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24.03.2014 | Constantin Schnell

Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit

Auf dem Ludwigshafener Kongress, organisiert von Medien+Bildung.com, kamen Medienpädagogen aus ganz Deutschland zusammen; Bild: LMK

Sendungen wie Germany's Next Topmodel, Berlin – Tag & Nacht oder X-Diaries sind selbstverständliche Begleiter im Leben von Jugendlichen – und sie beeinflussen deren Sicht auf die Welt. Medienpädagogen aus verschiedenen Bundesländern haben Materialien entwickelt, um Jugendlichen den reflektierten Umgang mit solchen Sendungen zu ermöglichen. Auf der Tagung Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit in Ludwigshafen wurden diese Materialien vorgestellt und diskutiert, sowie weitere Handlungskonzepte erörtert.


All diese Formate – ob sie nun als Casting-Show, als Pseudo-Doku aus Ferienparadiesen bzw. deutschen Großstädten oder als Coaching-Shows erscheinen – haben eines gemeinsam: Sie tun so, als würden sie unmittelbare Realität dokumentieren. Doch in Wirklichkeit sind sie hochgradig inszeniert. Das Problem dabei: Viele (junge) Zuschauer erkennen das nicht. Der Unterschied zwischen Dokumentation und fiktionaler Inszenierung wird in den Sendungen verwischt.

Perfekt auf die Bedürfnisse Jugendlicher abgestimmt

Auf diese Problematik wies Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), in ihrem Eröffnungsreferat hin. Jugendliche könnten Reality-TV kaum entkommen – auf kommerziellen Sendern gehören im Nachmittags- und Vorabendprogramm 50 bis 88 (!) Prozent aller Sendungen diesem Typ an. Gemäß dem Titel ihres Vortrags Faszination und Bedeutung von Scripted Reality – Warum Pre-Teens und Jugendliche sich für Formate begeistern, die aussehen wie schlechte Dokumentationen, es aber nicht sind zeigte Maya Götz auf, dass die Reality-TV-Formate perfekt auf eine 13- bis 18-jährige Zielgruppe zugeschnitten sind: Die Sendungen greifen Themen aus der jugendlichen Lebenswelt  auf, haben oft Jugendliche (und auch Kinder) als Protagonisten und liefern einfache Problemlösungen. Die jungen Zuschauer können sich entweder identifizieren – oder sich „ablachend“ von den vermeintlichen „Dumpfbacken“ abgrenzen. Eines bleibt immer: Die Menschen, die Milieus, die Problembereiche (häufig Sexualität und Beziehungen) und die Problemlösung – alles wird simplifiziert, stereotypisiert, verzerrt, übertrieben. Es besteht die Gefahr, dass Jugendliche denken: So ist die Welt.

Die vorgestellten Unterrichtsmaterialien

Anschließend wurden fünf verschiedene Ansätze vorgestellt, um mit Jugendlichen zum Thema Reality-TV zu arbeiten:

 

Spannend war auch ein weiteres Projekt, das Karen Schönherr präsentierte. Darin wurde das Thema Reality-TV auf die Theaterbühne gebracht: Schüler spielen die Produktion einer Dokusoap.

Es könnte so einfach sein

Die Ludwigshafener Lehrerin Jana Weber (li.) diskutiert mit Dr. Maya Götz (IZI) und Mechthild Appelhoff (lfm, re.); Bild: LMK

Bei der Tagung diskutierten die Medienpädagogen auch darüber, welcher Handlungsbedarf weiterhin besteht. Dass es ihn gibt, ist offensichtlich, denn die Reality-TV-Flut hält an. Eine der Forderungen seitens der Medienpädagogik lautet, noch mehr gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen und damit noch stärker auch Eltern in die Pflicht zu nehmen, mit ihren Kindern über diese Formate zu sprechen.


Eine zweite Stoßrichtung ist der Dialog mit den Machern, den Redakteuren, Produzenten und Autoren. Die erscheinen zwar selten bis nie auf medienpädagogischen Kongressen, stehen andererseits dem Thema aber aufgeschlossen gegenüber. Soll heißen: Wenn man die Macher auf die pädagogische Problematik anspricht, kommt oft ein „So habe ich das ja noch nie gesehen“ – und ein tatsächliches Nachdenken. Am sinnvollsten, einfachsten und kostengünstigsten wäre es aber, der Hauptforderung der Medienpädagogen nachzukommen. Nämlich vor jede Sendung eine gut sichtbare Tafel anzubringen, die etwa so aussehen könnte:

Film, Jugendmedienschutz, Medienbildung, Sekundarstufe, Tagungsdokumentation

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