MediaCulture-Online Blog

10.09.2014 | Annette Stetter

Lernmaterialien von Google – mit Vorsicht zu genießen

Google Doodle zum 142. Geburtstag von Maria Montessori; Bild: Google

In Onlinetauschbörsen oder didaktischen und pädagogischen Fortbildungen: Wo Lehrerinnen und Lehrer Inspiration für ihre Unterrichtsmaterialien finden, ist unterschiedlich. Neben Datenbanken wie SESAM und Verlagen treten auch reichlich kommerzielle Unternehmen und Interessensverbände mit Angeboten auf. Google Deutschland bietet seit September 2013 Materialien für den Unterricht zum Jugendmedienschutz an. Ist es sinnvoll und vertretbar als Lehrerin bzw. Lehrer die Lernmaterialien von Google zu verwenden? Wie ist deren Qualität?

 

Recherchieren, Informieren, Kommunizieren, Unterhalten: Medien in der Lebenswelt von Jugendlichen heißt die Reihe aus sechs kostenlosen Themenheften. Neben einer Einführung in den Jugendmedienschutz und dem Thema Realität und Fiktion in den Medien nimmt sich Google auch der Themen Nachrichtensendungen verstehen und selbst erstellen, Jugend und Internet sowie Jugend und Handy an. Zudem wird Lehrerinnen und Lehrern auch ein Werkzeugkasten zum kollaborativen Lernen im Internet angeboten. Alle sind unter www.medien-in-die-schule.de frei herunterladbar und gegliedert in Unterrichtseinheiten jeweils mit Einführungstexten zum Inhalt, groben Verlaufsplänen und Informations- und Arbeitsblättern. „Medien in die Schule“ – das klingt nach einem Werbeslogan. Oder brauchen wir wirklich Google, damit Medien in die Schule kommen? 

Angebote von Unternehmen und Interessensverbänden für die Schule

Warum machen Unternehmen und Interessensverbände Angebote für die Schule? Einen gesellschaftlichen Beitrag möchte man damit leisten, lautet oft die Begründung der Unternehmen für diese spezielle Form des Bildungssponsorings. Doch was steckt tatsächlich dahinter, wenn Google, der unumstrittene Marktführer für Suchmaschinen, Angebote für Lehrerinnen und Lehrer veröffentlicht? Eine Frage, über die viel spekuliert werden kann. Nur am Rande soll es hier um Unterrichtsmaterialien von kommerziell agierenden Unternehmen und Verbänden im Allgemeinen gehen, sondern vor allem um die sechs Hefte von Google.

 

„Wir möchten Lehrer_innen mit dem Material ermutigen, Medien nicht nur gezielt als didaktisches Mittel einzusetzen […] – sondern Medien, ihr Potential sowie mögliche Herausforderungen auch inhaltlich zu thematisieren.“ Mit diesen einleitenden Worten richtet sich Google an die Zielgruppe Lehrer. Aber geht es Google tatsächlich nur darum, Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen und Jugendlichen zu lebensnahen Inhalten in der Schule zu verhelfen? Wahrscheinlich nicht. Man könnte spekulieren, dass eine weitere Stabilisierung der Monopolstellung angestrebt wird, indem man Lehrkräfte mit Unterrichtsangeboten erreicht.

 

Google stellt mit der entstandenen Reihe nicht zum ersten Mal Arbeitsmaterialien für den Jugendmedienschutz bereit. Während Google an den durchaus empfehlenswerten Unterrichtsvorschlägen der EU-Initiative Klicksafe Wie finde ich, was ich suche? Suchmaschinen kompetent nutzen, erschienen im Januar 2013, nur mit eigenen Autoren beteiligt war, tritt Google nun bei den sechs aktuell besprochenen Unterrichtsheften als Herausgeber auf, übrigens auch mit Unterstützung des Telekommunikationsanbieters Telefonica.

Die Angebote von Google und deren Qualität aus Lehrersicht

Exemplarisch wird nun Heft 1 Einführung in den Jugendmedienschutz besprochen. Darin finden sich allgemeine Hintergrundinformationen, rechtliche Aspekte und Arbeitsblätter zur Ermittlung von Mediennutzungsgewohnheiten und unliebsamen Erfahrungen. Unterteilt wird dabei in Jugendmedienschutz in Fernsehen und Kino, im Internet und in Computerspielen. Außerdem werden die staatlichen Aufsichts- und Kontrollbehörden und die Mitherausgeber der Materialien, die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter e.V. (fsm) und die Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (fsf), kurz vorgestellt.

 

Nicht alle dargebotenen Unterrichtsskizzen und Arbeitsblätter sind als Einstieg in das Themenfeld Jugendmedienschutz geeignet, da die Einführung theoretisch gestaltet ist und man Jugendliche sicher näher an ihrer Lebenswelt fürs Thema begeistern kann. Generell stellt sich die Frage, ob der Jugendmedienschutz überhaupt so einer theorielastigen Einführung bedarf. Außerdem wird der Aspekt der Medienkontrolle aufgeführt und in staatliche und freiwillige Kontrollinstanzen unterteilt. Man fragt sich, warum dieser zentrale Punkt des Jugendmedienschutzes zwar angerissen, aber nicht tiefgreifender thematisiert wird. Vielleicht geht es nur um die Vorstellung der beteiligten Vereine fsf und fsm. Mir als Lehrerin ist das eher kein Anliegen. Interessanter wäre es, wenn in den Materialien beispielsweise deren Ergebnisse thematisiert würden, die ja durchaus eine Orientierung für die Mediennutzung bieten.

Schwerpunkt aktive Medienarbeit

In den Google-Materialien wird vorgeschlagen, eine fiktionale oder realitätsnahe Sendung zu drehen, um das Gelernte zu „Realität und Fiktion im Fernsehen“ umzusetzen. Aktive Medienarbeit ist eine große Bereicherung für den Unterricht und eine herausfordernde Aufgabe für Schülerinnen und Schüler. Viel öfter würde man sie sich an Schulen wünschen, da selbstständiges Arbeiten, Teamfähigkeit und Kreativität gefördert werden. Auch Google setzt auf diese Unterrichtsmethode. Ob man sich die Zeit im Unterricht für solche Projekte nimmt, bestimmen oftmals die Umstände des Schulalltags. Für die Umsetzung fehlt es an Schulen wahrscheinlich leider eher an Zeit, Platz und technischer Ausstattung als an den passenden Unterrichtsmaterialien.

 

Google reißt in den Unterrichtsvorschlägen viele wichtige Inhalte des Jugendmedienschutzes an und schlägt teilweise abwechslungsreiche Methoden vor. Als Beispiel lassen sich Cybermobbing oder das Lernen mit dem Smartphone im Themenheft Jugend und Handy – Ständig vernetzt mit Smartphone und Co. nennen. Der Werkzeugkasten für kollaboratives Lernen im Internet gibt eine brauchbare Übersicht beispielsweise über Webdienste zum Erstellen von Mindmaps oder zum gemeinsamen Arbeiten an Dokumenten mit Tools wie Prezi. Insgesamt kommt bei der Themenfülle leider die Nachhaltigkeit zu kurz. Ein spiralcurricularer Aufbau ist nicht erkennbar.

Kritisch prüfen

Die angebotenen Materialien sind didaktisch und inhaltlich an einigen Stellen brauchbar, zumindest als Anregung. Schade, dass der Name des Autors und dessen pädagogische Qualifikation den Materialien nicht entnommen werden können. Es wird auch keine Angabe gemacht, ob die Materialien jemals in der Praxis erprobt wurden. Quellen genau auf deren Glaubwürdigkeit zu prüfen ist bei wachsendem und nur noch schwer überschaubarem Angebot sicher ein Punkt, der für Lehrerinnen und Lehrer eine besonders große Rolle spielt.

 

Es ist nachvollziehbar, wenn Lehrerinnen und Lehrer sagen, dass sie Unterrichtsmaterialien von kommerziellen Anbietern wie Google und Interessensverbänden für den eigenen Unterricht nicht nutzen möchten. Allen anderen, die das nicht kategorisch ablehnen, sei sehr ans Herz gelegt, kritisch und genau zu prüfen, ob die Darstellung der Sachverhalte neutral und sachlich richtig ist oder eher interessengeleitet, ohne Kontext und verkürzt. Das lässt sich oft erst bei näherem Hinsehen erkennen. Im Artikel Wie Firmen und Verbände Meinungen steuern wollen der Süddeutschen Zeitung vom 12.September 2013 wird sogar die Forderung nach einer staatlichen Beobachtungsstelle laut, um einen kritischen Umgang mit derartigen Angeboten zu fördern.

 

Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer sind gleichzeitig studierte Medienpädagogen, doch Themen des Jugendmedienschutzes bestimmen zunehmend die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Wer Präventionsarbeit im Unterricht leisten möchte, aber eine gewisse Unsicherheit bei Themen des Jugendmedienschutzes verspürt, dem seien die Informationsseiten von MediaCultureOnline empfohlen, um sich ins Thema einzuarbeiten.

 

Im Internet findet man einige Stellungnahmen zu den Materialien von Google, die insgesamt zu einem eher kritischen Urteil kommen:

 

Lehrer-online vom 05.02.2014: Jugendliche und Medien: Freies Unterrichtsmaterial (OER)

Lehrer-online äußert sich im Februar 2014 relativ neutral.

 

heise online vom 25.09.2013: Google bietet Lehrmaterial für Schulen an – Lehrerverbände sehen das kritisch

Die Bedeutung neutraler Quellen und einer ausgewogenen Darstellung werden hervorgehoben und deshalb eher kritische Stimmen betont.

 

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vom 16.09.2013: „Da wird eine rote Linie überschritten"

Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt schulische Politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, äußert sich im Interview mit der Lehrergewerkschaft GEW besonders im Kontext sozialökonomischer Bildung gegen derartige Angebote im Unterricht.

Jugendmedienschutz, Lehrkräfte

cos, 22.09.2014 um 10:16
Machen wir uns nichts vor: Unternehmen und Branchenverbände haben nicht das Ziel, der Menscheit Gutes zu tun. Sondern Profitmaximierung (so einfach ist es nun mal).

Die vielen rhetorischen Fragen im Artikel, was Google mit diesem Material will, kann man also deutlich beantworten: seine eigenen Interessen verfolgen!!! Das ist nicht verwerflich. Aber es muss jedem klar sein.

Als Vater und Staatsbürger sage ich: In der Schule hat interessensgebundenes Material nichts zu suchen. Lehrerinnen und Lehrer, die solches Material einsetzen, sollten das SEHR kritisch tun, denn natürlich sind die Partikularinteressen sehr raffiniert in das Material gewoben.

Und wer sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, solch ein Material gründlich zu analysieren, könnte doch in derselben Zeit eigenes Material erstellen, oder?
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