Prof. Dr. Paul Bartsch: Medienbildung an deutschen Schulen

Prof. Dr. Paul Bartsch von der Hochschule Merseburg; Bild: Christian Reinhold/LMZ

Paul Bartsch, Fachgruppenleiter Medienbildung am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) und Professor für Kindheit und Medien an der Hochschule Merseburg, gab einen Rückblick, Einblick und Ausblick auf die Situation der Medienbildung an deutschen Schulen.

 

Bartsch betonte, Medienbildung stehe immer im Kontext zahlreicher Forderungen an die Schule. Forderungen sind etwa die nach Unterrichtsqualität, vor allem sichtbar an den verschiedenen Schulleistungsstudien, nach Inklusion und Individualisierung des Lernens, nach Verbesserung von Schulerfolgschancen von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus, nach Orientierung an der Lebenswelt und – ganz aktuell – nach der möglichst raschen Integration von nicht Deutsch sprechenden Schülerinnen und Schülern.

 

Hinzu kommen, laut Bartsch, aktuelle Herausforderungen, deren Ursachen in der rasanten Entwicklung der Medientechnologien begründet liegen, etwa die Mobilität dieser Technologien und die daraus resultierende ständige Erreichbarkeit oder die veränderten „kommunikativen, sozialen und kulturellen Konstanten unseres Lebens“ durch die Sozialen Medien. Zudem verwies er auf rechtliche Probleme, die sich aus der Medienentwicklung ergäben, so etwa im Bereich des Urheberechts oder Persönlichkeitsschutzes. Gleichzeitig habe sich durch die omnipräsente Verfügbarkeit des Internets die Rolle der Eltern und Pädagogen verändert, sie seien längst nicht mehr die „Gatekeeper“ zur jeweiligen Medienwelt. Der Zugang zu Medien finde nicht mehr unter ihrer alleinigen Kontrolle statt.

Bartsch: Fächerintegrativer Ansatz allein nicht ausreichend

Der Einsatz und die Nutzung „neuer Medien“ im schulischen Kontext habe unter Pädagogen stets „euphorische Befürworter“ und „ablehnende Gegner“. Historisch betrachtet habe sich jedoch immer das durchgesetzt, was sich pädagogisch bewährt habe. Daher seien es immer die gleichen Grundfragen, die sich an Bildungstechnologien stellen, etwa welche Wechselwirkungen zwischen neuen Medientechnologien und dem Bildungsbereich bestehen oder welche der gesellschaftlich relevanten Medien und Medientechnologien in Lehr- und Lernprozessen so eingesetzt werden, können, dass sie die Qualität des Lernens nachweislich verbessern. Dabei wies Bartsch darauf hin, dass gerade dieser Nachweis empirisch sehr schwierig sei.

 

Nach einem Rückgriff auf die Entstehungsgeschichte der Medienpädagogik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Dieter Baacke über Gerhard Tulodziecki, dem „Nestor der schulischen Medienbildung“, kam Bartsch auf den fächerintegrativen Ansatz der Medienbildung, der in den 1990er Jahren von der Kultusministerkonferenz als Konsens definiert wurde. Diesen habe er selbst jahrzehntelang mitvertreten, sehe ihn mittlerweile jedoch vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklungen in der Medienwelt etwas kritischer. Er gebe ihn zwar nicht völlig auf, sehe jedoch seine Ergänzung durch Arbeitsgemeinschaften, Wahlkurse oder Projekte als zunehmend wichtiger an. Dass das nicht allein seine Wahrnehmung sei, zeige sich nicht zuletzt daran, dass Baden-Württemberg nun den Basiskurs Medienbildung verbindlich einführe. In der Perspektive könne das auch ein eigenes Fach Medienbildung sein. Er verwies darauf, dass die „heilige Kuh“ der Stundentafel in der Schule seit jeher ein „Nachklapp“ der gesellschaftlichen Realität gewesen sei. Schon immer habe es eine gewisse Zeit gebraucht, bis ein gesellschaftliches Erfordernis sich in der schulischen Realität niedergeschlagen habe. Natur- und sozialwissenschaftliche Schulfächer etwa habe es erst gegeben, nachdem die entsprechenden Wissenschaften längst etabliert gewesen seien. Auch die aktuellen Diskussionen um die Informatik zeigten, dass auch in diesem Fall der Entwicklungsprozess wohl noch nicht abgeschlossen ist. Dabei hob er hervor, dass auch ein gut ausgebauter Informatikunterricht kein Ersatz für Medienbildung sei.

Medienkompetenz als „Schlüsselkompetenz“?

Mit der Medienkompetenz als „Schlüsselkompetenz“ kam Bartsch auf eine häufig vorgetragene, häufig auch kritisierte, Vorstellung zu sprechen. Die Frage, ob die Medienkompetenz denn nun eine Schlüsselkompetenz sei, antwortete er mit einem „ja, aber“. Er verwies dazu zunächst auf die klassischen Schlüsselkompetenzen, wie sie etwa John Erpenbeck und ‎Werner Sauter formulierten. Diese stellte er wie folgt dar:

  • die personale Kompetenz, die „Fähigkeit, sich selbst gegenüber klug und kritisch zu sein, produktive Einstellungen, Werthaltungen und Ideale zu entwickeln und danach zu handeln“
  • die Aktivitäts- und Handlungskompetenz, die „Fähigkeit, alles Wissen und Können, alle Ergebnisse sozialer Kommunikation, alle persönlichen Werte und Ideale auch wirklich willensstark und aktiv handelnd umsetzen zu können“
  • die fachlich-methodische Kompetenz, die „Fähigkeit, mit fachlichem und methodischem Wissen gut ausgerüstet, schier unlösbare Probleme schöpferisch handelnd zu bewältigen“
  • die sozial-kommunikative Kompetenz, die „Fähigkeit, sich aus eigenem Antrieb mit anderen zusammen- und auseinanderzusetzen, kreativ zu kooperieren und zu kommunizieren“


Wenn man diese als die „Schlüsselkompetenzen für unser heutiges Leben“ akzeptiere, dann könne man schnell der Idee verfallen, die Medienkompetenz als weitere Schlüsselkompetenz zu addieren. „Das geht natürlich nicht“, so Bartsch. Das stetige Addieren neuer Kompetenzen führe zu einer Überforderung. Naheliegender sei es, die vier Schlüsselkompetenzen als Säulen zu sehen, und die Medienkompetenz konsequent „quer dazu zu denken“: „Medienkompetenz steckt in all diesen Schlüsselkompetenzen ganz wesentlich drin“, so seine Ansicht. Es handle sich bei der Medienkompetenz also nicht um eine „Addition“, sondern um eine „zeitgemäße Aktualisierung und Schärfung“ der Schlüsselkompetenzen.

Bartsch: KMK-Erklärung 2012 war eine „entscheidende Zäsur“

Eine „entscheidende Zäsur“ in der Medienbildung, so Bartsch, sei die Erklärung Medienbildung in der Schule der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2012 gewesen. Diese sollte dazu beitragen, Medienbildung als Pflichtaufgabe schulischer Bildung nachhaltig zu verankern. Bartsch, der selbst an der Erklärung mitgearbeitet hat, drückte seine damalige Begeisterung über die Unterschrift aller Minister aus. Medienbildung sei dadurch zum deutschlandweiten Schwerpunkt geworden. Baden-Württemberg sei das erste Bundesland, das seither neue Bildungspläne erarbeitet habe, und man habe die Forderungen der Erklärung hier konsequent umgesetzt.

 

Schließlich erwähnte Bartsch einen Bundestagsbeschluss zur digitalen Bildung und Medienkompetenz vom 2. Juli dieses Jahres. Dieser enthalte neben hinlänglich bekannten Punkten auch „einige neue Zuschläge“, von denen er sich durchaus Wirkung erhoffe, etwa die Forderung nach einer Bund-Länder-Initiative zur Verbesserung der Rahmenbedingungen von Medienbildung oder ein „Pakt für digitale Bildung“. Es sei jedoch auch die „immer wieder mal aufkommende Forderung nach einem Informatikunterricht ab der Grundschule“ dabei.

 

Im Hinblick auf diesen Beschluss schloss er mit den Worten, es gehe nicht an, „Medienbildung auf Einzelaspekte zu reduzieren“. Man müsse davon ausgehen, „dass sehr unterschiedliche Interessen hinter diesen einzelnen Äußerungen, Statements und Forderungskatalogen stehen.“ Es gelte nun als Gesellschaft zu versuchen, diese unterschiedlichen Forderungen zu einer gemeinsamen Zielsetzung zusammenzuführen, also „weder die Wirtschaft, noch die Kultur, noch die Ethik oder den Jugendmedien- oder Datenschutz einseitig zu forcieren“. Das gelinge nur, wenn man den „systemischen Zusammenhang der verschiedenen Komponenten schulischer Medienbildung“ beachte.

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Prof. Dr. Paul Bartsch: Medienbildung an deutschen Schulen (Präsentation)