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10.07.2014 | Laura Schröder

Die unabsehbaren Folgen der Digitalisierung der Gesellschaft – Medienethik-Award META 2013/2014

„Ich warne Sie schon vorher: Es wird ein wenig düster werden. Aber das liegt daran, dass wir in düsteren Zeiten leben“, begründete Professor Alexander Filipović seine Keynote bei der Verleihung des Medienethik-Award META 2013/ 2014 am 25. Juni 2014. Die Veranstaltung unter dem Titel Digitalisierung der Gesellschaft und Big Data im Journalismus gab eindrucksvolle Einblicke, in welchem Maße und welchem Tempo das digitale Zeitalter sich ausbreitet – die Frage nach konkreten Handlungsempfehlungen für den Einzelnen löste jedoch auch in der Expertenrunde vor allem Ratlosigkeit aus.

Medienethische Fragen zur digitalen Vermessung der Welt

Prof. Dr. Alexander Filipović; Bild: Laura Schröder/LMZ

„Ethisch über Medien, Kommunikation und Öffentlichkeit zu reden bedeutet in den Tagen #SeitSnowden, über die Freiheit des Netzes und die informationelle Selbstbestimmung zu reflektieren“ – unter dieser Voraussetzung sprach Alexander Filipović in seinem Vortrag Big Data: Medienethische Fragen zur digitalen Vermessung der Welt über den „Wert der Kommunikation“. In drei Bereichen – Big Data, der Ausspähung durch Geheimdienste und Digitalisierung – zeige sich, dass die „Kommunikation immer mehr verzweckt wird und Machtinteressen am Werk sind.“

 

Big Data beschreibt das Aufkommen und die Sammlung immenser Mengen von Daten; die ethische Dimension dabei sei das Potenzial zur „Neuordnung von Wissenswelten und Zeitbegriffen“. Als besonders problematisch benannte der Redner dabei, „dass wir, je mehr wir auf die Kraft von Big Data vertrauen, immer mehr auf Korrelationen vertrauen statt auf Theorien“, was gleichzeitig hieße: Bei der Vorhersage von Phänomenen, beispielsweise von menschlichem Verhalten, „rechnen wir damit systematisch Handlungsfreiheit und Autonomie aus dem menschlichen Verhalten heraus“.

 

Die NSA-Spähaffäre und weitere staatliche Überwachung machen das große Machtpotenztial von Datensammlungen deutlich und stellten ethisch „eine ungeheure Verletzung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit dar“. Viele Menschen empfänden das allerdings als nicht so gravierend, und zwar meist mit dem Argument, dass man ja nichts zu verbergen hätte. Das träfe in den meisten Fällen nicht zu, und selbst wenn, sei „Individualität ohne die Möglichkeit des Geheimnisses […] nur schwer vorstellbar“. Zudem sei das Argument „unsolidarisch“ gegenüber all jenen Menschen, die sich, etwa aus Angst vor Diskriminierung „schützen müssen und ein Recht auf diesen Schutz haben“, wenn es beispielsweise um ihre Religionszugehörigkeit, ihre sexuelle Orientierung oder eine Krankheit ginge.

 

Die neuartige Kapitalisierung der Kommunikation und der Mediennutzung sei der dritte ethisch relevante Aspekt der Digitalisierung der Gesellschaft, denn Leistungen von Unternehmen werden auch oder sogar ausschließlich mit Daten bezahlt. Es erscheint inzwischen schon selbstverständlich, dass „das Tor zur Kommunikation nur aufgeschlossen wird, wenn wir unsere Daten preisgeben.“ Das führt dazu, dass Kommunikation und Medienrezeption „in einer rein ökonomischen, datengetriebenen Infrastruktur stattfinden und somit abhängig sind von wirtschaftlichen Interessen.“

 

Das grundsätzliche Problem sei, dass in den genannten drei Bereichen jeweils ein „der Kommunikation fremder Wert“ zum wichtigsten Aspekt der Kommunikation würde – beim Sammeln von Daten die Vorhersage, bei der Ausspähung von Daten durch Geheimdienste die Kontrolle und bei der ökonomischen Nutzung von Daten das Geld. Das böte, so warnte Filipović, schier unermessliche Möglichkeiten nicht nur zur Kontrolle, sondern auch zur Vorhersage und damit zur Manipulation. Seine abschließende Forderung lautete deshalb, dass solche kommunikations- und medienethischen Überlegungen in der politischen Debatte zu Gehör gebracht werden müssen.

Bestimmen in der Zukunft Algorithmen die Meinungsbildung?

Prof. Dr. Lars Rinsdorf, Marco Maas, Prof. Dr. Stephan Weichert, Prof. Dr. Alexander Filipović und Prof. Dr. Oliver Zöllner (von links nach rechts); Bild: Laura Schröder/LMZ

In der Podiumsdiskussion Ego-Loops und Big Data in der Informationswelt: Bestimmen in der Zukunft Algorithmen die Meinungsbildung? diskutierten der Medienethiker Prof. Dr. Alexander Filipović, der Datenjournalist Marco Maas sowie der Journalist und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Weichert. Das Podium befasste sich zunächst mit der Frage, ob die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft überhaupt noch beherrschbar seien. Alexander Filipović attestierte der Entwicklung trotz seines pessimistischen Vortrags auch großes positives Potenzial, wenn man denn „Vorsicht walten“ ließe. Stephan Weichert dagegen spekulierte, ob die selbstverständliche Sozialisation der so genannten „digital natives“ mit digitalen Medien „Folgeschäden hat – wer weiß das schon?“ Marco Maas gab zu bedenken, dass sich auch die PR-Abteilungen großer Unternehmen die Möglichkeiten von Big Data zunehmend zunutze machten, um mit Hilfe der geschickten Darstellung von beeindruckenden Datenmengen „schöne Bilder“ zu schaffen, damit der Nutzer weniger Fragen stellt. Um das zu durchschauen und aufzudecken, bräuchten Journalisten „Datenexpertise“. Dafür würden sie aber nicht oder nur unzureichend bezahlt und hätten wenig Know-How; so sei „kritisches Nachfragen“ kaum noch möglich.

 

Als Gegenmaßnahmen nannte Maas das „Empowerment von Medienrezipienten“, während Weichert auf der Seite der Medienproduzenten ansetzte: „Roboterjournalisten werden einen Teil der Arbeit übernehmen, nämlich das Auswerten von Statistiken – auch das sehe ich positiv, dann haben die echten Journalisten wieder Zeit zu recherchieren und eine investigative Reportage zu schreiben“, die die Nutzer nicht nur über Fakten, sondern über Zusammenhänge informiert.

 

Deswegen, so die einhellige Meinung auf dem Podium, müssten Journalisten mit Datenexperten kommunizieren, um die Potentiale und Schwierigkeiten von Big Data im Blick zu behalten. Dennoch bestehe die Gefahr, dass eine Art „Data Porn“ (Weichert) betrieben wird, dass also dem Leser Datenmassen ohne Interpretation geliefert werden. Was den Umgang des Medienrezipienten mit Algorithmen angeht, betonte Filipović: „Der Normalnutzer muss sich damit abfinden, dass Algorithmen die Fülle an Informationen vorsortieren – das muss man sich bewusst machen und an bestimmten Stellen nach Möglichkeiten suchen, das zu durchbrechen.“

 

Ganz zum Schluss stellte eine Studentin noch die entscheidende Frage, die auch für die Experten auf dem Podium bemerkenswert schwer zu beantworten war. Sie wollte nämlich wissen, welche Konsequenzen hinsichtlich Datenschutz und Algorithmen als wichtigem Faktor der Informationswelt sie denn nun persönlich ziehen solle. Der Datenjournalist Maas gab eine etwas resignative Antwort: „Es hat keinen Sinn, sich einem Dienst zu entziehen und dann zu glauben, dass keiner Daten erhält. […] Dagegen kann sich kein Mensch schützen, und wenn er nur durch die Stadt geht, wo es eine Kamera gibt“, und der Medienethiker Filipović ergänzte, dass politisches Engagement wichtiger sei als individueller Verzicht.

Die Preisträger 2013 / 2014

Im Winter- und Sommersemester 2013 / 2014 hatten 45 Studierende der Hochschule der Medien Blogs, Zeitungen und Fernsehmagazinen innerhalb bestimmter Zeiträume beobachtet, 413 Artikel bzw. Beiträge ausgewählt und analysiert und schließlich drei Preisträger gekürt. Ausgezeichnet wurde der Blogbeitrag Zwischen Aufschrei und Candystorm – wie das Netz die Debattenkultur verändert von Stephan Weichert, der am 19. September 2013 im Debattenforum VOCER erschien. In der Kategorie Zeitungen erhielten den Preis Martin Kotynek und Robert Levine für ihren Artikel Das Recht auf Vergessen vom 2. Oktober 2013 im Dossier der Wochenzeitung Die Zeit. Für den Sendebeitrag Das Internet der Dinge – Die Macht der künstlichen Intelligenz des Kulturmagazins ttt – titel, thesen, temperamente, ausgestrahlt am 30. März 2014 in Das Erste, bekamen Edith Lange und Carola Wittrock den META-Award im Bereich Fernsehen.

 

Mehr zu Big Data, Datenschutz und Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen finden Sie auch im neuen Themenbereich Datenschutz hier bei MediaCulture-Online.

Außerschulische Pädagogik, Datenschutz, Eltern, Lehrkräfte, Studierende, Tagungsdokumentation

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