MediaCulture-Online Blog

06.06.2011 | Jiří Hönes

Ein Blick hinter die Kulissen der Wikipedia – Interview mit Harald Krichel

Ist der Wiener Donauturm nun ein Fernseh- oder ein Aussichtsturm? Worüber sich bei der Wikipedia gestritten wird, wie es um das Projekt Wikipedia macht Schule steht, und was es mit der Unterwanderung durch Rechtsradikale auf sich hat, berichtet Autor Harald Krichel im Interview mit MediaCulture-Online. Er ist schon seit acht Jahren bei der größten Enzyklopädie der Welt dabei. Nachdem der Historiker zeitweise im Vorstand tätig war, kümmert er sich nun in erster Linie darum, manipulierte Artikel zu erkennen und zu bereinigen. Zudem gibt er Workshops zum Umgang mit Quellen im Internet, so auch am Stadtmedienzentrum Stuttgart.

Herr Krichel, wann und wie hat Ihr Engagement bei der Wikipedia begonnen?

Ich bin 2003 als Autor zu Wikipedia gekommen, ich habe vorher schon viel darin gelesen. Ich habe mich schon immer für Lexika und Enzyklopädien interessiert. Da war um die Jahrtausendwende klar, dass sich das in Richtung Internet entwickelt. Brockhaus hat das so ein bisschen zaghaft versucht mit dem Portal xipolis.net, allerdings zu zaghaft. Man musste da sozusagen groschenweise die Artikel kaufen. Gleichzeitig gab es ja dieses große unstrukturierte Wissen und kleine Projekte wie Wikipedia, die angefangen haben, das zu strukturieren. Als ich nach einigen Google-Suchen immer wieder dahin kam, stellte ich fest, dass da ja doch was ist. Das Faszinierende ist, dass Wikipedia Struktur in das ungeordnete Wissen des Internets bringt. Nach ein paar Monaten habe ich mich dann selbst angemeldet und etwas gemacht. Da war ich so etwa der 2.400ste User in der deutschsprachigen Wikipedia.

Waren Sie als Vorstand dann beim Verein angestellt, oder handelte es sich stets um ehrenamtliche Tätigkeiten?

Also der Verein sammelt ja die Spenden und hat auch um die 15 Angestellte, etwa Geschäftsführer, Pressesprecher und verschiedene Projektleiter, auch für Wikipedia macht Schule. Das sind also „richtige“ Angestellte, zum Teil ehemalige Autoren. Ich habe jedoch die Vorstandsarbeit gemacht, das läuft alles ehrenamtlich.

Und was machen Sie hauptberuflich?

Einmal komme ich an Schulen und Medienzentren und erkläre, wie Wikipedia läuft und wie man damit umgehen kann und sollte, dass man das sinnvoll in der Schule verwerten kann, so wie am Stadtmedienzentrum im April. Also auch wie man mit Texten von anderen umgeht, damit einem das nicht passiert, dass einem nachher der Doktortitel aberkannt wird oder man durch die Abiturprüfung fällt. Das andere wäre, Wissensmanagement, wie wir es mit Wikipedia im Allgemeinen machen, im Speziellen für Firmen anzubieten.

Können Sie einen kürzen Überblick über das Projekt Wikipedia macht Schule geben, wie es entstanden ist, wie es sich organisiert und welche Rückmeldungen es von Lehrenden und Lernenden gab?

Das ist ein Projekt, das 2007 gestartet wurde. Seit 2009 wurde es auf professionelle Beine gestellt, indem Wikipedianier, die auf eigene Faust draußen an Schulen gearbeitet haben, auf verschiedene Tagungen zusammen gebracht wurden. Dabei haben wir Erfahrungen ausgetauscht und ein Curriculum entworfen, um einen Kurs anbieten zu können, der einen gewissen Standard erfüllt.
 
Das Bild der Wikipedia hat sich ja auch stark gewandelt, wenn man sich etwa an die Wikifehlia-Kampagne, ausgerechnet von der Bild-Zeitung, erinnert oder an die Süddeutsche Zeitung, die eine Kampagne gefahren hat, wo sie geschaut haben, was man denn so alles fälschen kann in der Wikipedia. Teilweise waren sie ganz angetan, dass es aufgeklärt wurde. Aber in der Presse um 2006/07 war nicht alles so euphorisch wie jetzt zum 10-Jährigen.

Geht es bei Wikipedia macht Schule auch generell um den Einsatz von Wiki-Software oder Regionalwikis, wo die Schüler im Rahmen des Unterrichts selbst daran arbeiten können?

Das machen wir in unserem Projekt nicht. Es gibt aber das Projekt WikiTwooGo, die bieten die Wiki-Software Mediawiki zum einfachen Download für einen Stick an.

Für Schülerinnen und Schüler ist die Wikipedia natürlich recht hochschwellig, aber gab es denn schon Initiativen, dass im Rahmen von Hochschulseminaren Artikel verfasst wurden?

Ja das hat es schon gegeben. Das Problem ist ja immer, dass es passen muss. Also es muss ja eine Lücke geben. Was es noch zu selten gibt ist, dass man sagt: „Das ist unser Thema, aber der Wikipedia-Artikel dazu ist Schrott“, dann herangeht und den Artikel neu schreibt oder soweit überarbeitet, dass es nachher ein exzellenter ist. Das passiert eher in Wikipedia-internen Initiativen, ob das jetzt der Schreibwettbewerb ist oder Stammtische wie in Freiburg, wo ich am Montag war. Da saßen dann auch zwei am Tisch, die jetzt den Artikel über das Haus zum Walfisch zum exzellenten Artikel machen wollen. Das haben sie auch schon mit dem Freiburger Hauptbahnhof und dem Artikel über die Stadt Freiburg selbst gemacht. Die verabreden sich immer am Stammtisch, bringen ihre Literatur mit und tauschen sich dort aus. Wir hatten vom Verein auch ein Projekt, in dem wir versucht haben, Wissenschaftler für exzellente Artikel in bestimmten natur- und geisteswissenschaftlichen Fachbereichen zu gewinnen. Da wurden ordentlich dotierte Preise ausgeschrieben, es haben jedoch drei Jahre in Folge Wikipedianer gewonnen. Man bekam nicht unbedingt die Leute von außen, die man haben wollte.

Es sind also einfach die, die es aus Überzeugung und Spaß an der Sache machen?

Der enzyklopädische Artikel ist eine eigene Textform, und die muss man auch können. Wichtig ist auch, dass in der Wikipedia keine Theoriefindung stattfinden soll. Ein Wissenschaftler ist natürlich daran interessiert, eigene Theorien zu finden und Thesen aufzustellen. Das kann er in Wikipedia so nicht bringen, da muss er sich zumindest selbst ordentlich wissenschaftlich zitieren und die Sache ausgewogen darstellen, also auch die anderen Meinungen einbringen. Da haben gerade Professoren häufig Probleme – natürlich nicht alle. Es gibt auch Professoren unter den Wikipedia-Autoren, die sich da perfekt eingepasst haben und eine gewisse Brillanz reinbringen.

Was uns noch interessieren würde: Es kommt immer wieder zur Sprache, die Wikipedia sei in Teilen unterwandert von rechtskonservativen bis rechtsradikalen Kräften, die Artikel gemäß ihrer Weltanschauung manipulieren und dabei teils recht subtil vorgehen. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit und wie wird bei Wikipedia damit umgegangen?

 

Das ist eigentlich sogar eines meiner Spezialgebiete, ich bin ja auch Historiker. Ich betreue diese Artikel und vor allem auch die Leute, die wir irgendwann einmal rausgeschmissen haben. Gerade bei randständigen Artikeln, die sowieso keiner liest, da kann so etwas durchaus passieren. Etwa der verdiente Fabrikant aus dem Dorf, der hat eine tolle Geschichte und Ehrenbürgerschaft, aber seine Arisierungsgewinne stehen nicht in dem Artikel drin. Möglicherweise gibt es auch kaum Quellen dazu. Wir haben aber gerade bei diesen randständigen Sachen auch gegenteilige Fälle. Da gab es einen CDU-Politiker, in dem Artikel über ihn stand etwas über seine NSDAP-Mitgliedschaft. Das Problem war, das konnte anhand seines Geburtsjahres gar nicht sein. Da werden auch gerne mal Namen durcheinander geschmissen. Dann wird ihm sozusagen wegen einer Namensvetterschaft durch die Wikipedia die Ehre abgeschnitten. Das ist auch schon geschehen.
 
Stichwort Unterwanderung: Es gab immer wieder Versuche, das konsertiert zu unterwandern, aber die haben von der rechten Seite nicht genügend Intellektuelle zusammengekriegt. Das Problem ist, es gibt da ja durchaus ein paar brillante Köpfe, die sich anpassen können. Manche werden dann gesperrt und kommen unter anderen Namen immer wieder. Die schreiben mal eher rechts, mal eher links, dass es nicht so sehr auffällt. Da gibt es schon sehr geschickte Leute. Eine meiner Aufgaben ist es, diese Leute zu finden. Ich habe auf meiner Beobachtungsliste mittlerweile 4.000 Artikel, da sind auch diese ganzen Honigtöpfe drauf, wo man mal reinschauen sollte, wenn sich dort was tut. Wir haben das gleiche natürlich auch mit Linksradikalen oder auch mit Werbung oder dem Beschönigen von Unternehmensartikeln. Dass etwa eine Firma sehr geschickt versucht, ihren Namen zu platzieren. Oder auch Autoren, die werden sonst nirgendwo zitiert, aber bei Wikipedia stehen sie immer an erster Stelle in der Literaturliste.
 
Wir kriegen das Weltbild in vielen Artikeln ganz gut ausgewogen hin. Schwierig ist es beispielsweise in volkswirtschaftlichen Artikeln, wobei die Volkswirtschaft teilweise so eine weiche Wissenschaft ist, dass da alle Standpunkte dargestellt werden müssen. Bei historischen Artikeln gibt es mittlerweile einen relativ breiten Konsens, was man darstellen kann und was gar nicht geht. Also, da schreibt kein Holocaust-Leugner mit. Die wirklich kritischen Artikel sind auch alle so geschaltet, dass sie sie nur angemeldet bearbeitet werden können, für neu angemeldete User auch erst nach vier Tagen. Ein interessanter Streit, den wir gerade haben, geht um Oskar Dirlewanger. Das war der Kommandant des Sträflingsregiments an der Ostfront, ein ganz übler Kriegsverbrecher. Jetzt ist die Frage: Gehört dieses Wort Kriegsverbrecher in den ersten Satz oder nicht? Bei seinem Vorgesetzten steht es auch nicht im ersten Satz, weder Hitler noch Dirlewanger sind dafür je verurteilt worden, weil sie sich vorher umgebracht haben. Das ist eine kritische Sache. Darüber führen Leute einen Edit-War, und dann wird erzählt, die Wikipedia sei faschistisch, wenn das Wort Kriegsverbrecher mal eben nicht im ersten Satz steht. Das sind so die Feinheiten.

Was würden Sie einem Leser empfehlen, der sich jetzt selbst nicht als der geborene Wikipedia-Autor fühlt, jedoch etwas entdeckt, was definitiv falsch oder manipulativ ist? Gibt es eine Möglichkeit, so etwas zu melden, ohne selbst einzuschreiten?

Ja. In der Artikelansicht gibt es den Reiter Diskussion, wenn man dort drauf klickt, erscheint die Diskussionsseite. Oben links im Reiter Abschnitt hinzufügen können Sie sich an der Diskussion beteiligen und die entsprechenden Hinweise geben. In der Regel kümmert sich dann schnell jemand darum, wenn es sich nicht um einen ganz unbekannten Artikel handelt.

Wie und durch wen wird eigentlich entschieden, ob es eine eigene Wikipedia-Version in einer bestimmten Sprache gibt?

Wir haben einen „Inkubator“. Wenn jemand Interesse hat, eine neue Sprache hinzuzufügen, wird dann da ein Wiki aufgesetzt, welches noch unter der Gesamtdomain läuft, aber auch schon offen ist. Da kann derjenige anfangen, Artikel anlegen und muss erstmal ein paar Leute zusammenkriegen. Wenn man dann sieht, dass er da Bewegung reinkriegt, wird das unter einer eigenen Domain freigeschaltet. Bei Alemannisch war das etwa als.wikipedia.org. Grundsätzlich kommt jede Sprache durch, wenn jemand bereit ist, das zu machen. Es gibt auch so kleine Feinheiten in der hochdeutschen Wikipedia. So dürfen die Österreicher in den Artikeln, die Österreich betreffen, auch Jänner schreiben, die Schweizer dürfen ss statt ß verwenden. Dafür wird ein Artikel auch extra markiert, dass da keiner ankommt und das korrigiert und wieder ss durch ß ersetzt. Da gibt es so einen Streit in dem Artikel über Alexander Frei, der in der Schweiz geboren ist und auch dort Nationalspieler ist, aber eigentlich nur für Dortmund gespielt hat.

Schon interessant, worüber man sich so streiten kann …

Fernsehturm oder Aussichtsturm? Der Wiener Donauturm bei Wikipedia.
Bild: Wladyslaw, Lizenz: CC BY-SA

Die schaffen es hier, sich über alles zu streiten. Der Klassiker war der Streit, ob der Donauturm in Wien ein Fernsehturm ist oder nicht. Also, der wird nicht als Fernsehturm verwendet, er kann auch gar nicht als solcher verwendet werden, weil er in einer Senke steht.

 

Es ist also der Nutzung nach ein Aussichtsturm?

Ich will da gar nichts zu sagen. Er wird auch als Radiosender genutzt …

Herr Krichel, wir danken für das Gespräch!

Harald Krichel wird am 11. Oktober 2011 wieder bei einer Fortbildungsveranstaltung im Stadtmedienzentrum Stuttgart zu Gast sein.
 
Wer noch mehr über den berühmten Donauturm-Streit erfahren will, dem sei der Artikel Im Innern des Weltwissens von Mathieu von Rohr im Spiegel empfohlen.

Internet / Web 2.0, Interview, Open Content, Wikis

Jiří Hönes, 20.09.2016 um 11:36
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