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13.07.2015 | Jiří Hönes

Aus dem Alltag einer Referenzschule: Sternenberg-Grundschule Altschweier

Sina Mikinac unterrichtet die Klasse 3. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Die Sternenberg-Grundschule in Bühl-Altschweier (Landkreis Rastatt) nimmt seit dem Schuljahr 2012/13 am Pilotprojekt Grundschule des Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) teil. Seit dem laufenden Schuljahr ist sie nun auch Referenzschule: Lehrkräfte, Schulleiterinnen und Bürgermeister aus der Umgebung kommen hier zu Besuch, um sich ein Bild von der gelungenen Medienintegration zu machen und von den Erfahrungen des Teams in Altschweier zu profitieren.

 

Die Arbeit am Computer ist an der mit 48 Schülerinnen und Schülern sehr kleinen Schule längst im Alltag angekommen. Im Rahmen des Pilotprojekts wurden 18 Laptops mit standardisierter Ausstattung bereitgestellt, zudem hat sich die Schule ein Interaktives Whiteboard angeschafft. Die Stadt als Träger hat die Verkabelung des Schulgebäudes übernommen, die Wartung der Computer erfolgt per Fernzugriff vom LMZ in Stuttgart aus. So können sich die Lehrerinnen vor Ort um die pädagogische Arbeit konzentrieren, was sie besonders positiv bewerten.

Der Medienpädagogische Berater Frank Steurer begleitet gelegentlich den Unterricht. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Frank Steurer, Medienpädagogischer Berater (MPB) am Medienzentrum Mittelbaden in Bühl, begleitet die Schule nun seit zwei Jahren. Meist ist er donnerstags vor Ort, um mit den Lehrerinnen Unterrichtsideen auszuarbeiten oder technische Fragen zu klären: „Anfangs war ich da noch mehr involviert, mittlerweile sind die Lehrerinnen hier sehr fit und haben klare Vorstellungen, wie sie etwas umsetzen wollen.“ Das Team sei sehr motiviert und aufgeschlossen. Man möchte die Medienkompetenz der Kindern in vielfältiger Weise steigern: Zum Einstieg in die Arbeit mit dem Computer setzt man vor allem auf Lernprogramme, dann kommt das produktive Arbeiten hinzu, schließlich aber auch Fragen wie „Was muss ich beachten, wenn ich im Internet unterwegs bin? Gibt es da Gefahren oder Fallen?“

Computer helfen beim individualisierten Unterricht

Auch im Zimmer der Klassen 1/2 befindet sich eine Computerecke. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Das Besondere an der Sternberg-Grundschule ist, dass die Klassen 1 und 2 aufgrund der geringen Schülerzahlen jahrgangsgemischt unterrichtet werden. Das erfordert Flexibilität und individualisierte Lernangebote: „Man muss sich hier schon loslösen von dem traditionellen Unterricht. Die Lehrerinnen sind zunehmend auch Lernbegleiterinnen. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Lernaufträge, wissen was sie machen müssen, wo sie ihre Materialien finden, und die Lehrkraft begleitet, hilft, unterstützt. Klassischer Frontalunterricht findet hier nur noch ganz selten statt“, so Steurer. Daher sind die Laptops auch direkt in den Klassenzimmern stationiert, dort befinden sich auch die Ladestationen. So können die Computer einfach in die Wochen- oder Tagesplanarbeit integriert werden und müssen nicht erst am Anfang der Stunde herangeschafft werden.

Schulleiterin Ines Kewitz unterrichtet die Klasse 1/2. Bild: Sternenberg-Grundschule Altschweier

An der Schule zeigt sich eine lockere, doch konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Die Kinder der Klassen 1 und 2, die von Rektorin Ines Kewitz unterrichtet werden, sitzen zum Teil im Klassenzimmer, zum Teil an Arbeitsplätzen daneben, die Tür steht offen. Vier von ihnen sind an den Laptops in einer Ecke des Zimmers mit Mathematik-Lernsoftware beschäftigt. Für jeden Computerarbeitsplatz gibt es einen „Fahrschein“ an der Tafel, den sich die Kinder nehmen, solange sie am Computer beschäftigt sind. „So sieht man immer, ob gerade einer der Rechner frei ist“, so die Lehrerin. PC-Aufgaben gehören bei ihr schon ab der ersten Klasse zum Alltag in der Tagesplanarbeit: „Wichtig ist uns ein bewusster Umgang mit dem Computer, dass die Kinder ihn als Arbeitsgerät sehen, wie einen Füller, als Teil einer Landschaft von Bildungshilfen und nicht nur als Belohnungsgerät. Früher hatte man oft zwei alte PCs hinten im Zimmer und wer schon fertig war, durfte da als ‚Bonbon‘ einige Aufgaben machen. Durch die zahlreichen Fördermöglichkeiten in den Lernprogrammen können jetzt auch die schwächeren Schülerinnen und Schüler regelmäßig an den PC. Die fitteren Kinder bearbeiten dann gerne auch mal die Aufgaben für höhere Klassen.“ Gerade diese Differenzierungsmöglichkeiten in den Lernprogrammen seien eine ungemeine Hilfe.

Die Kinder arbeiten weitgehend selbständig

Die Laptops haben ihren Platz an Computerecken in den Klassenzimmern. Dort sind auch die wichtigsten Anleitungen zu finden. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Ein Stockwerk weiter oben machen die Kinder der 3. Klasse gerade den Surfschein des Internet-ABC. Dazu hat Klassenlehrerin Sina Mikinac noch einige Laptops zusätzlich ins Zimmer geholt – die Vierer sind ohnehin im Sport. Auch hier sitzen manche Kinder an Tischen vor dem Zimmer, doch alle haben einen Computer an ihrem Platz und arbeiten konzentriert. Die Lehrerin geht durch die Reihen, berät, unterstützt. Dadurch, dass sich die Kinder schon im Anfangsunterricht mit dem Computer vertraut gemacht haben, arbeiten sie in Klasse 3 nun völlig selbständig damit. Wenn sie einmal nicht mehr weiter wissen, dann finden sie in der Computerecke zu allen wichtigen Themen wie Drucken oder Speichern eine kurze, bebilderte Anleitung. Die Aus- und Eingänge für Kopfhörer und Mikrofon sind farblich markiert.

Für ihre Buchpräsentationen recherchierten die Zweitklässler Autoreninfos im Netz und druckten ihre Texte aus. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Frau Mikinac unterrichtet alle Fächer in der Klasse. Am meisten arbeitet sie in Deutsch und im Sachunterricht mit den Computern. Besonders im Sachunterricht wird häufig das Internet benutzt, etwa zur Recherche auf Kindersuchmaschinen wie Blinde Kuh und FragFinn. So haben die Kinder im laufenden Schuljahr Plakate zum Thema Mittelalter erstellt. Sowohl Informationen als auch Bilder haben sie dazu im Netz recherchiert. Während solcher Rechercheaufgaben werden dann auch Themen wie Bildrechte thematisiert, um die Kinder früh zu sensibilisieren. Ähnlich wurde bei den Buchpräsentationen in Deutsch verfahren, wo die Kinder Informationen über die Autoren zusammentrugen. „Ich biete aber immer auch Bücher zur Recherche an: Es gilt immer zu hinterfragen, wo es sinnvoll ist, den Computer einzusetzen. Am Anfang waren die Kinder immer ganz schnell dabei, dass sie den Computer nutzen wollten. Mittlerweile wissen sie es ganz gut, wo es Sinn hat und wo nicht“, so Mikinac.

 

Doch auch in anderen Fächern bietet ihr die Technik ganz praktische Vorteile: „Wenn ich in Kunst eine Falttechnik mit der Dokumentenkamera und dem Interaktiven Whiteboard vorführe, dann können das einfach alle viel besser sehen.“ In Mathematik wolle man demnächst damit beginnen, mit Excel zu arbeiten.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Den Drittklässlerinnen Nina und Clara fällt das Tippen an der Tastatur leichter als das Schreiben mit dem Stift. Bild: Jiří Hönes / LMZ

Neben diesen eher alltäglichen Unterrichtsvorhaben hat sie in Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Herrn Steurer auch einige größere Medienprojekte auf die Beine gestellt, etwa eine GPS-Schnitzeljagd durch die Reben, eine Hörspielproduktion, ebenfalls im Rahmen der Mittelalter-Einheit, sowie ein Comic-Projekt, bei dem mit iPads aus dem Kreismedienzentrum gearbeitet wurde. Das alles wird auf der schuleigenen Internetseite vorgestellt. „Die Schülerinnen und Schüler schreiben auf freiwilliger Basis gerne auch zuhause Berichte für die Internetseiten und schicken sie mir dann per E-Mail“, so die begeisterte Lehrerin.

 

Die Kompetenzen, die die Kinder von zuhause mitbringen, sind recht unterschiedlich. Steurer beobachtet, dass sie sich mit dem „klassischen Computer“ immer weniger auskennen. Er erklärt dies mit der steigenden Verbreitung von Tablets und Smartphones im privaten Bereich. „Die Erstklässler versuchen gerne mal, auf dem Bildschirm zu wischen. Grundlagen wie der Umgang mit der Maus, ein Doppelklick, das sind Dinge, die sie meist erst bei uns lernen.“ Dadurch, dass man bereits in der ersten Klasse behutsam anfange, würden sich diese Unterschiede jedoch schnell nivellieren.

 

In welchem Umfang die Schülerinnen und Schüler zuhause Zugang zu Computer und Internet haben, das ist ebenfalls sehr unterschiedlich: „Es gibt Kinder, die dürfen überhaupt nicht an den elterlichen PC, andere werden von ihren Eltern begleitet und unterstützt, während wieder andere zum Kommunion ein Tablet bekommen und damit rund um die Uhr uneingeschränkten Internetzugang haben“, so Frank Steurer. Soziale Netzwerke und Messenger-Apps wie WhatsApp seien bislang nur punktuell ein Thema bei einigen Viertklässlern, die bereits ein Smartphone besäßen. „Wir versuchen mit Elternabenden Aufklärungsarbeit zu leisten, etwa über die Chancen und Gefahren der Internetnutzung.“ Es gebe seitens der Eltern mitunter durchaus Vorbehalte gegen die Internetnutzung in der Schule, die jedoch durch Aufklärungsarbeit meist ausgeräumt werden könnten. Es gebe manchmal Befürchtungen, die Kinder säßen nur noch stundenlang an den PCs, was natürlich nicht so sei, so Mikinac: „Die Kinder verbringen an einem Schulvormittag vielleicht 20 Minuten an den Computern.“ Im Großen und Ganzen stünden die Eltern jedoch hinter der Medienbildung und hätten die pädagogische Notwendigkeit erkannt. „Beim iPad-Projekt haben uns auch einige Eltern tatkräftig unterstützt und sich als Aufsichtspersonen angeboten, als wir draußen Fotos gemacht haben.“

Reges Interesse im Landkreis

Unterstützung erfährt die Schule auch von der Stadtverwaltung Bühl und dem zuständige Schulamt in Rastatt. „Man sieht die Notwendigkeit, gerade vor dem Hintergrund der neuen Bildungspläne ab 2016“, so Steurer. Von Seiten des Schulamts habe man Frau Mikinac für zwei Stunden freigestellt, dass sie sich um die Fortentwicklung des Mediencurriculums und um die Referenzschultätigkeiten kümmern kann. Eine weitere Deputatsstunde erhält sie über das Projekt des LMZ. Diese Stunden liegen auf dem Donnerstag, wo auch oft Herr Steurer im Haus ist: „Das ist enorm von Vorteil, wenn man gemeinsam Ideen ausarbeiten will oder den Besuch von anderen Kollegien vorbereitet.“

 

Schon zahlreiche Schulteams aus dem Landkreis haben ihr Interesse gezeigt und sich vor Ort informiert. „Da gibt es enormen Beratungsbedarf, in technischer wie in pädagogischer Hinsicht.“ Oft sei auch die Kompetenz des Schulnetzberaters Alexander Fischer gefragt, etwa wenn es um die Verkabelung oder die Ausstattung mit WLAN-Routern ginge. Demnächst habe sich eine Grundschule angekündigt, „die bringen gleich den Bürgermeister mit“, so Steurer. Man veranstalte auch oft pädagogische Tage mit Schwerpunkt auf der Medienentwicklungsplanung, das habe sich bewährt. „Wir zeigen den Gästen, wie wir hier arbeiten: die Ausrüstung, das Mediencurriculum, Arbeitsergebnisse der Kinder.

 

Für Frau Kewitz war das Referenzschulkonzept die logische Konsequenz aus der Teilnahme am Pilotprojekt Grundschule. „Wir wollten weiter machen, auch deshalb, weil die Medienbildung in den neuen Bildungsplänen stehen wird.“ Man habe ein motiviertes Team und im Großen und Ganzen sehr „liebe, brave und wohlerzogene Kinder“, daher habe man beste Voraussetzungen für die Rolle als Referenzschule. Drei weitere Schulen im Landkreis sind schon dabei, die Erkenntnisse aus Altschweier in die Praxis umzusetzen: Unzhurst, Steinmauern und Elchesheim-Illingen. Obwohl es sich um recht kleine Orte handle, hätten die Schulen volle Unterstützung durch die Gemeinden.

 

Für Ende des Jahres steht ein Referenzschulnachmittag mit Workshops an, die Planungen dafür sind gerade angelaufen. „Das soll so praxisorientiert wie möglich werden“, so Mikinac. Es zeigt sich, dass das Referenzschulmodell erste Früchte trägt.


Wenn Sie Interesse haben, auch an Ihrer Grundschule einen ersten Schritt zu gehen, dann wenden Sie sich an eine der Referenzschulen, die es bereits in zahlreichen anderen Landkreisen gibt. Eine Übersicht finden Sie hier.

Computer / Hardware, Grundschule, Interview, Lehrkräfte, Medienbildung

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