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01.06.2010 | Christian Reinhold

Hip Hop im Klassenzimmer: die schwäbische Antwort auf „Schools kill creativity“?

Bild: Paolo!, Lizenz: CC BY-NC-ND

Kürzlich wurde ich an mehreren Stellen auf Sir Ken Robinsons neuesten Vortrag aufmerksam gemacht. Sein Aufruf, die Schulsysteme vom standardisierten zum individuell angepassten Lernen hin umzustellen, ist eine Fortsetzung seiner 2006 gehalten Rede Schools kill creativity. Damals stellte er die These auf, dass unsere Bildungssysteme den Kindern die natürliche kindliche Kreativität aberziehen. Fächer wie Mathe und Sprachen hätten weltweit einen höheren Stellenwert als Kunst und Musik.

 

Der vorhandene Innovationsgeist der Kinder verkümmere aber in den Bildungssystemen der Wissenszufuhr. Laut Robinson hätten Schulen dagegen die Aufgabe, die Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Ihnen beizubringen, wie sie ihre Kreativität konstruktiv einsetzen können, müsse elementarer Bestandteil von Bildung werden.

 

Keine Pädagogen, sondern Elektriker und Bankkaufleute, referierten letzten Donnerstag in der Luginslandschule, Stuttgart-Untertürkheim über ein sehr ähnliches Thema. In der Lehrerfortbildung Hiphop im Klassenzimmer wurde Lehrern beigebracht, wie man reimt, was ein „Flow“ und was ein „Beat“ ist. Spannend waren weniger die musikalischen als die pädagogischen Impulse der drei Referenten. Ilber Covanaj, Selcuk Kapan und Murat Sahin vom Ulmer Hip-Hop-Label Ebeni Records erklärten sehr anschaulich, wie man Problem-Jugendliche mithilfe der Musik wieder „auf den richtigen Weg“ bringen kann.

Hip-Hop sprechen lernen

Die Musik, die Sprache und die Kultur der Jugendlichen funktionieren dabei als Schlüssel, um an sie „ranzukommen“. So erklärten die Referenten, dass Lehrer die Hip-Hop und seine Texte hören und verstehen, auch die Jugendlichen verstehen könnten. Deren Mehrheit würde nämlich „Hip-Hop sprechen“. Ein weiterer Zugangsweg zu den Schülern eröffne sich durch den Respekt, den sich ein Lehrer durch ein Hip-Hop-Projekt verschaffen kann. Schüler wüssten es laut eigener Erfahrungen zu schätzen, wenn ein Lehrer den Mut beweist, sich auf neuen Pfaden zu bewegen oder etwa selber zu rappen. Die drei Ulmer gaben aber zu, dass es für sie selber einfacher sei, diesen Respekt aufzubauen, da sie mit ihrem kulturellen und künstlerischen Hintergrund mehr mit den Schülern verbindet.

Anbiedern oder Auseinandersetzen?

Für die Lehrer ist hingegen schwieriger, mithilfe des Hip-Hop aus Rolle des Feindbildes herauszukommen Dies bestätigten einige Teilnehmer der Fortbildung. So teilten ein Paar der Lehrer die Befürchtung, dass ein „rappender Lehrer“ als Anbiederungsversuch verstanden werden könnte. Auch eine misslungene Musik-Auswahl könnte zu Verstimmungen bei den Schülern sorgen. Eine Teilnehmerin beklagte, dass ihr bei einer Textinterpretation der von ihr vorgeschlagene „Peter Fox um die Ohren geschlagen“ wurde. Daher wurde empfohlen, die Musikauswahl mit den Schülern im Vorfeld abzusprechen. Würde dann etwa „wie von den Lehrern befürchtet“ Bushido als Vorschlag kommen, so könnte der Lehrer immer noch bei der Auswahl des Titels die inhaltliche Richtung vorgeben. Eine Reihe von „problematischen“ Rappern haben auch hintergründige Texte zu bieten. Der im Workshop besprochene Bushido-Track Lichtlein etwa zeigt die sensible und nachdenkliche Seite des Künstlers auf und eignet sich gut für eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Reimen für Dummies

Der Schwerpunkt der Lehrerfortbildung lag auf der Erstellung eigener Hip-Hop Stücke. So erklärten die Ulmer, wie sich mithilfe eines Instrumental-Stückes und eines Schlüssel-Themas einfach Lieder erarbeiten lassen. Kostenlose gemafreie Hip-Hop-Instrumentals können Lehrer auf http://www.rappers.in/topbeats.php herunterladen. Zur Texterstellung eines Hip-Hop-Stückes empfahlen die Referenten mithilfe eines Leitmotives wie etwas „Ein Teil von mir, ist …“ sowie eines Gedankenkreises (entfernte Ähnlichkeit mit einer Mindmap) komplette Sätze zu erarbeiten. Daraufhin wurde erklärt, wie sich ein Satz wie „Ein Teil von mir ist meine Gitarre, da ich mit ihr rocken kann“ rhythmisch mit verschiedenen Betonungen in ein Lied eingefügt. Daraufhin durften die Lehrer selber Hand anlegen. Spannend war nun, was in den Gedanken-Kreisen der Lehrer vorkommt: Schule, Freunde, Familie, Arbeit, Joggen gehen oder Lateinamerika waren „ein Teil von mir“ bzw. der Teilnehmer. Dass dagegen bei den Schülern „Kumpels, Saufen gehen, Party oder L.M.S.“ als Antwort kämen, sei die große Chance der Textarbeit. Doch was tun mit problematischen Beiträgen des letzten Kalibers? Nach Erfahrung der Referenten, lohne es sich hier nicht nachzulassen, sondern nachzuhaken. Auf die Frage hin „Warum den L. M. S. ein Teil des Schülers sei“, käme bei den meisten die gleiche Antwort: „Ist halt cool!“. Laut Referenten Ilber habe es oft geholfen, den Schüler mit seinen Aussagen zu konfrontieren: „Und warum bist du nicht cool genug, was über dich selber zu schreiben?“, „Würdest du den Text auch deinen Eltern vorspielen?“ oder den Angeber zum vorrappen aufzufordern, helfe meist um zum Nachdenken anzuregen.

Mein Block rockt

Wie das ganze in der Praxis aussieht, veranschaulichten die Ulmer anhand verschiedener lokaler Projekte. Im Projekt Mein Block rockt schreiben und produzieren die drei Referenten zusammen mit Schulklassen oder Jugendhäusern vollständige Hip-Hop-Tracks und veröffentlichen diese als CD. Als weiteres Beispiel wurde das Ulmer Projekt Was geht mich eure Geschichte an? genannt. Schüler der Adalbert-Stifter-Schule verarbeiteten bei einem dreitägigen KZ-Besuch die Eindrücke zu einem Hip-Hop-Song über die Nazi-Vergangenheit. Begeistert berichteten die Referenten, wie sich die anfänglich vom Thema gelangweilten Schüler in begeisterte Reporter verwandelten. Am zweiten Tag warteten die Schüler überpünktlich mit ihren Notizblöcken darauf, um über das Thema zu recherchieren. Auch Klischees, wie dass „alle Deutschen Nazis sind“ konnten bei den überwiegend aus Migrations-Hintergrund kommenden Jugendlichen entkräftet werden.

 

Was nun der Unterschied zur einleitend von Ken Robinson kritisierten Wissensvermittlung ausmacht, lassen die Hip-Hop-Projekte teilweise verstehen. Das künstlerische Arbeiten bringt nach Beobachtung der Hip-Hop-Lehrer bei den Schülern wieder ein Stück Motivation zurück. Schüler die als „schwierig“ abgestempelt waren, lernten, Verantwortung zu übernehmen. Mädchen, die an der Schule ein Außenseiter-Dasein pflegten, entwickelten durch ihre Gesangs-Einlagen ein nötiges Selbstbewusstsein. Und Schüler, die eher durch Rüpelhaftigkeit bekannt waren, lernten dass man Lehrer „höflich fragen kann“, wenn sie was nicht verstanden hatten. Dass die Jugendlichen über ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen Texte schreiben, eröffne den Pädagogen eine Zugang, der sich sonst selten bietet. Frühzeitig die Problemlagen der Schüler zu erkennen, kann helfen sich mit diesen auseinanderzusetzen. Gewalt in der Familie oder Zukunftsängste spiegelten sich bei Texterstellungen a lá „Ein Teil von mir ist“ latent wieder. So hätte man nach Auffassung der Referenten sogar Amok-Absichten im Vorfeld erkennen können. Weniger latent sind dagegen Tracks die „Problemschüler“ auf eigene Faust produzieren. Stress auf den Pausenhof ist ein Beispiel dafür. Ob Hip-Hop im Klassenzimmer Schüler auf die Zukunft vorbereiten kann, bleibt zu hoffen. Ilber, Selcuk und Murat haben den Lehrern aber Hoffnung gemacht: „Wir haben immer noch Kontakt mit einigen der Schüler, die Problemfälle waren. Jetzt haben sie abgeschlossene Ausbildungen und einer ist sogar Fußball-Profi in Stuttgart.“

Lehrkräfte, Musik

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