Praxisforum 4: Informatik und Medienbildung

Prof. Dr. Torsten Brinda; Bild: Martin Storz

Im vierten Praxisforum ging es um das Spannungsverhältnis von Informatik und Medienbildung. Prof. Dr. Torsten Brinda von der Universität Duisburg-Essen stellte gar die Frage, ob es sich dabei um „Konkurrenz oder Kooperation“ handle.

 

Er ist der Ansicht, informatische Bildung müsse, wie jeder andere Bildungsbereich, einen Beitrag zu allgemeinbildenden Zielen von Schule leisten. Je nach zugrundeliegendem Allgemeinbildungsbegriff versteht man darunter u.a. Ziele wie Aufbau eines Weltbildes, Befähigung zu gesellschaftlicher Teilhabe oder Persönlichkeitsentwicklung. In unserer durch Digitalisierung geprägten Welt gehört es für ihn zum Aufbau eines Weltbildes auch, die Grundlagen und Zusammenhänge der auf Digitalisierung bezogenen Aspekte unserer Welt zu verstehen, also zum Beispiel wie Software und Hardware im Inneren prinzipiell funktionieren oder wie das Internet strukturiert ist.

„Nicht auf die reine Nutzung von digitalen Medien beschränken“

Mitgestaltung der digitalen Welt dürfe sich nicht einfach auf die reine Nutzung von digitalen Medien beschränken, sondern müsse zum Ziel haben, junge Menschen dazu zu befähigen, auch selbst in gewissem Umfang zu programmieren oder Systeme anzupassen. In einer Analogie zum Fach Deutsch könne man sagen, dass das Erfassen der Aspekte der digitalen Welt dem Lesen vergleichbar ist und das Mitgestalten dem Schreiben. Während es im Fach Deutsch auch nicht das Ziel sei, dass jeder Schulabsolvent hinterher Bestseller-Romane verfassen kann, wohl aber Briefe oder Seminar- und Hausarbeiten, gelte das in Analogie auch für das Fach Informatik.

 

Im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung, so Brinda, kann informatische Bildung für alle zudem dazu beitragen, dass alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, sich in diesem Feld auszuprobieren und herauszufinden, ob das etwas für sie ist, ob sie darin auch fortgeführte Angebote belegen und vielleicht sogar berufliche Perspektiven für sich sehen – oder eben auch gerade nicht.

 

Wichtig ist für Brinda, dass Bildung im Hinblick auf digitale Medien und informatische Bildung keine synonym zu verwendenden Begriffe sind. Dies sei immer wieder zu betonen, denn genau das sei in der nationalen und internationalen Diskussion ein verbreitetes Problem. In einer mit Kollegen durchgeführten internationalen Vergleichsstudie zu Bildungskonzepten in diesem Bereich ergab sich als ein Teilergebnis, dass Begriffe wie „Informatics“ und „ICT Education“ (Information & Communication Technologies), die man im Deutschen den Begriffen Informatik und Medienbildung zuordnen würde, in unterschiedlichen Ländern mit komplementärem Begriffsverständnis verwendet wurden.

Nicht nur „Nerds“ ansprechen

Alexander Mittag; Bild: Martin Storz

Gemäß üblicher Definitionen verstehe man unter der Informatik die Wissenschaft von der systematischen und automatisierten Verarbeitung von Information aus Sicht der Software, der Hardware, der Anwendungen und der gesellschaftlichen Auswirkungen. Medienbildung, wie sie auch in der KMK-Strategie betont wird, nehme bestehende digitale Systeme in den Blick und betone insbesondere, wie sich unter deren Verwendung das Lehren und Lernen in Schule weiterentwickeln sollte.

 

Alexander Mittag vom Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg zeigte in seinem Vortrag auf, wie Informatik und Medienbildung im aktuellen Bildungsplan von Baden-Württemberg vertreten sind. Dass man im bundesweiten Vergleich hierzulande beim Fach Informatik recht gut dastehe, wie es Brinda betont hatte, läge vor allem daran, dass in anderen Bundesländern „noch weniger“ geschehe. Wichtig, gerade bei der informatorischen Bildung, sei, dass alle Schüler/-innen angesprochen würden und nicht nur „Nerds“. Informatik wird dann relevant, wenn das Thema sich in der Gesellschaft wiederfinde. Beispiele für „Codes“ im Alltag seien etwa Barcodes auf Produkten, unsere Rechtschreibung, die Gesetzmäßigkeiten folgt wie auch eine Programmiersprache, Blindenschrift oder auch Noten in der Musik.

 

Mit dem neuen Aufbaukurs Informatik versuche man nun, prozessbezogene sowie inhaltsbezogene Kompetenzen zu schulen. Wichtig sei der Alltagsbezug von Informatik für die Schülerinnen und Schüler. Für den Einsatz im Aufbaukurs Informatik empfahl Mittag die Software „Scratch“, betonte jedoch, dass dies keine Vorgabe sei.

 

Oberstudienrätin Leonore Dietrich von Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch nannte den Aufbaukurs eine „Behelfsbrücke“. Er solle ein Anfang sein, werde dem Bedarf jedoch noch nicht gerecht.

Leonore Dietrich: Aufbaukurs Informatik ist eine „Behelfsbrücke“

Oberstudienrätin Leonore Dietrich vom Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch nannte den Aufbaukurs eine „Behelfsbrücke“. Er solle ein Anfang sein, werde dem Bedarf jedoch noch nicht gerecht. Wichtig sei vor allem die Qualifikation der Lehrkräfte. Nur mit fachlich qualifiziertem Personal gelinge es, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen Informationsbürgern auszubilden und sie für die Informationsgesellschaft zu ermächtigen. Die Digitalisierung habe mittlerweile Auswirkungen auf zahlreiche Arbeitsfelder und so sei ein grundlegendes Verständnis informationstechnischer Zusammenhänge nicht nur in entsprechenden Berufen ungemein wichtig. Es gehe schließlich auch nicht direkt um Programmierkenntnisse für konkrete Anwendungen, sondern vielmehr um analytisches Denken und problemlösende Arbeitsansätze.

 

Als Voraussetzungen hierfür nannte sie, dass Informatik ein eigenes Fach sein müsse, das ausreichend Platz im Stundenplan erhalte. Es müsse eine versetzungsrelevante Zeugnisnote geben und der Unterricht dürfe allein durch qualifizierte Informatiklehrkräfte erfolgen. Diese müssten über allgemeindidaktisches, fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen verfügen. Das bedeute ein tiefes und breites Wissen über Ziele, Rahmenbedingungen und Wirkmechanismen von Schule und Unterricht und über Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen sowie ein tiefes und breites fachwissenschaftliches Wissen in der Informatik, das sie in der Lage seien, mit einem differenzierten und themenspezifischen fachdidaktischen Wissen zu verknüpfen.

 

Dietrich stellte zwei aktuelle Ausbildungswege für Lehrkräfte im Fach Informatik vor. Die zweitägige ZPG Informatik für insgesamt 1.000 Kolleginnen und Kollegen als passgenaue Fortbildung und einen Zweijahreskurs für 40 plus 100 Kolleginnen und Kollegen als passgenaue Ausbildung. Hierbei werden jeweils standardisierte Unterrichtsmaterialien bereitgestellt. Informationen finden sich auf dem Portal informatik-bw.de.

 

An konkreten Unterrichtsideen nannte sie neben dem Einsatz von Scratch auch Dinge, die ganz ohne Computer realisierbar sind. So ist es möglich, mit Schnüren und Kisten das Internet nachzubauen und den Datenfluss zu visualisieren.

Handouts

Torsten Brinda: Konkurrenz oder Kooperation: Medienbildung und Informatik

Torsten Brinda: Konkurrenz oder Kooperation: Medienbildung und Informatik 2

Alexander Mittag: Informatik und Medienbildung im Bildungsplan 2016