MediaCulture-Online Blog

05.02.2015 | Sascha Schmidt

YouNow - Hype um problematische Streaming-App

Kaum eine App erregte in jüngster Zeit so viel Aufmerksamkeit wie YouNow. Die inzwischen sehr populäre Video-App ermöglicht es, Live-Videos schnell und einfach in Echtzeit ins Internet zu streamen. Vor allem Kinder und Jugendliche nutzen aktuell das Angebot und filmen sich in allen erdenklichen Alltagssituationen. Scheinbar ahnungslos hinsichtlich möglicher Konsequenzen geben sie dabei viele persönliche und teils intime Informationen von sich preis.

YouNow existiert zwar bereits seit 2011 - die Popularität der Streaming-App stieg allerdings erst seit Ende 2014 sprunghaft an. Ausgelöst wurde der Hype vor allem durch einige Youtube-Stars, die das Angebot in ihren Videos anpriesen. Mittlerweile wird die App mehrere Millionen Mal pro Tag aufgerufen und vor allem von Kindern und Jugendlichen genutzt. YouNow erinnert in seinem Prinzip grundsätzlich an die App ChatRoulette, die in den letzten Jahren ebenfalls für Schlagzeilen sorgte. Wie ChatRoulette ermöglicht es auch YouNow, eigene Videos ins Internet zu streamen – und zwar in Echtzeit. Für die Übertragung von Videos genügt dabei die Kamera des Smartphones, Tablets oder die Web-Cam des Computers. Eine Besonderheit von YouNow liegt darin, dass prinzipiell jede/r Nutzer/in der App sich anonym in jeden verfügbaren Live-Stream einklinken und das Geschehen verfolgen kann.

Nutzung von YouNow

Screenshot aus YouNow

YouNow ist als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte erhältlich und kann auch am PC in einer Browser-Version genutzt werden. Die Anmeldung erfolgt über ein Facebook-, Twitter- oder Google+ Konto. Eine aufwendige Registrierung wird nicht verlangt. Das bloße Ansehen der Videos ist sogar ohne vorherige Anmeldung möglich - nur wer selbst streamen oder Funktionen wie den Chat nutzen möchte, muss sich anmelden. Die Chatfunktion spielt dabei eine wichtige Rolle bei YouNow: Jede/r angemeldete Nutzer/in kann das beobachtete Geschehen in einem Live-Chat kommentieren. Die Kommentare werden dabei ungefiltert im Chatverlauf angezeigt – dadurch finden auch jede Menge obszöne und sexuelle Bemerkungen ihren Weg in den Chat. 

In den AGBs des Anbieters wird die Nutzung des Streaming-Dienstes erst ab einem Alter von 13 Jahren gestattet. Unter-18-Jährige benötigen zudem die Zustimmung der Erziehungsberechtigten zur Nutzung der App. In welcher Form diese Zustimmung vorliegen soll, wird in den AGBs jedoch nicht näher beschrieben. Allgemein fehlt es dem Angebot an Kontrollmechanismen. Klickt man sich durch die Live-Streams, so findet man innerhalb kürzester Zeit viele Kinder unter 13 Jahren, die sich live in ihren Videos präsentieren. In manchen Kanälen werden sogar offen sexuelle Handlungen über mehrere Minuten hinweg gezeigt. In einem am 4. Februar 2015 ausgestrahlten Interview der Sendung Stern TV gestand der Gründer der Streaming-App ein, dass das Unternehmen derzeit nicht das Sicherheitslevel bieten kann, das es gerne hätte. Zu umfangreichen Kontrollmaßnahmen fehle es schlichtweg an Personal.

Nutzungsgründe

YouNow dient in erster Line der Selbstinszenierung. Noch nie war es so einfach, sich einem möglichst großen Publikum zu präsentieren. Viele Nutzer/innen nehmen sich dabei ihre persönlichen YouTube-Stars als Vorbild. Diese wurden ebenfalls über eine Videoplattform bekannt und können teils Abonnenten in Millionenhöhe vorweisen. Die technischen Voraussetzungen zum Streaming per YouNow sind dabei noch weniger aufwändig als bei YouTube. Ein simples Smartphone mit Internetzugang und installierter App genügen zur Nutzung des Dienstes. Durch den Ausbau des LTE-Netzes geht zudem auch die Videoübertragung flüssig vonstatten. Ein weiterer Nutzungsgrund für Kinder und Jugendliche ist die Suche nach Bestätigung. Durch die Chatfunktion erhalten die gezeigten Personen im Stream von ihren Zuschauerinnen und Zuschauern unmittelbar Feedback auf ihr Aussehen und ihr Handeln. Kommentare wie „Du siehst hübsch aus.“, Likes und Kanalabonnements verstärken den Drang, sich fremden Menschen zu präsentieren. Darüber hinaus arbeitet YouNow mit einem Ranking-System: Je mehr Zuschauer die Nutzer/innen bei ihren Live-Streams haben, desto höher klettern sie auf der Bestenliste und ihr Kanal wird populär auf der App-Oberfläche platziert. Um mehr Zuschauer/innen zu erhalten, greifen die Nutzer/innen teils zu bedenklichen Mitteln. Nicht selten gehen sie auf obszöne Aufforderungen aus dem Chat ein und zeigen vor der Kamera viel nackte Haut.  

Unbedachter Umgang mit dem Angebot

Kommentare im Chat bei YouNow

Kinder und Jugendliche gehen äußerst naiv mit dem Angebot von YouNow um und sind sich der Gefahren häufig nicht bewusst. Mit Hilfe der App zeigen sie sich live in der Schule, unterwegs oder im eigenen Kinderzimmer. Dabei gewähren sie teils mehreren tausend fremden Zuschauern Einblick in ihr Privatleben. Der Umstand, dass viele Zuschauer/innen das Angebot anonym oder unter falschen Usernamen nutzen, scheint sie nicht von der Nutzung abzuhalten. Besonders die Chatfunktion verleitet viele Nutzer/innen dazu, persönliche Daten von sich preiszugeben. Häufig verkünden Kinder und Jugendliche nach Aufforderung im Chat sensible Daten wie die Schule, den Wohnort, den echten Namen, die Adresse und die eigene Mobilfunknummer. Mögliche Konsequenzen können sie nur selten abschätzen und vielen ist nicht bewusst, wie schnell sie hierdurch zu Opfern von Stalkern und sexueller Belästigung werden können. Viele Jugendliche reagieren auf den Vorwurf zum unbedachten Umgang mit den eigenen Daten mit dem Argument, dass sie nichts zu verbergen hätten und das Video ohnehin nur für den Moment verfügbar ist. Die Tatsache, dass der jeweils zuletzt gesendete Videostream auf dem Portal gespeichert wird und bis zur nächsten Live-Session von jedermann abrufbar ist, wird häufig übersehen. Zudem bietet die App den Nutzer/innen die Möglichkeit, einen „Snapshot“, also einen Screenshot des Videos zu machen und Stream-Bilder somit sogar dauerhaft festzuhalten.

Rechtsverletzungen

Die Nutzung von YouNow ist auch aus rechtlicher Sicht äußerst bedenklich. Bei den Videostreams werden häufig Personen ohne ihr Wissen gefilmt und Heranwachsende übertragen sogar Live-Videos aus der Schule und dem Klassenzimmer. Nicht selten geraten dabei auch die unterrichtende Lehrkraft oder andere Schüler/innen ins Bild, obwohl sie nichts von der Live-Übertragung wissen. Hierdurch werden deren Persönlichkeitsrechte und das in Deutschland geltende Recht am eigenen Bild verletzt.


Auch das Streamen von Hintergrundmusik ist aus rechtlicher Sicht kritisch zu betrachten, denn theoretisch kann die Verwertungsgesellschaft GEMA Gebühren für das Streamen urheberrechtlich geschützter Musikstücke verlangen. Experten gehen davon aus, dass schon bald mit einer Welle von Abmahnungen von Rechtsanwälten zu rechnen ist.

Das Thema in der Schule

Schülerinnen und Schülern muss aufgezeigt werden, welche Gefahren sich bei der Nutzung von YouNow für sie ergeben. Die Gefahren können dabei am besten anhand exemplarischer Fallbeispiele deutlich gemacht werden: Was könnte z.B. passieren, wenn Nutzer/innen persönliche Daten wie die Adresse in ihren Videos preisgeben? Was, wenn sie sich sehr freizügig oder sogar nackt in den Videos zeigen? Mit den Lernenden sollte auch besprochen werden, dass die gesendeten Streams keinesfalls nur für den Moment sind, sondern durch versteckte Hintertürchen wie dem Speichern des letzten Videostreams und der Screenshot-Funktion auch dauerhaft zur Verfügung stehen. Die Bilder und Videos sind in kürzester Zeit zig-mal reproduzierbar und einmal begangene Fehler sind noch lange nach dem Streaming im Internet zu finden.


Auch wenn die App YouNow unter Kindern und Jugendlichen momentan einen riesigen Hype erfährt, unter Erwachsenen ist sie noch relativ unbekannt. In diesem Sinne ist es wichtig, auch für die Eltern der Schülerinnen und Schüler Aufklärungsarbeit zu leisten. Dies ist beispielsweise in Form eines Infobriefs oder im Rahmen von Elternabenden möglich.


YouNow ist ein Beispiel dafür, dass Jugendliche den Transfer schaffen müssen, von z.B. Kenntnissen über Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook auf andere vergleichbare Plattformen, auf denen sie Daten und Informationen von sich preisgeben.

Unterrichtsmodule

Das LMZ bietet zum Thema Datenschutz und Persönlichkeitsrechten das Unterrichtsmodul „Öffentlich – ganz privat“. Darin werden digitale Datenspuren im Alltag thematisiert und mögliche Gefahren sowie Maßnahmen zum Schutz vor Datenmissbrauch erläutert. Hierzu gehören auch Tipps zur kontrollierten Selbstdarstellung im Netz. Das Unterrichtsmodul gliedert sich in zwei Teile. Hier geht es zu Teil 1. Hier gelangen Sie zu Teil 2 des Moduls.


Mehr Informationen zum Thema Datenschutz finden Sie bei MediaCulture Online.

 

Handysektor ist eine umfangreiche Themenseite zu Smartphones und Apps.

 

Klicksafe bietet weiterführende Informationen zum Thema Sicherheit im Netz.

Außerschulische Pädagogik, Cybermobbing, Datenschutz, Eltern, Internet / Web 2.0, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Soziale Netzwerke

Titia, 26.05.2016 um 03:44
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Barbie, 26.05.2016 um 09:32
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