MediaCulture-Online Blog

09.01.2015 | Anja Lochner, Jiří Hönes, Henriette Carle

Kurt Tucholsky zum 125. Geburtstag

Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel – Kurt Tucholsky war viele. Unter all diesen Pseudonymen schrieb und publizierte der gesellschaftskritische, antimilitaristische und politisch engagierte Journalist und Schriftsteller, Satiriker und Lyriker, Kabarettautor und Kritiker, der am 9. Januar vor 125 Jahren das Licht dieser Welt erblickte. Grund genug für uns, Bilder, Texte, Töne, Filme und Quellen für Sie zusammenzustellen. Um die Bildergalerie und deren Zusatzinformationen anschauen zu können, klicken Sie bitte in das unten stehende Bild. Am 21. Dezember 2015 wird sich im Übrigen Tucholskys Todestag zum 80. Mal jähren.

Bildergalerie zum Leben von Tucholsky

Kurt Tucholsky 1890

Geboren wurde Tucholsky am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit als Sohn des jüdischen Kaufmanns Alex Tucholsky und seiner Frau Doris. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Stettin, wohin sein Vater aus beruflichen Gründen versetzt worden war.

Ellen, Fritz und Kurt Tucholsky 1904

Kurt Tucholsky (rechts) mit seinen Geschwistern Ellen und Fritz. 1899 war die Familie wieder nach Berlin zurück gekehrt.

1909 machte Tucholsky sein Abitur und begann sein Jurastudium

Sein Vater war bereits 1904 gestorben und hinterließ seiner Frau und den Kindern ein beachtliches Vermögen, so dass Tucholsky ohne finanzielle Sorgen studieren konnte; Bild: Kurt Tucholsky Literatur Museum, Lizenz: CC BY-NC-SA

Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte wurde 1912 veröffentlicht

Um den Verkauf des Buches zu fördern, eröffnete Tucholsky auf dem Kurfürstendamm eine Bücherbar - jeder Käufer des Buches bekam als Zugabe einen Schnaps eingeschenkt; Bild: Kurt Tucholsky Literatur Museum, Lizenz: CC BY-NC-SA

Gruppenfoto der Redaktion Der Flieger 1916

Von der patriotischen Hurra-Stimmung zu Beginn des Krieges ließ sich Tucholsky nicht anstecken. 1915 wurde er eingezogen und übernahm 1916 als Kompanieschreiber die Leitung der Feldzeitung Der Flieger. Bild: Kurt Tucholsky Literatur Museum, Lizenz: CC BY-NC-SA

Ab 1913 schrieb er für die linksliberale Zeitschrift Die Schaubühne, die später in Die Weltbühne umbenannt wurde

Pseudonyme wie Ignaz Wrober, Theobald Tiger und Peter Panter nutzte er um die Ausgaben der Weltbühne nicht zu „tucholsky-lastig“ erscheinen zu lassen. Bild: Kurt Tucholsky Literatur Museum, Lizenz: CC BY-NC-SA

Tucholsky in Paris 1928

Wie sein Vorbild Heinrich Heine verbrachte er viel Zeit im Ausland, wie hier in Paris, wo Mitglied verschiedener Freimaurerlogen war. Bild: Wikimedia Commons, Lizenz: GNU FDL

Tucholsky mit Lisa Matthias bei einem Urlaub in Schweden 1929

Von seiner zweiten Frau Mary Tucholsky trennte er sich 1928 endgültig. Lisa Matthias hatte Tucholsky bereits 1927 kennengelernt. Der gemeinsame Aufenthalt in Schweden inspirierte ihn zu dem 1931 erschienenen Roman Schloss Gripsholm.

Tuscholskys Villa in Schweden 1930

1930 verlegte Tucholsky seinen Wohnsitz nach Hindås bei Göteborg in Schweden.

Bücherverbrennung 1933

1933 wurde Die Weltbühne verboten, Tucholskys Bücher verbrannt und ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Bild: Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA

Das Grab von Tucholsky in Mariefred Schweden

Am 21. Dezember 1935 starb Tucholsky an einer Überdosis Schlaftabletten. Lange wurde von einem Suizid ausgegangen, was der Biograph Michael Hepp anzweifelt. Er fand Anhaltspunkte für eine versehentliche Überdosierung. Bild: Clemens Franz, Lizenz: CC BY

Die Aussage „Soldaten sind Mörder“ hat die Gerichte damals bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts beschäftigt

Tucholsky: „Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“ Zur Rezeptionsgeschichte des Zitats gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel Bild: Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA

Online verfügbare Texte und Quellen

Seit dem 1. Januar 2006 sind die Werke Tucholskys gemeinfrei: 70 Jahre nach dem Todesjahr des Autors und Publizisten läuft nach dem deutschem Urheberrecht die Schutzfrist ab. Mittlerweile sind zahlreiche seiner Texte online zu finden, allerdings in unterschiedlicher Qualität.

Lyrik und Kurzprosa bei Wikisource

Hohe Standards hinsichtlich der Zitierfähigkeit bietet Wikisource, die freie Quellensammlung der Wikimedia-Stiftung. Hier wird alles exakt so wiedergegeben, wie es in der Originalquelle zu finden ist: Einrückungen und Umbrüche werden dargestellt, ja sogar Satzfehler finden sich originalgetreu wieder. Zudem lässt sich alles verifizieren, da stets ein Scan der jeweiligen Originalseite verfügbar ist. Tucholskys berühmte Erzählungen Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte (1912) und Schloß Gripsholm (1931) fehlen hier noch, doch sind seine Lyrik- und Kurzprosasammlungen Fromme Gesänge (1919), Mit 5 PS (1928), Das Lächeln der Mona Lisa (1929) und Lerne lachen ohne zu weinen (1931) komplett enthalten.

 

Und darin lässt sich so manches Schmuckstück finden: In Die ausgezogene Frau aus Lerne lachen ohne zu weinen sinnierte er über die zeitgenössische Pornografie und bemerkte, „diese Bilder-Industrie“ fange an, ihm „erheblich langweilig zu werden“. Die Badeschönheiten in den Unterständen der Weltkriegssoldaten könne er ja noch verstehen: „Es war Ersatz.“ Angesichts der unzähligen Magazine, welche damals schon auf dem Markt waren, fragte er sich dennoch: „Was fangen aber nur heute die Kerls mit diesen vielen zuckersüßen Bildern an, während doch die sicherlich reizenderen, weil nicht so glatten Originale um sie herumlaufen?“

Was darf die Satire?

Neben diesen Sammelbänden haben die fleißigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Wikisource auch schon eine große Zahl an Einzelveröffentlichungen Tucholskys aus den Zeitschriften Ulk, Vorwärts, dem Prager Tagblatt und der Schau- beziehungsweise Weltbühne eingestellt. Traurige Aktualität besitzt sein 1919 im Berliner Tagblatt erschienener Text Was darf die Satire? Darin teilte er der deutschen Nation die Schelte aus, sie sei zur Satire unfähig – produktiv wie rezeptiv: „Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.“ Die Einstellung gegenüber der Satire mag sich in dem Jahrhundert, das seither beinahe Vergangen ist, geändert haben, die Eingangsfrage ist so aktuell wie damals. Tucholsky hatte eine Antwort parat:

 

„Was darf die Satire?

 

Alles.“

 

Den Text Ratschläge für einen schlechten Redner finden Sie in unserer Online-Bibliothek.

Deutschland, Deutschland über alles

Einen weiteren Schatz birgt das ehrenwerte Internet Archive, nämlich das 1929 erschienene Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch von Kurt Tucholsky und vielen Fotografen. Das gesellschaftskritische Werk ist eine bis heute spannende Verbindung von Dokumentarfotografie und Kommentaren in Prosa und Lyrik. Es richtete sich gegen die Missstände der Gesellschaft in der Weimarer Republik, gegen Militarismus und wachsende soziale Ungerechtigkeit. In kulturkritischen Essays beschäftigte er sich mit heute noch aktuellen Themen wie Verkehr oder Architektur. Das Buch schließt mit dem Essay Heimat, in dem Tucholsky nach über 200 Seiten bissiger Kritik bekennt: „Ja, wir lieben dieses Land.“ Er will Deutschland nicht den Nationalisten und Militaristen, den „nationalen Eseln“ überlassen: „Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich ‚national‘ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. [...] Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. [...] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.“

„Demokratie“, Foto aus „Deutschland, Deutschland über alles“

Zu Heimat haben wir einige Unterrichtsideen im Themenpaket zum deutsch-französischen Literaturunterricht, das aus der Habilitationsschrift Grenzüberschreitungen – Interregionalität. Literaturunterricht an der Grenze zum Elsass von Annette Kliewer hervorgegangen ist.

 

Den zugehörigen Eintrag aus Kindlers Neuem Literaturlexikon gibt es online auf den Seiten des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Rheinsberg und Schloß Gripsholm bei der bibliotheca Augustana

Die schönsten Online-Ausgaben der beiden Erzählungen Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte und Schloß Gripsholm sind unserer Meinung nach diejenigen der bibliotheca Augustana der Hochschule Augsburg. Hier finden sich zudem weitere Texte, etwa Tucholskys Rezension zu Kafkas Der Prozeß.

 

Zu Rheinsberg gibt es auf YouTube nette Erläuterungen des Kurt Tucholsky Literaturmuseums Schloss Rheinsberg.

Tucholsky vertont

Zahlreiche Gedichte von Tucholsky wurden vertont und als Chansons von der Weimarer Republik bis heute eingesungen. Hanns Eisler zum Beispiel hat alleine 40 Lieder nach Texten von Tucholsky komponiert, wie zum Beispiel das Anna-Luise-Lied nach dem Gedicht Wenn die Igel in der Abendstunde von 1928. Wer sich für die Entstehungsgeschichte der Komposition interessiert, kann sie bei Hanns Eisler und Kurt Tucholsky von Christine Hellweg nachlesen. Drei Gedichte und ihre Vertonungen haben wir für Sie herausgesucht. 

 

Wenn die Igel in der Abenstunde / Anna-Luise

 

Kurt Tucholsky:

Wenn die Igel in der Abendstunde (1928)

 

Gesungen von Ernst Busch:

Anna-Luise

 

Gesungen von Reinhard Mey (1985):

Anna-Luise

 

Augen der Großstadt

 

Kurt Tucholsky:

Augen in der Großstadt (1930)

 

Gesungen von Udo Lindenberg (Live in Koblenz 1987):

Augen in der Großstadt

 

Sie, zu ihm

 

Aus der Filmmusik von Kol Simcha zum Film Gripsholm stammt das Lied Sie, zu ihm.

 

Kurt Tucholsky:

Sie, zu ihm (1931)

 

Gesungen von Jasmin Tabatabai (2000)

Sie, zu ihm

Tucholsky verfilmt

In den 1960er Jahren wurden unter anderem die Erzählungen Rheinsberg und Schloss Gripsholm verfilmt.


Aus dem Jahr 2000 stammt der Film Gripsholm von Xavier Koller, der die Handlung von  Schloss Gripsholm mit Szenen aus der Biografie Tucholskys mischt. In einigen Medienzentren kann dieser Film als DVD mit der Verleihnummer 4650502 ausgeliehen werden.

Deutsch, Historisches, Lehrkräfte, Open Content, Schreiben / Recherchieren, Sekundarstufe, Studierende

Senfgebender Heini, 09.01.2015 um 16:20
Angesichts der aktuellen Ereignisse erlebt sein Satirezitat renaissance... finde es aber auch erstaunlich wie manche sich dazu äußern und das thema genauso ausnutzen. ein beispiel dafür ist hier: http://www.einewelteinezukunft.de/
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*