 97 und ab S. 153) – die Stille, die nach fortwährenden Pöbeleien eintreten kann. 

Falsch verstandene Meinungsfreiheit

Doch wie verhält es sich mit der oft genannten „Zensur“ oder „Lügenpresse“? Auch darüber klärt Brodnig auf. Wenn Nutzer/-innen wegen ihres Geschlechts, Hautfarbe, sexueller Vorlieben oder einfach nur weil sie im öffentlichen Leben stehen, beleidigt werden, so sind das tatsächliche Übergriffe und Rechtsverletzungen (ab S. 159) und dies hat mit Aufklärung oder falsch verstandener Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun. Dann handelt es sich um üble Nachrede, Verleumdung bis hin zur Volksverhetzung (S. 160/161).

 

Wie sieht es aber mit den Betreibern aus, fragt die Autorin verständlicherweise und nimmt diese in die Verantwortung. Denn häufig bleiben Anfragen auf Löschung von Hassreden, der Wunsch nach Unterstützung oder die Forderung nach Herausgabe von Täterdaten unbeantwortet. Solche Fälle müssen inzwischen leider häufig gerichtlich geklärt werden (ab S. 159). Dann hilft oft nur noch der deutliche Hinweis auf diese herabwürdigende Rhetorik. Zwar hält das Täter kaum zurück, doch alle anderen erfahren unmissverständlich, dass Hass im Netz inakzeptabel ist. Doch Ingrid Brodnig rät allen von Hass Betroffenen, in gravierenden Fällen unbedingt Anzeige zu stellen. Denn: „es ist sinnvoll, juristisch gegen derartige Falschmeldungen vorzugehen; wenn Lügen als Waffe eingesetzt werden, sollen sich die Betroffene auch dagegen wehren“ (S. 145).

Brauchen Glaubenskrieger keine überprüfbaren Quellen?

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Im Buch klärt Brodnig auch über bewusste Lügengeschichten auf, sogenannte „Hoaxes“ (S. 122). Diese Falschmeldungen sind dadurch erkennbar, indem man prüft: „Basiert die Nachricht auf einer verlässlichen und identifizierbaren Quelle?“ (S. 131). Denn häufig legt der berufene „Glaubenskrieger“ einfach fest, diese wichtige Meldung bedarf keiner echten Quelle. Es reicht, diese Geschichte hätte passieren können. Dann liest es sich im „Leserkommentar“ so: „eine Freundin der Tante hat beobachtet,…“ In der nächsten Meldung mit fast gleichem Wortlaut heißt es: „Der Bruder von einem Bekannten hat gesehen, dass…“ (S. 131). Dann reicht es nicht, die Falschaussage einfach nur zu verneinen. Warum? Dazu erläutert Brodnig folgendes Beispiel: Barack Obama wurde im Netz nachgesagt, er wäre ein Moslem und diese Aussage sollte ihn diskreditieren. Dann schrieben einige User unter die Falschmeldung: „Barack Obama ist kein Moslem.“ Doch hier macht das menschliche Gehirn leider einen - durch Studien belegten - entscheidenden Fehler, es merkt sich den Satz ohne das verneinende Wort und damit die ursprünglich falsche Information. Dieses Problem lässt sich einfach lösen, indem man schreibt „Obama ist Christ“ (u. A. S. 155), erklärt die Autorin.

Echoeffekte – Was können wir dagegen tun?

Im Kapitel „Herabwürdigende Rhetorik und wie man dieser entgegnen kann“ gibt die Autorin noch mehr Tipps gegen Hass im Netz. Unter anderem beschreibt sie das „Framing“ und den „Echoeffekt“: „Speziell im Internet besteht […] eine Gefahr: Die Digitalisierung macht es leichter denn je, dass Menschen permanent mit derselben Weltsicht konfrontiert werden, dass sie hauptsächlich mit jenen Informationen in Kontakt kommen, die ihre Meinung bekräftigen.“ (S. 151). Bei diesem Effekt kann es helfen, wenn andere thematische Einbettungen (sogenannte „Frames“) geliefert werden, die sachlich argumentativ gegen rüpelhafte Nutzer/-innen vorgehen (S. 153) und diese genauso häufig wiederholt werden, wie die Gegenposition.

Mit Hoffnung dem Hass begegnen

In ihrem Buch bekennt sich die Autorin klar: Zivilcourage und das Festhalten an einer gesunden Diskussionskultur ohne Ausfälle und „Untergriffe“ sind geboten. Zivilcourage ist dabei genauso erforderlich wie stete Hinweise auf fehlerhaftes Verhalten. Diese und andere Wege zeigt Ingrid Brodnig auf, so dass Hoffnung aufkeimt, dem Phänomen „Hass im Netz“ doch begegnen zu können. Mit dieser Lektüre kann aufkeimende Wut über Hass im Netz gedämpft und auf eine deeskalierende Ebene zurückgeführt werden.

Außerschulische Pädagogik, Cybermobbing, Eltern, Internet / Web 2.0, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Soziale Netzwerke

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