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08.10.2014 | Anja Lochner

Medienpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe – Bericht von der ajs-Tagung

Diskussionsrunde v.l.n.r: Benjamin Götz, Reinhold Gravelmann, Nadia Kutscher, Rüdiger Scholz; Bild: LMZ

Soziale Ungleichheiten werden auch im digitalen Raum reproduziert", so eröffnete Marion von Wartenberg, Vorsitzende der ajs und Staatssekretärin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, Medienpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe der Aktion Jugendschutz (ajs) am 1. Oktober 2014 in Stuttgart. Die Staatsekretärin verwies darauf, dass Jugendhilfe "junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen [soll], Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen" (KJHG § 1 (3)). Ingo Nave von Landesanstalt für Kommunikation (LFK) plädierte in diesem Zusammenhang für eine feste Implementierung von Medienerziehung in den Hilfeplanverfahren.

 

Bei der Tagung ging es um die zunehmende Mediatisierung unserer Gesellschaft, die Rolle von Sozialen Netzwerken, die Funktion mobiler Medien für Jugendliche, Datenschutz, soziale Ungleichheit und die Bedeutung all dessen für die Kinder- und Jugendhilfe.

Mediatisierung als Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe

Im sehr dichten Vortrag von Prof. Dr. Nadia Kutscher von der Universität Vechta ging es um den Umgang mit persönlichen Daten in Sozialen Netzwerken, Big Data, die digitale Ungleichheit bei Teilhabe- und Bildungschancen sowie die damit verbundenen Widersprüche und Spannungsfelder für die Kinder- und Jugendhilfe mit ihren strukturellen und organisatorischen Besonderheiten. Kutscher forderte insgesamt eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Mediatisierung. Es gelte, die qualitativen Veränderungen in den Blick zu nehmen.

Soziale Medien als ambivalente Räume und Praktiken

Bild: LMZ

Die Professorin für Soziale Arbeit und Ethik, die auch am 14. Kinder- und Jugendbericht mitgeschrieben hat, erläuterte, dass Jugendliche Netzwerke beispielsweise als Rückzugsräume für die Peerkommunikation und zur Bewältigung von normalen Entwicklungsaufgaben wie z.B. Identitätsbildung nutzen. Mobile Geräte ermöglichen außerdem eine relative Autonomie den Eltern oder anderen Erziehungsberechtigten gegenüber. Gleichzeitig bergen Normierungen wie der „Druck der Antwortfrequenz“, der „implizite Zwang zur Selbstauskunft“ oder das Ablehnen von Freundschaftsanfragen ein nicht zu unterschätzendes Stresspotenzial. Zudem besteht eine große Diskrepanz zwischen der individuellen Aufgeklärtheit und dem faktischen Handeln der Jugendlichen. So wird etwa die soziale Zugehörigkeit zur Peergroup höher bewertet als der Kontrollverlust über die eigenen Daten.

 

Zugleich findet eine Pädagogisierung von Räumen statt, die sich Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen bisher entzogen haben. So können Jugendhelferinnen und -helfer sozusagen fürsorgliche Kontrolle ausüben, indem sie beispielsweise Jugendliche oder Gruppen in Sozialen Netzwerken direkt ansprechen: "Was macht Ihr da?" oder auch „Kann ich helfen?“ Zugleich liege auch im eigenen Medienhandeln eine Erziehungsverantwortung von Eltern und Fachkräften: „Was machen wir, was verlangen wir von den Kindern und Jugendlichen?“

 

Big Data

 

Bedenklich sind auch die Logiken der Algorithmen. Denn neben zahlreichen offensichtlichen Vorteilen wie unmittelbarer Kommunikation, Beziehungspflege, Contentverwaltung, Publikationsmöglichkeiten und simpler Bedienbarkeit haben Netzwerke wie Facebook, WhatsApp oder Google+ auch Nachteile wie unzureichenden Datenschutz, Big Data und die damit verbundene Datenaggregation. Big Data meint in diesem Zusammenhang die Masse sämtlicher Daten, die erzeugt werden, wie z.B. Statusmeldungen, Suchanfragen, Chats, Synchronisierung von sozialen Kontakten, Playlists, Up- und Downloads auf YouTube usw.

 

Als problematisch daran sehen Datenschützer die Zusammenführung und Auswertung all dieser Metadaten, da diese es ermöglichen, gestochen scharfe Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Als Beispiel führt Kutscher die Polizei in Chicago an, die mithilfe von aggregierten Daten die Wahrscheinlichkeit für das Begehen von Verbrechen berechnen will. Auch Nordrhein-Westphalen teste Möglichkeiten der Kriminalitätsvorhersage. Andere Regierungen nutzen mittlerweile Big Data, um gesellschaftliche Unruhen vorhersagen zu können. Ein weiteres Ziel sind individualisierte Vorschläge oder Angebote, die Nutzerinnen und Nutzern gemacht werden - der Wirtschaft stehen damit möglicherweise goldene Zeiten bevor. So kollidieren Bestrebungen von Behörden und Industrie mit Persönlichkeitsrechten des Einzelnen. Paradox daran ist, dass die Verantwortung, die sich ab einem bestimmten Punkt der eigenen Kontrolle entzieht, jedoch den Individuen bzw. einzelnen Institutionen zugeschoben wird.

 

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Medien im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe besonders prekär, wenn z.B. Daten der Falldiagnostik und -dokumentation, Beratungsinhalte oder Kontaktinformationen mit weiteren privaten Informationen über Personen zusammengebracht werden. Und insgesamt, so Kutscher, stelle die Datenprekarität faktisch ein weitaus größeres Problem dar als die im öffentlichen Diskurs viel häufiger thematisierten Gefahren wie Cybermobbing, Happy Slapping o.ä. Dies erfordere dringend Konzepte aufseiten der Träger von Einrichtungen, die sich der Frage stellen: "Wie gehen wir mit Daten um?"

 

Soziale Ungleichheit

 

Als weiteren Aspekt benannte Kutscher die soziale Ungleichheit, die in der analogen Welt bereits bestehe und sich in der digitalen Welt reproduziere. Denn auch wenn sozial benachteiligte Jugendliche Inhalte hoch- und runterladen können, so nutzen sie doch in der Regel eher selten Online-Petitionen oder Flashmobs. Damit hätten sie weniger Partizipationsmöglichkeiten. Kutscher sprach in diesem Zusammenhang von einer „Kompetenzkluft“, die darauf beruhe, dass Jugendlichen unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung stehen oder, mit den Worten Pierre Bourdieus: unterschiedliches soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital.

Diskussion: Was brauchen Einrichtungen?

Die folgende Diskussionsrunde mit Nadia Kutscher, Benjamin Götz (Sozialarbeiter, Evangelische Gesellschaft Stuttgart, Hilfen zur Erziehung; LandesNetzWerk für medienpädagogische Elternarbeit der ajs), Rüdiger Scholz (Diplomsozialpädagoge, Bereichsleiter Fachzentrum Kinder- und Familienhilfe Bethel Norden) und Reinhold Gravelmann (Diplomsozialarbeiter, Referent des AFET Bundesverband für Erziehungshilfe) als Moderator stellte sich Fragen wie: Können wir überhaupt noch Soziale Medien nutzen? Wie gehen wir mit dieser neuen Sozialisationsinstanz, neben Familie, Schule und Peergroup, um? Oder ganz praktisch: Schafft man in neuen Wohnräumen erst einmal alle technischen Voraussetzungen, ohne sie jedoch freizuschalten? Oder stellt man als Einrichtung einen Laptop zur Verfügung? Kutscher meinte dazu: „Vermeidung hat überhaupt keinen Sinn. Aber es gibt keine einfache Lösung, wie z.B. Handyverbot an der Schule. Nur auf Gefahren verweisen bringt es nicht. Wir brauchen eher ein erfahrungsbasiertes Umgehen, bei dem klar wird, wo die Spannungen liegen. Wir müssen in der Kinder- und Jugendhilfe informieren und besser Bescheid wissen, als das bisher der Fall ist.“ Neben dem Vermeiden gebe es außerdem das "euphorische technische Voranpreschen"; beiden Haltungen fehle jedoch die pädagogische Reflexion.


Benjamin Götz pflichtete dem bei: Die Reaktion in der Kinder- und Jugendhilfe komme spät. Äußerungen zum Thema Medien seien häufig eine persönliche Haltungsfrage, selten fachlich durchdacht. Die Beschäftigung damit sei dringend nötig, sonst nehmen sich die Erwachsenen aus der Verantwortung und lassen die Kinder und Jugendlichen mit dem Thema allein.


Einigkeit herrschte darüber, dass sich die Zunft der Kinder- und Jugendhilfe verstärkt mit dem Thema der Mediatisierung auseinandersetzen müsse, es sich aber nicht auf der individuellen Ebene lösen lasse. Da das Problem demnach eine strukturelle Lösung erfordere, bestehe vor allem aufseiten der Trägerebene Handlungsbedarf. Reinhold Gravelmann kritisierte die starke Fokussierung der Medienpädagogik auf den Jugendmedienschutz, forderte die Rückbesinnung auf deren Grundidee und forderte Aufklärung und Weiterbildung in den eigenen Reihen.

Handysektor: Frische Infos zu Apps, Smartphones und Tablets

Bild: LMZ

Apps sind praktisch, teilweise aber etwas übergriffig. So wollen viele dieser Miniprogramme für Smartphones bei der Installation oft auch die Berechtigung, auf Adressbuch, Kalender, SMS oder andere Funktionen zuzugreifen. Im Workshop von handysektor riet Projektleiter Markus Merkle daher dringend dazu, sich vor dem Herunterladen (Android) bzw. der Installation (iOS) der jeweiligen App sorgfältig die Berechtigungen und die AGB durchzulesen. Darüber hinaus informierte Merkle über Virenschutz-Apps und Diebstahlschutz: Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang PIN und Passwort (Muster, Face Unlock, Bildcode oder Fingerabdruck gelten als eher unsicher), Tauglichkeit von Letzterem kann man auf der Seite www.checkdeinpasswort.de testen. Als mögliche Kostenfallen, auf die man als Eltern achten sollte, nannte Merkle Internetzugang, Service-Rufnummern, Premium-SMS (fünfstellig), SMS-Abo (kann man beim Anbieter sperren lassen), WAP-Billing (Drittanbietersperre) oder In-App-Käufe (z.B. Käufe innerhalb von Spielen, z.B. Clash of Clans – Strategiespiel mit Suchtfaktor und Kostenfalle).

 

Die derzeit beliebteste App bei Jugendlichen ist WhatsApp. Mit dem Instantmessenger kann man kostenlos Nachrichten in Text, Bild, Ton und Video verschicken und (auch in Gruppen) chatten. 31 Millionen Menschen nutzen diese App in Deutschland, mehr als 17 Milliarden Nachrichten werden täglich damit verschickt. Da WhatsApp wegen mangelhafter Verschlüsselung und unzureichenden Datenschutzes in der Kritik steht, stellte Merkle auch sicherere Alternativen vor wie z.B. Telegram oder Threema. Als heikel gilt WhatsApp auch, seit Facebook den Messenger Anfang 2014 aufgekauft hat (ebenso wie die Fotoplattform Instagram), sodass sämtliche Daten dieser Dienste nun bei ein und demselben Anbieter liegen. Zur Löschung von Handydaten empfahl Merkle grundsätzlich: „Immer erst verschlüsseln, dann schreddern!“

Benjamin Götz: Medien sind neues Querschnittsthema

Bild: LMZ

Benjamin Götz ist u.a. Sozialarbeiter bei den Hilfen zur Erziehung Stuttgart (eva), Lehrbeauftragter an der Hochschule Esslingen und Referent für medienpädagogische Elternarbeit (ajs). Wir haben mit ihm über Medienerziehung und die besondere Situation in stationären Hilfen zur Erziehung gesprochen.

 

Der größte Unterschied zum Elternhaus, so Götz, ist der, dass die Kinder und Jugendlichen in einem pädagogischen Umfeld aufwachsen. Eltern haben eine größere Freiheit, was die Erziehung betrifft, in einer Wohngruppe herrschen andere Regularien. Dafür bietet dieses Setting aber beispielsweise die Möglichkeit, Medienerziehung als Workshop oder Projekt zu implementieren: „Kinder werden bei uns von Anfang an eingebunden. Wir führen z.B. medienpädagogische Workshops mit den eigenen Smartphones oder Trickfilmworkshops durch. Außerdem haben wir weitere Projekte beantragt, z.B. ein Fotoprojekt oder ein Peer-Projekt, bei dem Jugendliche aus der Wohngruppe ausgebildet werden und generationenübergreifend ihr Wissen vermitteln: Gegenüber von unserer Einrichtung gibt es ein Seniorenstift, mit dem man zusammenarbeiten könnte.“

 

Götz sieht in den Medien ein neues Querschnittsthema, das viele Bereiche betrifft und bei Kindern und Jugendlichen einen großen Raum einnimmt. Das Problem vieler Erziehungsberechtigten und auch Einrichtungen: „Wir hinken da 15 Jahre hinterher, auch in der Ausbildung.“ Und was ist nötig, um die Medienpädagogik in die Kinder- und Jugendhilfe zu bringen? „Wir brauchen ein Bewusstsein für den Umgang mit Daten. Die Einrichtungen brauchen neue Konzeptionen und es braucht eine Offenheit für Neues.“

Bildergalerie mit Tagungsimpressionen

Jugendherberge Stuttgart: Terrasse

Perspektiven für den Kinder- und Jugendschutz

Marion von Wartenberg (Vorsitzende der ajs, Staatssekretärin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg)

Ingo Nave (LFK)

Henrik Blaich (ajs)

Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität Vechta)

Diskussionsrunde; v.l.n.r.: Benjamin Götz, Reinhold Gravelmann, Nadia Kutscher, Rüdiger Scholz

Elke Sauerteig (Geschäftsführerin der ajs) und Benjamin Götz

Dr. Ida Pöttinger (Vorsitzende der GMK, Referentin der LFK) in der Diskussionsrunde

Christiane Bollig (Hilfe zur Selbsthilfe e.V., Medienscouts)

Erste Reihe

links: Publikumsbesuch in der Fishbowl-Diskussion

Mittagessen auf der Terrasse

Publikum

Publikum von hinten

Publikum von vorne

v.l.n.r.: Benjamin Götz, Reinhold Gravelmann, Nadia Kutscher, Rüdiger Scholz

Kerstin Heinemann (Medienpädagogische Refrentin, JFF)

Kerstin Heinemann: Workshop „Webhelm – Medienpädagogische Materialien und Methoden“

Benjamin Götz: Workshop „Medienpädagogik in stationären Wohngruppen“

Workshop „Medienpädagogik in stationären Wohngruppen“

Christiane Bollig: Workshop „Medienscouts in der Kinder- und Jugendhilfe – Erfahrungen aus einem Peer-Education-Projekt“

Workshop „Medienscouts in der Kinder- und Jugendhilfe – Erfahrungen aus einem Peer-Education-Projekt“

Julian Ehehalt: Workshop „Trickfilmnetzwerk Baden-Württemberg“

Markus Merkle von handysektor

Markus Merkle: Workshop „Handysektor – Frische Infos zu Apps, Smartphones und Tablets“

Weiterführende Links

Audio-Beiträge der Tagung: Vortrag von Prof. Dr. Nadia Kutscher und Diskussionsrunde „Selbstverständlich Medien“ – und was Einrichtungen dafür benötigen

 

Kutscher, Nadia: Ungleiche Teilhabe – Überlegungen zur Normativität des Medienkompetenzbegriffs (PDF)

 

14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (PDF)

 

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westphalen (LfM): Big Data

 

LfM (Hrsg.): Digitalkompakt: Kleine Daten, große Wirkung Big. Data einfach auf den Punkt gebracht. (PDF)

 

handysektor:Smartphone-Berechtigungen: Deine Apps haben Datenhunger!

 

handysektor:Smart mobil?! Der Elternratgeber

 

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