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05.11.2015 | Anja Lochner

Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz!

Ausweis
Bild: Dennis Skley, Lizenz: CC BY-ND

Amazon, WhatsApp, Google, Airbnb, Apple, aber auch Paybacksysteme oder der Staat sammeln unsere Daten, um Profildatensätze unserer Persönlichkeiten zu erstellen. Dabei geht es nicht zuletzt um Geld und Überwachung. „Die Digitalisierung ist der Elefant im Raum, den man schon gar nicht mehr wahrnimmt“, umschrieb Prof. Dr. Oliver Zöllner vom Institut für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien (HdM) die Selbstverständlichkeit, mit der wir mittlerweile digitale Dienste nutzen. Inwieweit Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Individuen, zumal der Heranwachsenden, unter den Rahmenbedingungen des Marktes und den politischen Gegebenheiten möglich sind, war Thema beim Fachtag Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz!, den die Aktion Jugendschutz (ajs) am 28. Oktober 2015 in Stuttgart veranstaltete.

Autonomie im digitalen Zeitalter

Prof. Dr. Oliver Zöllner
Prof. Dr. Oliver Zöllner; Bild: Anja Lochner/LMZ

Wie orientieren wir uns eigentlich in der digitalen Welt? Wie verhalten wir uns dort? Welche Werte haben wir dort? Und was bedeutet es, digital selbstbestimmt zu sein? Prof. Dr. Oliver Zöllner näherte sich diesen Fragen aus Sicht der digitalen Ethik. Aufgabe sei es, das „Handeln in mediatisierten Kontexten zu bewerten und zu reflektieren“ und Menschen zu einem „gelingenden Leben in der digitalen Gesellschaft zu ermächtigen“. Die Basis dazu liege in der menschlichen Autonomie, also der Eigengesetzlichkeit, mit der der Mensch nach Regeln lebt, die er sich selbst aussuchen kann. Dabei setze „das Prinzip der Verantwortung den Orientierungsrahmen“. Dieser Freiheit des individuellen Selbst steht die Fremdbestimmung gegenüber, die im sogenannten „Onlife“, dem digitalen Lebensraum, stark zunehme, so Zöllner. So akzeptiere man beispielsweise bei Facebook die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Netzwerkes, um sich anzumelden – die allerdings funktionieren nach kalifornischem Recht: „Hier fängt es an, dass wir in unserer Autonomie eingeschränkt sind“. Damit gebe man die Hoheit über die eigenen Daten ab.

Doch nicht nur Soziale Netzwerke, sondern auch Suchmaschinen oder Apps sammeln, speichern und verknüpfen unsere Suchanfragen und Daten im großen Stil, Stichwort Big Data. Zöllner warnte in diesem Zusammenhang vor einer „algorithmischen Determinierung“, bei der man nur noch Themen präsentiert bekomme, die zu unseren vorigen Suchergebnissen passen. Man befinde sich zunehmend in einer „Filterblase“ oder „walled gardens“, die ebenfalls unsere Autonomie einschränken. Vor zehn Jahren, mutmaßt Zöllner, hätten wir uns vielleicht noch gefragt: „Was passiert denn da?“ Heute nehmen wir diese Fremdsteuerung als selbstverständlich hin. Ebenfalls problematisch in Bezug auf die Selbstbestimmung sieht Zöllner beispielsweise das Hochladen von Kinder- oder Partybildern im Netz: „Welche Chance auf ein gelingendes Leben hat man noch, wenn auf alle Zeiten Bilder im Netz kursieren, die man nicht mehr im Griff hat?“ Man habe auch eine Verantwortung für andere.

Ökonomisierung von Personendaten

Generell beobachtet Zöllner eine zunehmende Ökonomisierung bei abnehmender Autonomie. Denn unsere Profildatensätze sind viel Geld wert: „Ich bin das eigentliche Produkt.“ Dies lasse sich auch am Beispiel Rating im digitalen Raum zeigen. Alles werde bewertet und damit zur Ware, von der Wohnvermittlung Airbnb über Dating-Apps wie Tinder hin zu Fahrdienstvermittlung wie Uber. Dieses gegenseitige Bewerten führe zu verzerrten Ergebnissen, da man auch abhängig sei von den Bewertungen der anderen und auf seinen eigenen Ruf bedacht sei („Reputation Economy“). Dieses „herrenloses Sklaventum“, wie der Soziologe Max Weber es ausdrückte, sei für uns „mittlerweile selbstverständlich“.

 

Von Seiten der Politik erwartet Zöllner sich nicht allzu viel Unterstützung. So schloss er seinen Vortrag mit einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sie anlässlich der Eröffnung des Zentrums für Forschung und Vorausentwicklung der Robert Bosch GmbH am 14. Oktober 2015 in Renningen hielt: „Unser Verhältnis zu Daten ist in vielen Fällen zu stark vom Schutzgedanken geprägt – der Ministerpräsident hat auch darauf hingewiesen – und vielleicht noch nicht ausreichend von dem Gedanken, dass man mithilfe von Daten interessante Produkte entwickeln kann. [...] Deshalb muss das „Data Mining“ [...], die Erhebung und der Umgang mit großen Datenmengen, etwas werden, das sozusagen ein Hoffnungssignal sendet.“

Medienkompetenz und Ethik in der digitalen Welt

Prof. Dr. Petra Grimm
Prof. Dr. Petra Grimm; Bild: Anja Lochner/LMZ

Brauchen wir ein Werte-Navi? Welche Werte sind für ein digitales Navigieren wichtig? fragte im Anschluss Prof. Dr. Petra Grimm, ebenfalls vom Institut für Digitale Ethik (IDE). Sie beobachtet neben einer beschleunigten Mediatisierung eine „Ausweitung der Netzzone“, also die zunehmende „Grenztilgung zwischen Online- und Offline-Raum“, sowie ebenfalls eine wachsende Ökonomisierung. Big Data und das Internet der Dinge befördern diesen Prozess: Vernetzte Geräte liefern massenhaft Daten. Grimm vergleicht das Ausmaß der laufenden Veränderungen mit den Auswirkungen der Erfindung des Buchdrucks und der Industrialisierung: „Das ist ein gravierender Evolutionsschritt, mit dem sich unser Denken, Handeln und Werteverständnis ändert.“

Bezüglich der digitalen Spuren, die wir überall hinterlassen und die staatliche Einrichtungen oder Gesundheitsbehörden von uns sammeln, spricht sie von unserer „ITentität“. Das Problem bei der Berechnung von Profildatensätzen sieht sie vor allem darin, dass unklar ist, welche Daten eigentlich ausgewertet werden, und dass basierend auf Wahrscheinlichkeiten Prognosen über unser zukünftiges Handeln getroffen werden. Aus dieser Entwicklung, dass die Daten nicht nur uns gehören, sondern dass sie „wirklich ein Teil unseres Ichs“ sind, ergibt sich ein neues Verständnis von Privatheit, das Grimm mit einem Zitat des italienischen Philosophen Luciano Floridi untermalte: „It's not mine, it's me!“ Umso wichtiger sei es, so Grimm, die Folgen von kommerzieller und staatlicher Überwachung einschätzen zu können und ein Bewusstsein für die politische Dimension zu entwickeln. Daher forderte sie „Geschichten, die verdeutlichen, was Überwachung und Datenerfassung bedeuten.“

Anforderungen an die Netzpolitik

Markus Beckedahl
Markus Beckedahl; Bild: Anja Lochner/LMZ

„Netzpolitik geht in die Breite, wird Mainstream“, konstatierte Markus Beckedahl von netzpolitik.org. Spätestens seit Edward Snowden sei klar, dass wir überwacht werden und in welchem Ausmaß, die Frage sei allerdings, wo überall? Die Netzüberwachung nehme zu, in diesen Tagen wurde die Vorratsdatenspeicherung gesetzlich verankert. Man frage sich schon: „Warum erlauben wir das im digitalen Raum?“ Die Antwort gab Beckedahl selbst: „Weil es für uns nicht sichtbar ist.“ Geschähen die gleichen Dinge im analogen Raum, wäre die Aufregung ungleich größer. Diesbezüglich stimmte er Petra Grimm zu, die „Alltagsgeschichten“ zur Veranschaulichung der Gefahren forderte, und erinnerte an die Umweltschutzbewegung in den 1980er-Jahren: „Die hatten tote Robben – was könnte besser sein für ein Thema?“

Beckedahl wirft der Politik Versagen auch beim Thema Netzneutralität vor, deren Ende am 27. Oktober 2015 im EU-Parlament beschlossen worden sei. Auch hier gehe es um Geld: „Da werden Begehrlichkeiten durch neue Technologien geweckt. Man errichtet Mautstationen im Netz und bestimmt, was da durchgeleitet wird.“ Das Internet sei jedoch nicht die Ursache der zunehmenden Ökonomisierung, sondern beschleunige lediglich kapitalistische Werte. Im Hinblick auf staatliche oder wirtschaftliche Nutzung von persönlichen Daten findet Beckedahl vor allem klare gesetzliche Regelungen und Transparenz wichtig. Ob eine Entwicklung hin zum „mündigen Bürger“ von politischer Seite aus allerdings gewünscht würde, bezweifelt er: „Die Richtung geht eher woanders hin.“

 

Hier finden Sie einen weiteren Artikel zum ajs-Fachtag, indem es um Medienpolitik und Verbraucherbildung mit Praxisbezug geht: Medienpolitik und Verbraucherschutz in der Schule

Links

MediaCulture-Online: Datenschutz

 

Klicksafe-Broschüre: Ethik macht klick (PDF-Dokument)

Am 3. Dezember 2015 findet an der Hochschule der Medien Stuttgart die Tagung Verantwortung der Internet-Giganten – Brauchen wir eine Politik & Ethik der Algorithmen? statt.

 

 

 

 

Außerschulische Pädagogik, Datenschutz, Soziale Netzwerke, Studierende, Tagungsdokumentation, Werbung

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