Die Kunst der Rede


Gute Reden sind selten. Aber täglich werden Reden gehalten, im Verein, auf Parteiversammlungen, auf Hochzeiten und Beerdigungen und im Gerichtssaal. Über diese öffentlichen Reden wird oft geklagt, sie seien unverständlich, langatmig und überflüssig. Dennoch hören wir zu, dennoch sprechen wir selbst in Schule, Beruf und Alltag, meist regellos oder auch nach allen Regeln der rhetorischen Kunst. „Tritt frisch auf, mach's Maul auf, hör bald auf!“ – so knapp und deftig ließ sich Martin Luther über die Kunst der Rede aus. Wir geben etwas ausführlichere Hilfestellung und liefern Anregungen und Hinweise, was Sie bei der Vorbereitung einer Rede beachten sollten und wie Sie diese am besten gliedern.

Der klassische Redeaufbau

In der Antike wurde der Redekunst besondere Bedeutung zugemessen. Der klassische Aufbau einer Rede hat noch immer seine Gültigkeit. Je nach Anlass lassen sich verschiedene Redetypen unterscheiden, die spontan und vorbereitet (Stichworte) oder weitgehend ausformuliert (Manuskript) sein können. Typische Redestrukturen können sich ergeben bei der

  • Festrede
  • Wahlrede
  • Propagandarede
  • Grabrede
  • Wissenschaftlicher Vortrag
  • Gerichtsrede
  • Kanzelrede
  • Gedenkrede etc.

Die Rede basiert fast immer auf dem Versuch, eine überzeugende Kommunikation zu erzielen und dies mit möglichst angemessenen, effektvollen, auch „schönen“ sprachlichen und nonverbalen Mitteln. Die klassische Rhetorik unterscheidet folgende Stufen zur Vorbereitung und Durchführung einer Rede:

1. Inventio

Die Inventio (Finden der Argumente) betrifft das Finden und Sammeln der Gedanken, Überlegungen und Argumente, die zum gewählten Thema passen. Neumodisch oder auf „Denglisch“ gesprochen, handelt es sich um ein erstes Brainstorming, ein ungefiltertes Zusammentragen von Einfällen, die der Ausarbeitung dienlich sein können. Die Grundfragen dabei sind:

  • Wer?
  • Was?
  • Wo?
  • Womit?
  • Warum?
  • Wie?
  • Wann?

2. Dispositio

In der Dispositio (Gliederung) wird die Auswahl aus den gefundenen Gedanken und Materialien getroffen (Inventio). Dabei wird der Redner in aller Regel zwischen drei Präsentationsformen wählen:

  • docere: das heißt, der Redner wird oder kann sein Publikum belehren und belehrend argumentieren
  • delectare: das heißt, der Redner wird oder kann das Publikum erfreuen und die Affekte durch die Schönheit der Rede und Argumente ansprechen;
  • movere: das heißt, der Redner wird oder kann sein Publikum anrühren oder erschüttern, um es seinen Argumenten und Einsichten gewogen zu machen.

3. Conclusio

Es folgt die Schlussfolgerung (Conclusio) und erneute Wendung an das Publikum.

„Meiner Ansicht nach jedenfalls kann niemand als Redner höchstes Lob verdienen, wenn er nicht Kenntnisse von allem Großen und von allen Künsten und Wissenschaften erlangt hat. Denn eine Rede muß aus Kenntnis der Materie erwachsen und hervorströmen: Wenn nicht ein sachliches Fundament da ist, das der Redner gründlich beherrscht, so bringt er einen leeren und beinahe kindischen Wortschwall hervor [...].“ (Marcus Tullius Cicero)

Die Vorbereitung einer Rede

Wer sind die Zuhörer?

Als Redner sind Sie immer auch ein gutes Stück weit als „Psychologe“ gefordert. Geben Sie sich daher vor der Ausarbeitung der Rede genaue Rechenschaft über Ihren Zuhörerkreis. Sprechen Sie vor Eltern, Schülerinnen und Schülern, einem Fachpublikum oder der Familie. Darüber hinaus sollten Sie Alter, Geschlecht, Gruppenzugehörigkeit und mögliche Meinungsführer in Ihrem Zuhörerkreis berücksichtigen.

 

Zustimmung und Widerstand

Ted Grant, Speakers' Corner (1942); Bild: Dan Iggers, Lizenz: CC BY-SA

Auch Widerstände auf Ihre Rede sollten Sie immer einkalkulieren und als einen ganz normalen Vorgang betrachten. Versetzen Sie sich vor der Rede schon einmal in die Rolle der Skeptiker und Nörgler. Sie sind dann gut vorbereitet und halten kritischen Rückfragen besser stand. Gehen Sie mit Zustimmung und Applaus souverän um. Sie sollten sich darin öffentlich nicht allzu lange sonnen. Diese Bescheidenheit honoriert Ihnen das Publikum auch später und bei anderer Gelegenheit noch.

 

Zu klären ist vorab:

  • Worüber soll gesprochen werden?
  • Zu welchem Ziel oder zu welcher Einsicht sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer geführt werden?
  • Wie muss ich das Thema behandeln, um dies zu erreichen?

Die SQRRR-Methode (nach Hans Jung):

S (Survey)

Verschaffen Sie sich einen Überblick über das zu behandelnde Thema.

Q (Question)

Stellen Sie die Fragen: Worüber ist zu sprechen? Was ist das Ziel? Wie ist es zu erreichen?

R (Read)

Lesen und prüfen Sie die verfügbaren Quellen.

R (Recite)

Überprüfen Sie die einzelnen Redeabschnitte. Dabei können die W-Fragen helfen:

Wer, Was, Womit, Wie und Wann?

R (Review)

Nachprüfung und Schlusskontrolle.

Die Sammlung des Redestoffs

Es gibt auch hier kein Patentrezept. Sie nützen aber Ihrer geplanten Rede und Ihrem Auftritt ganz erheblich, wenn Sie möglichst lange das Thema in Ihrem Inneren bewegen und damit umgehen. Verkrampfen Sie sich nicht in einen Einzelaspekt, sondern gestatten Sie sich zunächst eine umfassende Stoffsammlung, bei der Sie erst später eine Auswahl treffen. Zitate aus Literatur, Wissenschaft und Religion können "trefflich" sein, wenn diese geflügelten Worte wie beiläufig eingesetzt werden. Zur Sammlung des Stoffs können dienlich sein:

  • Artikel und Hinweise aus Zeitungen
  • Aktuelle Beispiele aus dem Alltag der Zuhörerinnen und Zuhörer
  • ein ganz privater Zettelkasten
  • Hinweise aus weiteren Massenmedien.

Die Gliederung der Rede

Wie werden die Inhalte einer Rede sinnvoll gegliedert? Was gehört in Einleitung, Hauptteil oder Schluss? Die Gliederung des Redestoffs dient dazu, die Rede logisch und strukturiert aufzubauen. Legen Sie darüber hinaus im Vorfeld Redeziel, Redezeit und Zielpersonen fest. Die folgende Gliederung zielt besonders darauf, die Zuhörerinnen und Zuhörer von einer Position zu überzeugen:

  • Einleitung: Begrüßung. Was ist der Grund der Rede?
  • Der Hauptteil beschreibt den Ist-Zustand, beleuchtet Vergangenheit und Gegenwart. Es wird erörtert, was sich ändern muss. Es wird aufgezeigt, wie eine Änderung stattfinden kann.
  • Im Schlussteil ermuntert der Redner, den aufgezeigten Weg einzuschlagen.

Das systematische Konzept einer Rede

Einleitung

  • Anrede
  • Vorstellung
  • Stimmungsauflockerung
  • Nennung des Themas
  • Redeziel: Begründung, warum man zu diesem Thema spricht
  • Anekdote passend zum Thema erzählen, eine verblüffende Theorie oder These kurz und bündig vortragen

Hauptteil

  • Vergangenheit: Was war, wie kam es dazu? (Bitte kurz halten!)
  • Gegenwart/Schilderung des momentanen Zustandes
  • Gründe und Beweise, Argumente für das eigene Redeziel vortragen
  • Beispiele, Vergleiche, Zeugenaussagen aufzählen
  • Gegnerische Meinungen vorwegnehmen und widerlegen
  • Blick in die Zukunft und Vorwegnahme des idealen Zustandes

Schluss

  • Zusammenfassung
  • Aufforderung, sich im Sinne des Redeziels zu verhalten
  • Schluss und Dank an das Publikum für die geschenkte Aufmerksamkeit

Handouts

Brainstorming

Formen der Rede

Das Stichwortmanuskript

Einteilung rhetorischer Kommunikation

Die Gliederung der Rede

Konzept der Rede

Vorschläge zur Vortragseröffnung

Vorschläge zum Vortragsabschluss

Links

Bachelor- und Masterstudiengang Allgemeine Rhetorik

Am Seminar für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen werden Experten für strategische Kommunikation ausgebildet und rhetorische Phänomene auf wissenschaftlichem Niveau erforscht.

 

Bachelorstudiengang Sprechkunst/Sprecherziehung

Beim Studiengang Bachelor Sprechkunst und Sprecherziehung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart werden neben dem künstlerischen Hauptfach insbesondere die Fächer Rhetorik, Mediensprechen, Pädagogik, Literaturwissenschaft, Angewandte Phonetik, Improvisation und Szene,  Rhythmik/Bewegung/Körperarbeit, Atem und Stimme, Stimmbildung/Gesang sowie Sprechwissenschaft unterrichtet.

 

Masterstudiengang Sprechkunst

Hier steht die Professionalisierung des Künstlerischen Sprechens einschließlich Gesang (Rezitation, Melodram, Chanson/Kabarett und Lesung) im Zentrum sowie die wissenschaftlich-theoretische Reflexion.

 

Masterstudiengang Rhetorik

Der Master in Rhetorischer Kommunikation an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart stärkt zum einen die persönliche rhetorische Kompetenz durch Einzelarbeit im Bereich der Rede und konzentriert sich zum anderen auf die methodisch-didaktischen Anforderungen eines Rhetoriktrainers.

 

Masterstudiengang Mediensprechen

Im Master Mediensprechen steht die Professionalisierung des Sprechens vor dem Mikrofon im Zentrum. Neben der Arbeit am Hörbuch, bei der Gesprächsleitung von Livesendungen oder der Produktion im Studio geht es auch um wissenschaftlich-theoretische Reflexion.

 

Masterstudiengang Sprechwissenschaft

An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sind im Fach Sprechwissenschaft zwei Spezialisierungen möglich: 1. Phonetik/Rhetorik/Sprechkunst, 2. Spezialisierung Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen (Klinische Sprechwissenschaft).

 

Kommunikationskompetenz

Das Zentrum für Schlüsselqualifikationen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg bietet jedes Semester zahlreiche Veranstaltungen zu den Grundlagen der Kommunikation, Sprechen, Kreativem Schreiben, Körpersprache, Verhandlungs- und Gesprächsführung, Präsentationskompetenz u.v.a.

Literatur

Altmann, Hans Christian: Die hohe Kunst der Überzeugung. 100 Tipps für mitreißende Rhetorik, effektivere Kommunikation und erfolgreiche Verhandlungen. Landsberg/Lech 1999.

 

Berthold, Siegwart: Reden lernen im Deutschunterricht. Übungen für die Sekundarstufe I und II. Essen 1997.

 

Birkenbihl, Vera F.: Rhetorik. Redetraining für jeden Anlass. Berlin 1997.

 

Daniel, Ute / Siemann, Wolfram (Hrsg.): Propaganda. Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung 1789–1989. Frankfurt/M. 1994.

 

Ebeling, Peter: Rhetorikhandbuch. Frei reden, sicher vortragen. Stuttgart 1998.

 

Endres, Wolfgang u.a.: Mündlich gut. Rhetorik-Tipps für Schülerinnen und Schüler. 5. bis 10. Klasse. Weinheim 2009.

 

Endres, Wolfgang / Küffner, Moritz: Rhetorik und Präsentation in der Sek.II, mit DVD. Das Know-how für Lehrer/innen und Schüler/innen. Weinheim 2008.

 

Fiukowski, Heinz: Sprecherzieherisches Elementarbuch. Tübingen 2004.

 

Gora, Stephan: Praktische Rhetorik. Rede- und Gesprächstechniken in der Schule. Seelze-Velber 2010.

 

Günther, Wolfgang (Hrsg.): Argumente und Parolen. Politische Propaganda im 20. Jahrhundert. Arbeitstexte für den Unterricht. Für die Sekundarstufe. Stuttgart 1993.

 

Haberkorn, Kurt: 88 Tips für erfolgreiche Redner. Rhetorik einmal anders. Renningen 2001.

 

Hägg, Göran: Überreden – Überzeugen – Gewinnen. 30 kleine Lektionen in moderner Rhetorik. München 2004.

 

Hörburger, Christian: Bibliografie Rhetorik. Stuttgart 2007.

 

Kinskofer, Lieselotte / Zander, Willi: Die wirkungsvolle Rede und Präsentation. München 2000.

 

Knape, Joachim (Hrsg.): Medienrhetorik. Tübingen 2005.

 

Neumann, Almut / Dittmar, Katja Anne: Wirksam vortragen. Ilmenau 2006.

 

Pabst-Weinschenk, Marita: Die Sprechwerkstatt. Sprech- und Stimmbildung in der Schule. Braunschweig 2000.

 

Pabst-Weinschenk, Marita: Freies Sprechen in der Grundschule. Grundlagen. Praktische Übungen. Berlin 2005.

 

Pink, Ruth: Souveräne Gesprächsführung und Moderation. Kritikgespräche – Mitarbeiter-Coaching – Konfliktlösungen – Meetings – Präsentationen. Frankfurt/New York 2002.

 

Ueding, Gert: Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. München 2000.

Pädagogische Praxis

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