MediaCulture-Online Blog

06.11.2015 | Anja Lochner, Sefanie Grün

Medienpolitik und Verbraucherschutz in der Schule

„Jugendliche interessieren sich für Themen wie Vorratsdatenspeicherung und Überwachung!“, betonte Daniel Seitz von mediale pfade beim Fachtag „Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz!“, den die Aktion Jugendschutz (ajs) am 28. Oktober 2015 in Stuttgart veranstaltete. Wenn man den Begriff der Privatheit durch Freiheit ersetze, verstünden Heranwachsende sehr schnell, worum es gehe. Als Medienpädagoge führt Seitz Projekte durch zu Themen wie Überwachung, Privatsphäre oder Datenschutz.

Medienpolitische Themen in die Schule und Jugendarbeit

Daniel Seitz
Daniel Seitz; Bild: Anja Lochner/LMZ

Beim Fachtag stellte er unter anderem das Projekt Jugend hackt vor, bei dem er als Mentor und Mitorganisator mitgewirkt hat. Jugend hackt ist ein Projekt zur Förderung des Programmiernachwuchses, dessen Ziel es ist, Heranwachsenden ein Gefühl für Ethik im Umgang mit Code zu vermitteln und so die Gesellschaft mitzugestalten. Mithilfe von offenen Daten können sie unter Begleitung von ehrenamtlichen Mentor/-innen, wie zum Beispiel erfahrenen Softwareentwickler/-innen und Wissenschaftler/-innen neue Anwendungen erstellen, Hardwareprojekte umsetzen und ihre technischen Fähigkeiten weiterentwickeln. Organisiert wird der sogenannte Hackathon von der Open Knowledge Foundation in Zusammenarbeit mit mediale pfade.

 

Seitz plädierte dafür, medienpolitische Themen viel häufiger in der Arbeit mit Jugendlichen aufzugreifen und ihnen zu einer eigenen Haltung zu verhelfen, schließlich sei das Internet ein Grundrecht und stehe für Teilhabe und Partizipation. Zudem wüchsen Jugendliche auf in der Vorabannahme, verdächtig zu sein. Er empfahl Schulen und Jugendhäusern, sich für medienpolitische Themen entsprechende Organisationen einzuladen wie beispielsweise die Open Knowledge Foundation, Chaos macht Schule, Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (AK Vorrat), die Digitale Gesellschaft oder den Chaos Computer Club.

Data Run – ein Projekt für Schulklassen und Jugendgruppen

Ein anderes Projekt von Seitz ist Data Run, ein „Alternate Reality Game zum Thema Überwachung“. Da Überwachung ein komplexes und abstraktes Thema ist, verbinden damit viele Menschen unterschiedlichen Alters große Ohnmacht oder Gleichgültigkeit. Das Spiel Data Run soll einen spielerischen Zugang zur Überwachungsthematik ermöglichen, indem Jugendliche in die Rolle von Hackern, den „Aufklärern“, schlüpfen und Tools zum Schutz ihrer Privatsphäre anwenden müssen. Data Run eignet sich für Schulklassen ab der siebten Jahrgangsstufe. Es wurde inzwischen mehrmals mit Schülergruppen erprobt und soll Ende des Jahres zur freien Verfügbarkeit auf der Homepage data-run.de veröffentlicht werden.


Für den gesamten Themenkomplex sollten mindestens vier Stunden eingeplant werden, die in verschiedene Phasen unterteilt sind: Einführung in die Thematik, das Spiel selbst und eine Reflexionsphase am Ende. Vor Beginn des Spiels sollten die Heranwachsenden mit dem Bereich Datenschutz und Überwachung vertraut gemacht werden. Hierfür werden Materialien von mediale pfade bereitgestellt. Nach Beendigung der Spieleinheit, ist ein Austausch über das Erlebte sehr wichtig. Erst durch die angeleitete Reflexion erkennen die Jugendlichen alle im Spiel angelegten Erfahrungsmomente und bekommen die Möglichkeit sich vertieft mit den Erlebnissen auseinanderzusetzen.


Das Spiel selbst kann auf Smartphones und Tablets genutzt werden. Voraussetzung ist lediglich die App Actionbound, mit der man durch die Story geleitet wird und die einzelnen Aufgaben durchläuft. Maximal fünf Personen sollten sich zu einer Gruppe zusammenfinden und sich ein Gerät teilen. Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Hackern und versuchen Marcus zu helfen, der kurz vor seinem Tod einen Hilferuf per Videonachricht absetzen kann. Ziel ist es, die mysteriösen Auftraggeber zu enttarnen, vor denen Marcus warnt.


Die dann zu erledigenden Aufgaben sind vielfältig. Die Herausforderung beginnt bereits beim Entsperren der Tablets, die den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt werden. Aber wie bekommt man die vierstellige PIN heraus? Vielleicht hilft ja der Hinweis zum Freimaurer-Code, in der Tablet-Tasche? Geschickt wird die reale mit der digitalen Welt verknüpft. So muss man zum Beispiel seine Gegend nach QR-Codes absuchen oder das Versteck eines geheimnisvollen Gegenstandes per GPS finden und die dort deponierte Rätselbox öffnen.


Fazit: DATA RUN macht Spaß. Durch die gut aufbereiteten, spannenden Videos und Aufgaben fällt es den Nutzerinnen und Nutzern leicht, in das Spiel hineinzukommen. Die Anknüpfungspunkte zu den Themen Überwachung und Datenschutz finden eher unterschwellig statt. So bekommt man beispielsweise Möglichkeiten der Verschlüsselung seiner Nachrichten aufgezeigt oder die Bedeutung des GPS vor Augen geführt. Hier bedarf es unbedingt einer pädagogischen Begleitung, die Zusammenhänge zwischen dem Erlebten und den übergeordneten Zielen herstellt. Daher sollte genügend Zeit für die an das Spiel anschließende Reflexionsphase eingeplant werden.

Methoden der Verbraucherbildung

Niels Brüggen
Niels Brüggen; Bild: Anja Lochner/LMZ

Was wissen und denken Jugendliche über Online-Werbung in Sozialen Netzwerkdiensten und die Geschäftsmodelle (kommerzielle Überwachung)? Wie gehen sie mit Online-Werbung um? Inwiefern kennen sie ihre Rechte als Verbraucherinnen und Verbraucher? Auf Grundlage dieser Fragen wurden die Praxismaterialien Online-Werbung mit Jugendlichen zum Thema machen für Schulen und die außerschulische Jugendarbeit entwickelt, die Niels Brüggen vom JFF – Medienpädagogik in Forschung und Praxis vorstellte. Das Material setzt an bei den Erfahrungen, die Jugendliche bereits mit Online-Werbung haben („Wo gibt es überall Werbung?“ „Wie findet Ihr das?“). So kann man einen Austausch unter den Jugendlichen anregen, sie mit Informationen unterstützen, ihnen helfen, eine Haltung zu entwickeln, und Konsequenzen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene thematisieren.

Die Strukturen dahinter erfahrbar machen

Werbung werde oft nur bedingt als solche erkannt, und Jugendliche haben meist nur eine vage Vorstellung von den Auswertungsstrategien der Anbieter. Dies hat die Studie „Jugendliche und Online-Werbung im Social Web“, die unter 12- bis 15-Jährigen durchgeführt wurde und auf der die Materialien fußen, zutage gefördert. Zudem seien die Geschäftsmodelle der Angebote oft nicht durchschaubar, sodass Entscheidungen nicht souverän getroffen werden können. Daher sei es „notwendig, die Strukturen dahinter erkennbar zu machen“, betonte Brüggen.

Jugendliche benennen nur einen Ausschnitt von Online-Werbung im Social Web.

Eine dazu geeignete Methode sei beispielsweise, eine Werbeanzeige auf Facebook zu schalten. Die verschiedenen Aspekte, die dabei abgefragt werden (wie zum Beispiel „Beziehungsstatus“ oder „von der Familie entfernt“), könne man mit den Jugendlichen aufgreifen: Was habe ich selbst angegeben, was hat Facebook sich erschlossen? So entstehe der eine oder andere Aha-Effekt: „Ich dachte, dass so ein bisschen mäßig ausspioniert wird, was man so auf Facebook treibt. Aber dass die an jeder Ecke versuchen, deine Daten zu sammeln, das wusste ich jetzt halt nicht so extrem“, wird ein Schüler zitiert. Eine Schülerin äußerte sich folgendermaßen: „Ich fand's irgendwie überraschend, dass Facebook aus den Daten, die man angibt, so viel daraus schließt […].“

Fatalistische Grundhaltung

Jugendliche, so eins der Studienergebnisse, haben verinnerlicht, dass sie für den Schutz ihrer Daten verantwortlich sind, was sie jedoch überfordert. Bei vielen Heranwachsenden lasse sich eine „fatalistische Grundhaltung“ beobachten, so Brüggen. Eine Schülerin formulierte ihre Ohnmacht gegenüber großen Konzernen folgendermaßen: „Eigentlich hat man ja im Grunde Pech gehabt, weil wenn man die AGB nicht gelesen hat, da kann ja im Grunde alles stehen. Wenn da drin steht, dass die das machen dürfen, haben die auch das Recht. Da kann man eigentlich nichts dagegen machen.“ Ein anderer Schüler meinte, als „kleiner Bürger“ habe man gegenüber Facebook eh „ziemlich schlechte Chancen“. Und ein dritter meinte: „Es wird sich sowieso nichts ändern, es ist alles schon gespeichert.“ Umso wichtiger ist es, Jugendlichen ihre Rechte als Verbraucher zu vermitteln.

Die Materialien sind eine Kombination aus Printbroschüre und Online-Materialien und sind einsetzbar in unterschiedlichen pädagogischen Settings. Sie wurden in der Praxis mit Jugendlichen entwickelt und wissenschaftlich begleitet. Praxisrelevante Hintergrundinformationen finden sich im Heft.

 

Hier finden Sie einen weiteren Artikel zum ajs-Fachtag, indem es um Medienethik und Anforderungen an die Netzpolitik geht: Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz!

Links

Niels Brüggen:

„Es ist sowieso schon alles gespeichert“ – Methoden der Verbraucherbildung für Schulen und die außerschulische Jugendarbeit (Präsentation)

JFF / Bayrisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV):

Erklärvideos zu Verbraucherschutz im Social Web

 

Cracked Labs – Institut für kritische digitale Kultur:

Studie zum Social Web. Kommerzielle Überwachung im Alltag.

Außerschulische Pädagogik, Datenschutz, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Soziale Netzwerke, Tagungsdokumentation, Werbung

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*