MediaCulture-Online Blog

10.07.2014 | Henriette Carle

Selfies, Sexting & Sport-Apps – Bericht von der ajs-Tagung

Smartphones und jugendliche Kommunikationskultur

Die Kamera ist für Jugendliche eine der wichtigsten Funktionen eines Smartphones und sie selbst gehören zu den zentralen Motiven, die damit aufgenommen werden. Seit das Selfie vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres 2013 gewählt wurde, ist es auch im medialen Diskurs angekommen. Selbst wenn nicht jedes Selfie den Weg in die Öffentlichkeit findet, sind es immer noch Millionen Selbstporträts, die täglich bei Netzwerken wie Facebook oder Instagram gepostet werden. Bei der Fachtagung Mobil und vernetzt – 10 Jahre Web 2.0 der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg sprach Professor Dr. Nicola Döring, Medienpsychologin der TU Ilmenau, in ihrem Vortrag über das Phänomen Selfie im Allgemeinen und über spezielle Ausprägungen wie Sexting.

Ist die Generation Selfie besonders selbstverliebt?

Sowohl in den Medien als auch in der Fachliteratur wird darüber diskutiert, ob diese Fülle von Selfies Ausdruck einer besonderen Selbstverliebtheit der Jugendlichen ist. Die amerikanische Psychologin Jean Twenge geht zum Beispiel von einer übertriebenen Selbstwahrnehmung und einem zunehmenden Narzissmus dieser Generation aus, deren Ursache sie unter anderem in einem typischen modernen Erziehungsstil sieht. Dieser ziele vor allem darauf, das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken und jedem Kind zu vermitteln, etwas ganz Besonderes zu sein. Döring verwies aber auch auf die Gegenthese, die argumentiert, dass ein gewisser Narzissmus und Egozentrismus bezeichnend für die Jugendphase aller Generationen sei – durch Smartphones werde dieser lediglich besonders sichtbar.

 

Auf jeden Fall sind Selfies nicht nur ein Jugendtrend. In den Medien inszenieren sowohl Stars wie Justin Bieber Authentizität durch die Verbreitung von Selfies als auch Politiker wie Barack Obama, der zum Beispiel bei der Trauerfeier von Nelson Mandela gemeinsam mit dem britischen Premierminister David Cameron und der dänischen Premierministerin Helle Thorning Schmidt gemeinsam ein Selfie machte.

 

Döring betont, dass Jugendliche Trends wie Selfies nicht nur aufgreifen, sondern sie auch weiterentwickeln, variieren und parodieren, wodurch ein Prozess der Aneignung stattfindet. Auf diese Weise ermögliche die Internetkultur auch eine kritische Reflexion dieser Phänomene. Das Aufwachsen mit geschönten Fotos führe bei Mädchen zum Beispiel durchaus zu einem Nachahmungseffekt und dem Druck, sich selbst schön und sexy zu inszenieren. Durch diese Nachahmung entstehen stereotype Gesten und Mimiken, die sich in zahlreichen Profilbildern Sozialer Netzwerke wiederfinden. Das typische Posieren mit Schmollmund wird im Netz wiederum unter dem Begriff Duck-Face parodiert.

Anti-Sexting-Kampagnen schieben dem Opfer selbst die Schuld zu

Der mediale Diskurs erzählt Sexting-Geschichten gerne so: Ein Mädchen ist verliebt, lässt sich zum Sexting überreden, schickt einem Jungen intime Bilder oder Videos, der gibt sie weiter und bald kennt die ganze Schule die Aufnahmen; aus der Sexting- wird eine Cybermobbing-Geschichte und das Mädchen wird ihres Lebens nicht mehr froh. Diese Geschichten sind gerne auch Teil von Kampagnen, die vor allem Mädchen davor warnen sollen, selbst solche Aufnahmen zu machen und zu verschicken. Ein Beispiel dafür ist die Schweizer Anti-Sexting-Kampagne von Pro Juventute mit dem Slogan „Sexting kann dich berühmt machen. Auch wenn du es gar nicht willst.“.

Bild: © Pro Juventute

Döring kritisiert, dass diese Art von alarmistischen Geschichten und Warnungen den Blick verzerren. Schließlich mache nur eine Minderheit der Jugendlichen Sexting, die Weitergabe dieser Aufnahmen sei nicht der Normalfall und selbstverständlich illegal. Auch zeige sich in der Diskussion weiterhin eine sexuelle Doppelmoral, nach der Mädchen für das Verschicken von Sexting-Bildern besonders geächtet werden. Ein Diskurs, der die Botschaft vermittelt, dass Mädchen keine kompromittierenden Bilder machen sollen, weil sie sonst selbst Schuld sind, wenn sie Opfer von Cybermobbing werden, betreibe letztlich nichts anderes als Victim-Blaming – eine Täter-Opfer-Umkehr, die wir in der Diskussion um Vergewaltigungen bereits hinter uns gelassen haben.  

 

Dabei ist fraglich, ob eine abstinenzorientierte Herangehensweise an das Thema wirklich sinnvoll und passend für unsere Gesellschaft ist. Viele Eltern erlauben 17-Jährigen zum Beispiel, eine Freundin bzw. einen Freund zu haben, der oder dem sie sich auch nackt zeigen dürfen. Der Austausch von sexy Selfies würde zwar nur von einer Minderheit der Jugendlichen praktiziert, könne aber letztlich Bestandteil einer normalen Intim-Kommunikation im Handy-Zeitalter sein, die Jugendlichen ansonsten eigentlich zugestanden wird. Hat sich ein Mädchen also wirklich falsch verhalten, wenn sie ihrem Freund ein Nacktbild schickt? Müsste in der Diskussion um Sexting nicht eher die Weitergabe des Bildes problematisiert werden?

Der „spornosexuelle“ Mann

Fußballnationalspieler Mesut Özil twittert ein Selfie mit nacktem Oberkörper.

Doch nicht nur Mädchen müssen sich mit geschlechterstereotypen Bildern und Verhaltensweisen auseinandersetzen. Ein neuer Trend, dem sich Jungen anschließen können, ist der „spornosexuelle“ Mann. Die Wortschöpfung aus Sport, Porno und sexuell beschreibt die erotische Inszenierung von durchtrainierten Männerkörpern. Dementsprechend voll ist das Netz mit Selfies von jungen Männern, die ihre Muckies vorführen. Passend dazu gibt es eine Fülle von Sport-Apps, die sich als persönlicher Trainer anbieten und bei denen man seine sportlichen Leistungen auch gleich über Soziale Netzwerke präsentieren kann. Fitness-You-Tuber wie Goeerki leiten nicht nur zum Training an, sondern sind auch neue Rollenmodelle für die Jugendlichen. Für Döring handelt es sich um ein durchaus ambivalentes Phänomen, denn einerseits erzeugen diese Vorbilder einen Leistungsdruck und fördern den Körperkult, andererseits sind sie Stars zum Anfassen und nehmen für viele Jungen die Rolle eines großen Bruders ein. In den Videos und im Dialog bei den Kommentaren werden dann nicht nur Tipps fürs Bauchmuskeltraining gegeben, sondern es wird auch geraten, die Schule nicht zu vernachlässigen oder rechtzeitig ins Bett zu gehen.

 

Diese ambivalenten Effekte greift Döring auch in ihrem Fazit auf. Denn einerseits würden die neuen Medien zum Empowerment beitragen, indem sie Jugendlichen eine Teilhabe ermöglichen, und gleichzeitig könnten Einschränkungen und damit ein Disempowerment ausgemacht werden.

Texte zum Thema in unserer Online-Bibliothek

Nicola Döring:
Sexting. Fakten und Fiktionen über den Austausch erotischer Handyfotos unter Jugendlichen.

Eva Borries:
„Generation Porno? Jetzt entscheide ich!“ Wie wir Mädchen fit machen für den Umgang mit Pornografie und Sexting.

 

Rebekka Balsam:

Selbstinszenierung durch Fotografie. Die Pose als Mittel der Selbstdarstellung am Beispiel von Studi-VZ.

 

Unterrichtsmodule

 

Let's talk about Porno: Schönheitsideale

 

Selbstdarstellung und Datenschutz im Internet

 

Körper: Zwischen Lust und Frust

Außerschulische Pädagogik, Cybermobbing, Eltern, Lehrkräfte, Pornografie, Smartphone / Tablet, Soziale Netzwerke, Studierende

Michael, 18.07.2014 um 08:37
Hallo Frau Carle, auch mit einem DVD-Titel des Medienzentrenverbundes ist die Sexting-Problematik inzwischen n der Schule bearbeitbar. Auch der Begutachtung kann man ansehen, wie ambivalent das gesehen wird: http://medienrecherche.lmz-bw.de/?doc=search&template=refresh&nr=4671638
Henriette Carle, 22.07.2014 um 13:51
Vielen Dank für den Link! Gut, dass die didaktischen Hinweise so differenziert sind.
Maria Magdalena, 27.07.2014 um 11:56
Jiří Hönes, 30.07.2014 um 09:25
Bei medienbewusst.de ist aktuell ein lesenswerter Beitrag über Sexting von Nicola Döring erschienen: http://medienbewusst.de/handy/20140729/warum-sexting-unter-jugendlichen-kein-problem-ist.html#2
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